Mittelalterkrimi Sturm über einer Klosterinsel

Sommer 1224: Ein von Wind und Wassermassen umtostes schottisches Kloster; der junge Martin auf der Suche nach seiner Vergangenheit, der blinde Mönch Michael, dessen Brust vor unerzählten Geschichten zu bersten droht, und schließlich der gerissene Simon de Quincy, dessen Leben am Papsthof von dunklen Geheimnissen umgeben ist - all diese Elemente verwebt Simon Taylor in seinem Roman "Der Mönch".

Die Klosterinsel Incholm im Firth of Forth hat es dem 1950 geborenen und heute in Edinburgh lebenden Schriftsteller angetan. Er ist Herausgeber und Übersetzer des “Scotichronicon”, der mittelalterlichen Chronik über Schottland schlechthin. Dessen Verfasser war der im 14. Jahrhundert lebende Augustinermönch Walter Bower – ein Bruder im Kloster zu Incholm.

Der Leser darf also ein mit historischen Fakten und geradezu mit “Insiderwissen” über das schottische Königreich gespicktes Buch erwarten. Und richtig, diese Erwartung enttäuscht Taylor auch keineswegs. Der Roman umfasst die Zeit zwischen 1160 und 1224. Es ist ein Zeit lange vor den berühmten antienglischen Aufständen eines William Wallace (Sieg bei Stirling 1297) und eines Robert the Bruce (Sieg bei Bannockburn 1314). Mit Genuss verlässt Taylor die Lebensgeschichten der Mönche, die sich um Incholm ranken, wie der Efeu um einen alten Turm, um die Verwicklungen im politischen Leben der Könige und Barone zu beleuchten. Ob nun schottischer oder englischer Hof – überall gaben die gleichen Adligen mit normannischem Blut den Ton an. Nur vor einem solchen Hintergrund ist die wachsende Verbitterung der angelsächsischen Schotten zu verstehen, die in den späteren Aufständen in wahren Volkszorn umschlug. Löblich der ausführliche Anhang, in dem die (zahlreich vertretenen) historischen Personen und die fiktiven Charaktere mit den wichtigsten Daten vorgestellt werden.

Doch allzuschnell verfängt sich der junge Mönch Martin in der Lebensgeschichte des alten Michael. Und Taylor lässt den Leser lange mit der Überlegung allein, was die Geschichte des Blinden mit Martin zu tun hat. Es ist eine Geschichte voller Verwicklungen um die geistige und körperliche Liebe. Die Suche nach der perfekten – und von der Kirche geduldeten – Freundschaft treibt den Mönch trotz Keuschheitsgelübde in so manchen (durchweg männlichen) Arm. Doch ist der Roman alles andere als ein Sittengemälde um die Geschichte der Liebe und Begierde hinter Klostermauern.

Michael erzählt und der Autor lässt Martin lediglich als willenlosen Zuhörer in dessen Bann auftreten. Taylor enttäuscht aufkommende Erwartungen an einen spannenden Generationenkonflikt zwischen altem und jungen Mönch. Denn tatsächlich hatten sich die Zeiten gewandelt. Schließlich ist Martin ein Zögling äußerst strenger Klosterregeln, während Michael noch lebendige Erzählungen kirchlicher Philosophen in sich trägt, die der idealen Liebe zwischen Freunden ganze Bücher widmeten. Diese Bücher verschwanden später stillschweigend in der Versenkung.

Der Roman bietet indes eine Fülle von Szenen, die den Alltag in einem hochmittelalterlichen Kloster beschreiben. Taylor folgt unbeirrt dem typischen Karriereweg eines Mönchs und gewährt ironische Einblicke in die Interna eines klösterlichen Gemeinwesens – dem auch Intrigen und Mord nicht fremd sind. Und seine regelmäßigen Sprünge auf das weltliche Festland machen Appetit auf mehr. Etwa wenn Taylor von Richard Löwenherz als einen König spricht, “von dem es heißt, er sei ein überaus hübscher Mann gewesen, er habe mehr Männer als Frauen geliebt, und es sei ihm gleichgültig gewesen, wer davon wusste”.

Simon Taylor: “Der Mönch”; 750 Seiten; 12,90 Euro; Verlag Knaur; ISBN 3-426-62397-8

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