Aberglauben Lexikon des Wunderbaren

Aberglauben hat seit jeher den Ruch des Esoterischen. Doch die Erforschung der Überlieferungen hat – wenn sie ernst gemeint ist – nichts mit Grenzwissenschaften zu tun. Und so beschäftigt sich das Wörterbuch aus de Hause Reclam auch nicht mit Phänomenen und Erscheinungen, sondern textkritisch mit den Quellen. Damit ist das Buch ein hervorragendes Nachschlagewerk.

Sachlicher Blick

Aberglaube, schreibt der Autor Dieter Harmening, ist ein Begriff, der Bereiche des Wahrsagens, der Zeichendeutung, magisches Wissen und Zauberei einbezieht. Im 19. Jh. gingen erste wissenschaftliche Untersuchungen von einem evolutionstheoretischen Standpunkt aus: Danach sind abergläubische Texte und Handlungsanweisungen nur Zeugnisse verschwundener religiöser Kulturen – etwa germanischer, keltischer oder indogermanischer Herkunft. Falsch, meint Harmening, und umreißt das Geschehen etwas weitläufiger.

Die Geschichte eines Aberglaubens begann oft erst im Spätmittelalter oder in der Neuzeit, wissen die Forscher heute. Nicht immer steckt eine Überlieferung aus vergangenen Zeiten darin, sondern eher eine Sicht der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Ereignisse. Harmenings Fazit: Pauschalisierungen wie beispielsweise die Bezeichnung „germanischer Fruchtbarkeitskult“ für bestimmte Handlungen sind aus wissenschaftlicher Sicht ungenau und überholt.

Auf der Suche nach dem tieferen Sinn

Mehr als 1000 Stichwörter hat der Autor in dem Lexikon zusammengetragen. Die Palette reicht von „Alchemie“ bis zum „Zweiten Gesicht“ (optische Halluzination). In den Beiträgen sucht er jeden Begriff historisch und regional zu beschreiben und mit Quellen zu belegen. Ein dichtes Netz aus Querverweisen schaffen die nötigen Zusammenhänge. Der Fokus liegt auf europäischen Regionen, mit den nötigen Verweisen auf ägyptische und nahöstliche Quellen, sofern sie eng mit den in Europa überlieferten Aberglauben zu tun haben.

Eine Übersicht nach Regionen wird der Leser aber nicht finden. „Keltische“ oder „germanische“ Texte und Weisheiten sind aus naheliegenden Gründen nicht unter diesen Begriffen zu finden. Vielmehr klopft Harmening die einzelnen Begriffe nach ihren wichtigsten Bedeutungszusammenhängen ab, Zum Beispiel der „Ring“: Als Kreissymbol steht der Ring in vielen Kulturen für Ewigkeit und Göttlichkeit. „Wunderringe“ sind in der Antike bezeugt, „Zauberringe“ hatten ein bestimmtes Aussehen und dienten unterschiedlichen Zwecken. Die wichtigsten trägt der Autor zusammen und gibt auch Beispiele für die Wirkung in der Gesellschaft. So endete der Gebrauch eines Ringes für einen Liebeszauber nach einem Prozess in Marseille im Jahre 1611 für den Delinquenten mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen.

Es ist nicht alles Zauber, was magisch klingt

Für interessierte Laien und Living-History-Akteure bietet das Buch gleichermaßen gute Hinweise. Das Lexikon versammelt sowohl historische Personen, die sich quasi beruflich mit Dingen beschäftigten, die ihr Umfeld oder heutige Menschen als Aberglauben bezeichneten (etwa Hildegard von Bingen) und volkstümliche Überlieferungen, die etwa das Bild der „Hexe“ prägten.

Wie schnell aus ursprünglich hochreligiösen und sehr christlichen Formeln ein magischer Begriff wurde, illustriert folgendes Beispiel: Den Satz „Hoc est corpus meum“ (Das ist mein Leib) wurde durch lautmalerische Verballhornung der berühmte Zauberspruch „Hokuspokus“.

Fazit: Das Lexikon ist längst nicht vollständig, bietet aber eine fantastische Übersicht und bietet einen sachlichen Einstieg in die Materie – auf dem neuesten Stand der Forschung. Das ausgezeichnete Quellenverzeichnis listet neben moderner Forschungsliteratur vor allem historische Schriften auf.

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