Nibelungenreise The dark age - Ein Amerikaner im Mittelalter

Der Kerl ist verrückt. Eindeutig. Setzt sich ein Jahr lang an das Steuer eines VW-Van, um das wirkliche Mittelalter zu finden. Und auf dem Höhepunkt seiner Suche, als er dem wahren Kern seiner Reise ganz nah ist, fällt ihm das ein: "Oh Mann, vermisste ich Kaffee." Da hat Eric T. Hansen bereits eine Woche mittelalterliches Diätessen und beinahe originalgetreu-karge Lebensumstände im fränkischen Heimatstädtchen des Wolfram von Eschenbach hinter sich gebracht. Zur Entschuldigung seien zwei Punkte vorgebracht: Hansen ist Amerikaner -die müssen einfach so reden. Und er hat über seine Reise ein Buch geschrieben. Fazit: Lesen, jetzt!

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Aufgewachsen in Hawaii nahmen Hansens jugendliche Träumereien sonderbare Auswüchse an. Wo seine Altersgenossen knackige Bikinischönheiten verehrten war der Bub in alte Rittergeschichten vernarrt. Nur wo sollte man denen auf dem Grund gehen, wenn nicht in good old germany? 1981 ließ sich Hansen von den Mormonen an das Ziel seiner Träume schicken. Immerhin hatte diese Glaubensgemeinschaft den unstrittigen Vorteil, ihre Missionare in aller Herren Länder zu senden. Kaum angekommen, trat der junge Mann flugs aus der Kirche aus und schickte sich an, das Mittelalter gründlich zu erforschen. Er wurde Mediävist.

Aber es kam keine Ruhe über Hansen, der Traum wühlte noch immer in ihm. Trockene Vorlesungen und Seminararbeiten genügten nicht und als Akademiker fühlte sich der lebenslustige Hawaiianer schon gar nicht berufen. Die Denkpause überbrückte er mit seiner Arbeit als Journalist für amerikanische Magazine, die er von Berlin aus belieferte. Und eines Tages, nach exakt 20 Jahren in Deutschland und mit dem festgefügten Plan, endlich wieder in die Heimat zurückzukehren, dachte sich Hansen sein Abschiedsmeisterstück aus. Er folgte auf einer gut ein Jahr umfassenden Tour den Spuren seiner ganz persönlichen mittelalterlichen Helden. Geografische Grenzen: Von Hamburg bis Esztergom (Ungarn). Zeit: Vom Hunnensturm (Nibelungenlied) bis zur Kopflosigkeit eines gewissen Klaus Störtebeker.

Was folgt ist der Bericht einer chaotisch anmutenden Hippietour durch Großstädte, verschlafenen Dörfern, mittelalterlichen Burgen, die gar keine sind, traumhaften Ruinen und verdammt viel Gegend. Tags sprach Hansen mit Wissenschaftlern und ausgewiesenen Experten für das jeweilige Thema, abends erforschte der Amerikaner die deutsche Seele. Wenn er nicht gerade ein gewaltiges Besäufnis mit Hobbyhistorikern austrug. Standhaft natürlich, als gelte es ein Turnier auszufechten. Offen und ungeniert plaudert der Journalist seine Erlebnisse aus und lässt auch nicht den kleinsten Flirt aus. Vom Kater danach ist allerdings nie die Rede.

Der Leser mag sich durchaus fragen, für wen, um Himmels willen, das Buch bloß geschrieben wurde. Für den historisch Interessierten, der vermutlich ganze Regale voller Sachbücher sein eigen nennt? Dem deutschen Laien? Wo selbst diesem Hansens zuweilen naiv wirkende Fragen an seine Interviewpartner auffallen müssten? Oder doch eher für den typischen Amerikaner? Dem dürften Hansens waghalsige Vergleiche gefallen, etwa wenn er die Aachener Kapelle Karls des Großen mit einem Doughnut vergleicht. Ein Nörgler mag so etwas in der deutschen Fassung störend, vielleicht sogar blasphemisch finden. Was, ein Ami, der unser Mittelalter mit amerikanischem Fastfood vergleicht? Weiß der Himmel, aber Hansen trifft (meist) des Pudels Kern mit seinen Interpretationen. Um es klar zu sagen: Sein Buch sollte ruhig in allen Kreisen seine Leser finden.

Es waren gerade die naiven Fragen und Hansens amerikanischer Dialekt, der ihm viele Türen öffnete. Ungemein erfrischend gibt er sich ganz seinem Thema hin. Schnoddrig, aber immer mit Sympathie für seine Helden und Gesprächspartner. Und ganz nebenbei hält der unbedarfte Amerikaner den Deutschen einen Spiegel hin. Auf seiner Reise ist einfach alles wichtig: Die Burg am Straßenrand und die Tatsache, dass es in deutschen Wirtshäusern eben kein Frühstück geben darf, wo ein solches nicht auf der Tageskarte verzeichnet ist. Hansen erzählt es so: “Es gibt eine Sache, die man wissen muss, wenn man mit Deutschen verhandelt. Ich nenne es das Lass-sie-nein-sagen-Prinzip.”

Bei aller ausschweifenden Erzählwut lässt Hansen indes seine Lieblinge selten außer Acht. Mit Akribie wühlte er sich durch deren Geschichte und bringt die wichtigsten Fakten und noch manches mehr auf den Tisch. Natürlich in seiner unverwechselbar ironischen Weise. So spricht Hansen von einer Burg schon mal als dem Ort , an dem ein “übelriechender Kerl wohnt, den niemand leiden kann”. Es ist aufschlussreich und amüsant zugleich, wenn der Autor das Nibelungenepos oder Eschenbachs Parzivalgeschichte zusammenfasst. Das Buch ist ein einziger Werbespot für europäisch-deutsche Geschichte (an die amerikanische Adresse) und dem deutschen Leser will Hansen eigentlich nur sagen: Hey, schaut mal, was ihr hier Tolles habt. Er hätte es nicht schöner machen können.

Bibliografie

Eric T. Hansen: Die Nibelungenreise – Mit dem VW-Bus durchs Mittelalter; Malik Verlag; 2004; 364 Seiten; 22,90 Euro; ISBN 3-89029-278-X

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