„Abenteuer Mittelalter“ Living-History-Serie startet im Herbst

„Hirsebrei ist nicht gleich Hirsebrei.“ Eine simple, aber wichtige Erkenntnis, die Michael Kirchschlager nach einer sechswöchigen Zeitreise ins Spätmittelalter gewann. Mit ihm erlebten elf Menschen das „Abenteuer Mittelalter“ auf dem thüringischen Schloss Burgk. Die Hamburger TV-Firma Doc-Station und der Mitteldeutsche Rundfunk trauten sich für ihr Living-History-Format einen Zeitsprung von 600 Jahren in die Vergangenheit zu. „Das hat bisher noch kein Sender gewagt“, meint Claudia Schreiner, Programmchefin Kultur/Wissenschaft beim MDR. Am 21. November strahlt Arte die erste Folge aus. chronico sprach vorab mit zwei Zeitreisenden: Burgvogt Maik Elliger und Küchenmeister Michael Kirchschlager.

Authentisches mit Kompromissen

Die englische BBC übernahm die Vorreiterrolle für das neue TV-Format. Nicht bloße Geschichtsdokumentationen wollte sie machen, sondern heutige Menschen die Vergangenheit erleben lassen – in möglichst authentischem Umfeld. Die Kameras (fast) immer dabei, um auch den Zuschauer an der Zeitreise teilhaben zu lassen. Das Ergebnis war „The Victorian House“. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland zogen mit „Schwarzwaldhaus“, „1900“ und – aktuell – „1927“ nach.

Mehr als 150 Jahre reichte keine dieser Serien in die Vergangenheit. Die Hemmschwelle soll nun mit „Abenteuer Mittelalter“ aufgebrochen werden. Das Problem: Je früher die Dokumentation angesiedelt ist, desto spärlicher sind die Daten über diese Zeit. Eine Interpretation von Gewohnheiten im Alltag ist unumgänglich. Und so ist auch Schloss Burgk ein Kompromiss. „Abenteuer Mittelalter“ spielt im Jahr 1419. „Aus dieser Zeit gibt es kaum einwandfrei erhaltene Anlagen“, sagt Teilnehmer Kirchschlager – von Haus aus Historiker und Vorsitzender des Thüringer Runneburgvereins.

Diesen Problemen begegnete das Filmteam auf verschiedenen Wegen: Neben Kirchschlager ist auch Burgvogt Maik Elliger einschlägig „vorbelastet“. Als Vorsitzender des Thüringer Ritterbundes und Organisator historischer Veranstaltungen bringt er einiges an Erfahrung mit. Alle anderen Probanden sind Mittelalter-Neulinge. Drei Historiker holte der Sender zusätzlich als Fachberater ins Boot. „Es ist nicht hundert Prozent echt, aber wir haben uns der Geschichte gut genähert. Mir war einfach wichtig, dass der gewisse Funke beim Publikum ankommt“, meint Kirchschlager nach den Dreharbeiten im Mai und Juni. Schon jetzt melden Vertreter aus der Reenactment-Szene Zweifel an der authentischen Ausstattung der Burgbewohner an.

Zwei Thüringer übernehmen die Führung

Das „Gesinde“ steht im Zentrum von „Abenteuer Mittelalter“. Und als „Burgvogt“ ist Elliger der einzige Vertreter der Herrschaft. Nur ein „Knappe“ steht im zur Seite. Alle anderen sind Vertreter des einfachen Volkes, angesiedelt auf einer Burg in Friedenszeit. Es geht den Filmemachern um den Alltag, jenseits von adligem Repräsentationsgehabe und Kriegsgeschehen.

Die Burg bietet den idealen Mikrokosmos, die vorhandene Hierarchie genügend Konfliktpotenzial – die Dokumentation will selbstverständlich unterhalten. „Ansonsten gab es kein Drehbuch“, sagt Kirchschlager, der als Küchenmeister das Gesinde zu leiten hatte. „Das hieß sechs Wochen Crashkurs in mittelalterlicher Küche.“ Dafür war Kirchschlager der ideale Mann – als Chef eines Geschichtsverlages, der auch ein mittelalterliches Kochbuch herausgab.

Elliger war als Vogt in seinem Element. Führungsqualität beweist er bei Auftritten des Thüringer Ritterbundes und bei dessen Vorbereitung auf eines der größten Reenactments im englischen Hastings im nächsten Jahr. Seine Rolle hielt er komplett durch. „Kein Bitte oder Danke – entweder richtig oder gar nicht“, war sein Credo. Als „Schleifer“ sei er schnell beim Gesinde bezeichnet worden. „Aber die Teilnehmer fanden es gut“, sagt er. Auch Kirchschlager ist voll des Lobes für „seine“ Leute: „Alle haben durchgehalten. Hut ab vor meinen Mägden und Knechten.“

Krautsuppe und harte Arbeit

Die ersten Tage auf Burgk waren die schlimmsten. Mit Kräutergarten, Tieren und sonstigen Lebensmitteln war die Besatzung zwar ausgestattet, doch jede Mahlzeit musste hart erarbeitet werden. Gegen vier Uhr krähte der Hahn, das Zeichen zum Aufstehen. „Und vor 22 Uhr kamen die Mägde kaum in ihr Strohlager“, beschreibt der Küchenmeister. Nicht, dass jemand heimlich eine Uhr mitgenommen hätte – der Sonnenstand war der Zeitmesser. Einzige Erinnerung an die Moderne waren die Kameraleute und Tontechniker. Versteckte Kameras gab es nicht.

Kein Wunder, dass die geräumige Küche der Burg zum Zentrum des Geschehens wurde: Die meisten Bemühungen galten der Bewirtschaftung der Burg und der Eigenversorgung. „Eine Magd konnte anfangs kaum eine Pfanne halten“, feixt Kirchschlager. Auch er blieb hart: Er kochte nur für die Herrschaft – das Gesinde musste selber ran. Am Ende war Knecht Klaus der perfekte Bäcker (Kirchschlager: „Hefe gabs noch nicht und mit dem Sauerteig mussten wir experimentieren.“), auch das Zerteilen von Fisch und Wildschwein ging schließlich flott von der Hand.

Nicht, dass das Gesinde besonders viel Fleisch bekommen hätte. „Brotsuppe, Hirsebrei, Kohl und manchmal Wurst und fleischige Knochen“, zählt der Küchenchef auf. Er unternahm viele Selbstversuche, bis der Hirsebrei wirklich schmeckte. „Mit überlieferten Zutaten wie Honig oder Milch“, sagt er. Das Beste war aber dem Vogt vorbehalten. „Ich bin ja ein schlechter Esser, aber Michael war wirklich gut“, lobt Elliger.

Zu Höchstform liefen die Burgbewohner gegen Ende ihrer Zeitreise auf. Auf dem Programm stand der Besuch des „Fürsten“, also dem Eigentümer der Burg, samt einiger Gäste. „Wir haben uns richtig Mühe gegeben“, sagt der Vogt. Wie im wahren Leben musste er seinen Herrn vom guten Zustand der Burg und der Mannschaft überzeugen. „Es gab ein rundes Programm mit Minnedichtung.“ Mehr verrät Elliger noch nicht. Auch das Festessen sei mit enormen Aufwand betrieben worden, sagt Kirchschlager. „Alles Rezepte, die für die Zeit 1400 bis 1450 belegt sind.“

Zurück zu den Wurzeln

Sechs Wochen fern der vertrauten Gegenwart. Für den Vogt bedeutete das eine Zeit in Isolation – man macht sich schließlich nicht mit dem Gesinde gemein. „Aber das war mir ja klar“, sagt er. Irgendwann in den Momenten, wenn er – die Kameras bereits abgebaut – auf den Zinnen stand, gab es diese einzigartigen Augenblicke. „Dann fühlte ich mich richtig im Mittelalter“, schwärmt Elliger.

Ähnlich empfand es auch sein Küchenchef. „Die Sinne stellen sich in dieser Umgebung um“ erzählt er. Kein Strom, dunkle Gänge, kein fließend Wasser – all das habe ihn kaum noch gestört. „Es war einfach nicht mehr nötig. Die Reduzierung auf das Wesentliche, das war ein klasse Erlebnis.“ Und seine ewigen Nackenschmerzen vom Sitzen am Schreibtisch, auch sie waren verschwunden.

Das Mittelalter stinkt? Als Kirchschlager nach den Dreharbeiten wieder in eine moderne Stadt kam, haute ihn die Lautstärke und der Gestank beinahe um. Der erste Kommentar seiner Frau nach der Heimkehr war der Gegensatz. „Du riechst wie ein Ziegenbock“, habe sie ihm zugerufen. Kirchschlager lacht: „Da hatte ich schon eine halbe Stunde geduscht.“

Ein Schokoladeneis war das Erste, was sich der strenge Vogt nach seiner „Dienstzeit“ gönnte. Dennoch trauert er der Zeitreise nach. „Ich habe erfahren, welche Belastungen möglich sind – und das in dieser herrlichen Umgebung.“ Für ihn wie auch dem Historiker Kirchschlager ist sicher, dass ein gutes Maß ihrer Erfahrungen auch beim Zuschauer ankommt.

Artikel aus der Rubrik „Medien“

  • Ritterorden im Mittelalter

    Endlich ein Übersichtswerk, das sich der Entwicklung der abendländischen Ritterorden vollständig annimmt. Verfasst von Fachautoren, die mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die Organisationen von Templer, Johanniter und Co. untersuchten.…

  • Antike Stars im Olymp

    Vergangenes als moderner Mensch neu entdecken: Das ist das auch das Credo von chronico. Hannoversche Designstudenten nehmen es mit dem „modernen Blick“ wortwörtlich. Sie schufen homerische Figuren für eine Ausstellung neu.

  • Als Spanien christlich wurde

    Von 711 bis 1492 existierten islamische Reiche auf der iberischen Halbinsel. Nicht aus deren Sicht, sondern aus dem Blickwinkel ihrer christlichen Gegenspieler gibt es Neues auf dem Buchmarkt. Ein kritischer Blick.

  • Der Zauber mittelalterlicher Musik

    Ein Special zu Vertonungen historischer Musik: Das Lochamer Liederbuch aus dem 15. Jahrhundert erwacht zu neuem Leben. Vox Resonat treten als „Spielleute Gottes“ auf. Und es gibt eine Musikreise ums Mittelmeer.

2 Kommentare

  1. lesen

    01. Dezember 2005, 09:12 Uhr • Melden?
    von Thomas
    1
  2. lesen?

    14. November 2006, 10:11 Uhr • Melden?
    von Markus
    2

Ihr Kommentar zum Artikel „Living-History-Serie startet im Herbst“


Sie sind angemeldet als

abmelden