Spukgeschichten Luther und der Succubus

Die deutsche Sagenwelt ist voll von Gespenstergeschichten. Viele dieser Storys sind voll von mittelalterlichen Denkweisen. Teils stammen sie aus dieser Zeit, teils wurden sie seit der Reformationszeit schriftlich niedergelegt. Der thüringische Verlag Kirchschlager widmet sich seit Jahren den Überlieferungen. Der folgende Beitrag ist mit dessen freundlicher Genehmigung dem Band "Der spukende Sarg" entnommen.

Der teuflische Succubus

Der erleuchtete Doktor Martin Luther sagt an einem Ort, er habe selbst von Kurfürst Johann Friedrich zu Sachsen eine seltsame Geschichte gehört, von einem adligen Geschlecht in Deutschland, das von einem Succubus erzeugt wurde.

Ein Edelmann hatte ein schönes Weib. Diese war ihm gestorben und auch begraben. Nicht lange danach lagen der Herr und Knecht gemeinsam in einer Kammer. Da kam des Nachts die verstorbene Frau und lehnte sich über das Bett des Herren, so als wenn sie mit ihm reden würde. Da nun der Knecht sah, dass dies zweimal nacheinander geschah, fragte er den Junker, was es mit dem Weib auf sich hätte, die jede Nacht in weißen Kleidern vor sein Bett kommen würde. Der Edelmann jedoch bedeutete ihm, dass er die ganze Nacht über schlafe und nichts sehe.

Als es wieder Nacht wurde, gab der Junker darauf acht, und wachte im Bett. Da kam die Frau wieder vor das Bett. Der Junker fragte: “Bist du gestorben und begraben?” da antwortete sie, sie habe wegen seines Fluchens und anderer grober Sünden sterben müssen. Wolle er sie aber wieder bei sich haben, so wolle sie wieder seine Hausfrau werden, so wie früher. Er sprach: “Ja, wenn es möglich ist.” Sie aber forderte und mahnte ihn, er dürfe nicht fluchen, da sie schon an einem Fluch leide, sonst würde sie wieder sterben. Dies versprach ihr der Mann.

Da blieb die verstorbene Frau bei ihm, regierte Haus, schlief bei ihm, aß und trank, zeugte auch Kinder mit ihm. Nun begab es sich, dass der Edelmann einmal Gäste bekam. Am Abend holte das Weib nach gehaltener Mahlzeit einen Pfefferkuchen zum Obst aus einem Kasten, blieb dabei aber etwas zu lange fort. Da ergrimmte der Mann und fluchte auf seine sonst gewöhnliche Weise. Worauf die Frau augenblicklich verschwand und es aus mit ihr war. Da sie nicht wieder kam, ging der Mann in die Kammer hinauf, um zu sehen, was sie aufhalte.

Da lag ihr Rock, den sie angehabt hatte, halb mit den Ärmeln im Kasten, der andere Teil aber draußen, so wie sich die Frau gerade in den Kasten gebeugt hatte, als ihr Mann fluchte. Sie blieb für immer verschwunden und wurde später nicht mehr gesehen.

Hierbei fragt es sich, ob es eine richtige Frau war und ob sie richtige Kinder mit ihm zeugte. Ich, Luther, sage nein. Der Teufel selbst war mit in diesem Spiel und hat dem Edelmann wie ein Succubus in Gestalt seiner verstorbenen Frau beigewohnt und Kinder mit ihm gezeugt, die man besser Teufelsbruten denn als richtige Menschenkinder halten muss. Dem Teufel ist es nicht schwer, eines Menschen Gestalt anzunehmen und bald einen Succubus, bald einen Incubus, d.h., bald einen weiblichen, bald einen männlichen Beischläfer durch seine kräftige Verblendung vorzustellen.

Quelle

Die Geschichte ist dem Band “Der spukende Sarg – Wahrhaftige Geschichten von Gespenstern, Poltergeistern und anderen seltsamen Erscheinungen” entnommen, ausgewählt und bearbeitet von Lothar Bechler und Michael Kirchschlager, Verlag Kirchschlager, Arnstadt, 2003, ISBN 3-934277-05-5

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