Kreuzritter Psychologie zwischen Grauen und Glauben

Noch ein Buch über die Kreuzzüge? Der vorliegende Band ist doppelt berechtigt: Zum einen, weil sich mit dem britischen Historiker Norman Housley ein ausgewiesener Kenner auf vertrautes Terrain wagt, zum anderen, weil das Thema "Kreuzzüge" gegenwärtig so aktuell ist, wie kaum in den vergangenen Jahrhunderten. Islamistisch geprägter Terror hüben und christlicher Schulterschluss drüben - auf beiden Seiten wird einem modernen Kreuzrittertum das Wort geredet. Es wird Zeit, einmal genauer auf die mittelalterlichen Träger des Kreuzzugsgedankens zu blicken und die Kombattanten entweder selbst zur Sprache kommen zu lassen oder ihre Beweggründe zu analysieren. Ist schon dieser historische Ansatz lobenswert, kommt einem dadurch ermöglichten Vergleich zur heutigen Situation ebenfalls große Bedeutung zu.

Wie sah das Weltbild der Kreuzritter aus? Wie vereinten sie inbrünstigen Glauben mit ungeheuerlichen Gräueltaten? Was zog die christlichen Kämpfer immer wieder in das so genannte Heilige Land? Fragen, denen der Historiker vor allem anhand zeitgenössischer Berichte nachging, die vom Ende des 11. bis zum frühen 15. Jh. erschienen. Diese Herangehensweise macht das Buch so einzigartig in der Flut der Titel, die sich dem Thema widmen. “Wir können sagen”, schreibt der Autor, “dass die vielen Herausforderungen, die der Entschluss mit sich brachte, sich auf einen Kreuzzug zu begeben, einen der großartigsten Motoren für Innovation bildete, die im mittelalterlichen Europa existierte. Nichts könnte natürlicher sein, als unser Wunsch, die Psychologie der Menschen zu verstehen, deren Handlungen Auswirkungen hatten, die so massiv und dauerhaft waren. Gleichzeitig gibt es kaum etwas Schwierigeres.” Und noch etwas anderes prägte das Buch: Neben der gewaltigen militärischen Leistung stand auch die “legenda negra”, die “schwarze Legende” aus Gier und Intoleranz, die bis heute Spuren im Nahen Osten hinterließ.
Dies sind die Berichte, die Housley akribisch untersuchte, um dem Lebensgefühl und den Motivationen der damaligen Menschen nahe zu kommen: Die “Gesta Francorum” eines anonymen fränkischen Ritters, der den Ersten Kreuzzug erlebte, Villehardouins “La Conquéte de Constantinopel”, die den Vierten Kreuzzug (nach Konstantinopel) beschreibt, Joinvilles “Vie de Saint Louis” sowie das “Livre des Fais” des französischen Marschalls Boucicaut (15. Jh.).
Wer allerdings seitenweise Auszüge aus den Originalen erwartet, wird enttäuscht sein. Eine bloße Kopie ist nicht das Anliegen Housleys. Vielmehr grast er chronologisch die Ereignisse nach Begebenheiten und Berichten ab, die die Persönlichkeit der mittelalterlichen Chronisten und ihrer Zeitgenossen hervorheben. Seinen Analysen stellt der Autor wichtige Zitate aus den Quellen gegenüber, wobei er sich auch bei anderen Primärquellen bedient. Denn, wie Housley nicht müde wird zu betonen, selten stellt eine einzige Quelle ein Ereignis in seinen wahren Dimensionen dar, zu sehr hängen Inhalt und Qualität von den Zielen und der Bildung des Urhebers ab.
Hervorragend sind die Zusammenfassungen der historischen Fakten, etwa wenn der Autor über die Gründe für den Ersten Kreuzzug oder die Verwicklungen im Vierten Kreuzzug referiert. Gerade bei Letzterem kursieren zahlreiche Verschwörungstheorien, warum die Kreuzfahrer nicht ins Heilige Land, sondern zur Eroberung der christlichen Städte Zara und Konstantinopel umgelenkt wurden. Zwar erwähnt Housley solche Theorien, kommt damit aber nur seiner Chronistenpflicht nach. Vielmehr ist ihm an der Darstellung unseliger Verkettungen von wirtschaftlich-politisch-religiösen Gründen gelegen.
Dem Lesefluss kommt dabei zugute, dass der Wissenschaftler Housley keinesfalls einen professoralen Stil an den Tag legt. Sein Buch liest sich leicht und flüssig, ist dabei ausgezeichnet recherchiert und belegt. Es wäre an manchen Stellen wünschenswert, noch mehr Originalzitate zu lesen. Doch wer mag, findet ausreichend Quellen, um dies in eigener Regie zu tun. Was bleibt, ist eine tiefgründige Tauchfahrt in die Psychologie der mittelalterlichen “milites christi”, der Soldaten Christi. So gut es eben ein Heutiger tun kann.

Norman Housley; Die Kreuzritter; Theiss Verlag; Stuttgart; 2004; 224 Seiten; Einführungspreis bis 31.12.2004: 24,90 Euro (danach 29,90 Euro); ISBN 3-8062-1856-0

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