Wendepunkte Kaleidoskop dramatischer Momente

In 31 Miniaturen zeichnet Martin Kaufhold "dramatische Momente" des Mittelalters nach, wie der Historiker der Universität Augsburg schreibt. Er spannt den Bogen von der Kaiserkrönung Karls des Großen (800) bis zur "Entdeckung" Amerikas durch den Genueser Christoph Columbus (1492). All diesen "Momenten" wohnt eine Spannung inne, die der Autor freilegt und beschreibt - eine Spannung, die zeigt, wie sehr der Lauf der Dinge von einzelnen kritischen Augenblicken abhängt. Wendepunkte eben, nach denen nichts mehr so ist wie zuvor.

Geschichte durch persönliche Schicksale geprägt

Das Thema macht klar, dass Kaufhold in dieser Zusammenstellung mittelalterlicher Geschichte wenig am Alltag gelegen ist. Vielmehr präsentiert er ein – zugegebenermaßen persönliches – Kaleidoskop persönlicher Schicksale. Eng hängen die Wendepunkte mit dem Leben einiger “Tatmenschen” zusammen. Insofern besinnt sich der Autor in diesem Buch auf die Tradition vergangener Chronisten, deren Werke ebenfalls auf dem Leben zeitgenössischer Prominenter beruhten.
Allerdings geht Kaufhold selbstverständlich mit dem Blick eines Wissenschaftlers vor. Er huldigt nicht, sondern er schaut detailliert nach. “Welche Rolle spielen die Menschen in der Geschichte?”, wollte der Historiker wissen. Und so ist nur ein einziges Kapitel in seinem Buch nicht von Einzelschicksalen geprägt – die Ankunft der Pest in Europa (1348). Dennoch schafft es Kaufhold auch hier, die Fakten in erschreckender Dramatik zu präsentieren. Auch dieses Ereignis war ein Wendepunkt im Abendland.

Exquisite Miniaturen

Zwei Beispiel mögen für die exquisite Arbeit des Autors stehen: Zum einen “Die Ermordung Thomas Beckets” (1170). Mit enormer Detaildichte und klarem Erzählstil beschreibt der Autor hier die Wandlung vom königstreuen Kanzler Becket zum kompromisslosen Verfechter für Kirchenangelegenheiten, als er zum Bischof von Canterbury ernannt wird. Mit dieser Metamorphose wird Becket zum Gegner des englischen Königs Heinrich II. – und wird beseitigt. Kaufhold gibt damit ein eindrucksvolles Beispiel wieder, das die wachsende Kluft zwischen weltliche und geistlichen Dingen aufzeigt.
Zum anderen sei die hervorragende Darstellung der Ereignisse um das Treffen Jeanne dÂ’Arcs mit dem Dauphin Karl (1429) genannt. Mit großer Leichtigkeit und Transparenz entwirrt Kaufhold die verwickelten Beziehungen zwischen dem verwaisten französischen Königsthron, einem Bauernmädchen, dem englischen König Heinrich V. und die Rolle der Burgunder.

Leser wird durch Momentaufnahmen geführt

Stufe für Stufe durchschreitet Kaufhold mit seinen “Momentaufnahmen” die mittelalterliche Geschichte. Mit dieser Taktik werden auf besondere Weise die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen deutlich. Wenn Karl der Große den Anfang des lateinischen Abendlandes markiert, so kann die Kaiserkrönung Ottos I. (962) gewissermaßen dessen Vollendung verdeutlichen. Der Erstere führte jahrzehntelange Kämpfe gegen die heidnischen Sachen. Und aus diesem Volk stammt Letzterer. Otto der Sachse also als allerchristlichster Herrscher und zugleich Begründer des Reiches, das bald das Deutsche genannt wird.
Oder nehmen wir den Einzug des Papstes Leo IX. in Rom (1049). Kaufhold beschreibt dessen Amtseinführung als Beginn des so genannten Reformpapsttums – eine Ära, in dem sich die Päpste ihrer Macht besinnen und zunehmend auf Augenhöhe mit den Kaisern stehen (siehe Gang nach Canossa 1077). Zugleich heizen diese Päpste das religiöse Empfinden so sehr an, dass laienchristliche Bewegungen zuhauf entstehen. Diese kulminieren wiederum in die begeisterte Aufnahme des Kreuzzugsaufrufs von Urban II. in Clermont (1095) – ebenfalls ein Kapitel des Buches – sowie in die Anfänge der Bettelorden. Einen solchen gründete Franziskus von Assisi, dessen Audienz beim Papst Innozenz III. (1209) gleichfalls in Kaufholds Kanon Eingang fand.
Mit der Prägung der ersten Goldmünzen durch die Florentiner (1252) aus Protest gegen Kaiser Friedrich II. oder die Verfeinerung des Buchdrucks durch Johannes Gensfleisch zum Gutenberg (um 1450) nahm sich der Autor auch wichtiger Momente aus Wirtschaft und Kulturleben an.

Der Autor stößt an Grenzen

Nun mag der eine oder andere Leser nicht mit der Auswahl der kritische Augenblicke, die Kaufhold getroffen hat, einverstanden sein. Man kann sie aber durchaus nachvollziehen und als einen guten ersten Einblick in das Mittelalter anerkennen.
Allerdings trifft die Form der Miniatur, die den einzelnen Geschichten nur wenig Platz lässt, schnell an ihre Grenzen. Während Kaufhold in einigen Kapiteln eine sehr gute Mixtur aus Fakten und psychologischen Analysen gelingt, lässt die Darstellung andernorts zu wünschen übrig.
Schade: Im Kapitel über den Eintritt Bernhards von Clairvaux in den Zisterzienserorden (1113) bleibt die Figur unheimlich blass, wird hinter nackten Daten geradezu versteckt. Statt dessen verplätschert der Autor hier zu viel Platz mit der Erwähnung des Ordensbruders Otto von Freising, dem Onkel Kaiser Friedrichs I. Barbarossa.
Überhaupt scheint Kaufhold sehr oft auf Grenzen zu stoßen, wenn es um einen detaillierten Blick auf seine “Helden” geht. Natürlich umranken viele Legenden die historischen Persönlichkeiten, doch allzuschnell, so der Eindruck, lässt der Historiker von dem Versuch ab, den Charakter freizulegen.
Dennoch trifft die Auswahl den Nerv der Zeit: Flüssig geschrieben und überschaubar aufbereitet werden hier wichtige Ereignisse aufgerollt. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt der Autor dabei nicht. Vielmehr eine Einladung, sich mehr mit diesen Personen zu befassen. Diese “Einladung” ist mit diesem Buch in solider Aufmachung und guten Illustrationen auch geschmackvoll verpackt.

Martin Kaufhold; Wendepunkte des Mittelalters; Jan Thorbecke Verlag; Ostfildern; 2004; 240 Seiten; 24,90 EUR; ISBN 3-7995-0144-4

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