Ioculatores Hörspiel aus historischer Musik gezaubert

Franziskus von Assisi bezeichnete sich Anfang des 13. Jhs. als "ioculator Dei" - als Spielmann Gottes. Zu dieser Zeit waren die Spielleute nicht mehr nur als "Lumpenpack" und "Landstreicher" auf die letzte soziale Stufe gesetzt. Ihr Ansehen hatte sich verbessert, darum weckte ein solcher Ausspruch wie der des Ordensgründers kaum noch schlimme Assoziationen. Letztlich verdanken wir diesen Spielleuten eine reiche musikalische Kultur des Mittelalters, die noch immer entdeckt und erschlossen werden will. Dieser Aufgabe haben sich die Leipziger "Ioculatores" gestellt - die in diesem Jahr ihr 20. Bühnenjubiläum begehen. Drei ihrer Alben sind in der ambitionierten Edition Raumklang erschienen.

“media vita in morte sumus – Ein Spiel um die letzten Dinge”

Auf dieser Scheibe widmet sich die Gruppe dem Thema “Tod” auf vielfältige Weise. Gemäß dem Motto “media vita in morte sumus – mitten im Leben ist um uns der Tod” hatte der Mensch des Mittelalters stets das Ende vor Augen. Ganz gleich ob der Minnende sich vor Sehnsucht verzehrte, der Krieger für ritterliche Ideale starb oder schlicht Krankheit und düstere Lebensverhältnisse die Menschen dahinraffte: Der Tod begleitete die Lebenden und dies beeinflusste stets auch die Kunst.
Mit ihrem Hang zur Authentizität wühlten sich die “Ioculatores” durch das reiche Angebot zu diesem Thema: Carmina Burana, Trouvére-Musik, Choräle – die Musiker nutzen die gesamte Palette der Stilrichtungen. Der Clou: Der musikalische Reigen wird derart dramatisch aufbereitet, dass das Album beinahe Hörspielcharakter hat.
Denn “Ioculatores” geben zwar Notationen, Temperament und Text originalgetreu wieder und verwenden ausschließlich historische Instrumente – zum Teil selbst nachgebaut – aber bei aller Liebe zur Quelle besitzen die Leipziger eine ausgeprägte Experimentierfreude. Und die spielen sie glücklicherweise auch voll aus. Und so strotzt das Album vor einer satten Geräuschkulisse mit Blitz und Donner und wartet mit kernigen Sinnsprüchen des Dichters Freidank auf, der am Kreuzzug Friedrichs II. (1228/29) teilnahm. Natürlich weiß auch Freidank vom Tod zu erzählen.
Kraftvoll und saftig im Arrangement kommt das Kreuzzugslied des Troubadours Thibaut de Champagne daher (1201-1253), passenderweise gefolgt vom Lied “Diu menschheit muoz verderben”, mit dem Walther von der Vogelweide zur Teilnahme am Kreuzzug Kaiser Friedrichs II. aufrief. Es folgen Totenmessen, das vielstrophige Lied “Der doten dantz” und schließlich als Jubelschrei und engelsgleicher Gesang das “In paradisum”. Darin heißt es unter anderem: “Ich bin die Auferstehung und das Leben.” Besser kann ein Trost kaum sein. Und hier schließt sich der Spannungsbogen.
Fazit: Professionell, wundervoll ausgeführt und von exzellenter Tontechnik. Die Scheibe hat alle guten Seiten eines Konzeptalbums. Zu haben beim Label Raumklang (Bestellnummer: RK 9707; 16 EUR).

“frofro” – Weihnachtsmusik des 10.-15. Jahrhunderts

Als buchstäblicher Jubelschrei und Ausdruck der Freude ist der titelgebende Ausdruck zu verstehen. Seit dem 4. Jh. ist das Weihnachtsfest im christlichen Festkalender verankert. Und seither wuchsen die vielfältigsten Traditionen musikalischer und liturgischer Natur. Dieser Vielfalt geben “Ioculatores” mit vorliegendem Album ein hervorragendes Medium.
Die Zusammenstellung umfasst Stücke aus deutschen, schlesischen, französischen, englischen und spanischen Wurzeln. Vorbildlich: In dem gut gestalteten Booklet finden sich detaillierte Informationen zum jeweiligen Stück und dessen Hintergrund.
Die Qualität der Gruppe überzeugt auch hier wieder. “Ioculatores” beherrschen die Klaviatur der festlichen, von religiöser Inbrunst dominierter Emotionalität. Besinnlich, heiter, gefühlvoll – der Ton trifft stets ins Schwarze. Sehr schön zu hören etwa bei Track 12 “Laetabundus exsultet fidelis chorus”, einem französischem Wechselgesang aus dem 13. Jh. Hier herrscht eine verhalten, aber ungemein melodische Fröhlichkeit vor.
Weitere Pralinen: Track 11 “Sis willekommen herre Kerst” aus dem 14. Jh. ist das älteste deutsche Weihnachtslied. Oder Track 9 “Gabriel fram evene king”, ein sprachliches wie musikalisches Schmuckstück aus dem Mittelenglischem (13. Jh.). So spannend und abwechslungsreich sind Weihnachtsalben selten! (Raumklang; RK 9503; 13 EUR)

Lieder und Tänze des 13. Bis 15. Jahrhunderts

Zugegeben: Der Titel klingt wenig nach spannenden Hörgenüssen. Und einen griffigen Begriff, der dieses Kaleidoskop wunderschöner Tanzmusiken umschreibt, hätten die “Ioculatores” sicher leicht finden können. Dieses Manko bleibt aber als Kritikpunkt so ziemlich einsam auf weiter Flur.
Es gibt eigentlich nur zwei richtige Arten, dieses Album zu genießen. Tanzen, wäre die eine Variante. Wer die historischen Schritte nicht kann oder keine Vortänzer hat darf zu Variante zwei übergehen: Licht dämpfen, eine bequeme Sitzgelegenheit besorgen, Kerze an und die Lautstärke nach oben regeln. Und dann – genießen.
Was “Ioculatores” hier bieten ist schlicht ein Gesamtkunstwerk geschmackvoll zusammengestellter Instrumentalstücke und Lieder. Mit dieser Scheibe treten die Leipziger nun wirklich in die Fußstapfen der historischen Spielleute. Jenseits vergeistigter Kirchenmusik arrangiert die Gruppe praktisch die “ungezügelte Freude am Tanz”, die laut CD-Booklet das Mittelalter hindurch herrschte.
Schon im ersten Stück dröhnt der Trumscheit fröhlich aus den Boxen und zeugen Trommeln aus orientalischen Gegenden von den frühen Begegnungen abend- und morgenländischer Kulturen. Die Musik kommt mal herrschaftlich daher (Track 3: “La sexte estampie royal”), mal leidenschaftlich (Track 11: “Trotto”) oder lustig als Trinklied eines Oswald von Wolkenstein (Track 17: “Her wirt uns dürstet”).
Leider, leider – es fehlen zwingend die Texte zum Nachlesen und Nachspüren der Sprache. Schön, mehr gibt’s nun wirklich nicht zu kritisieren. Das Album macht einfach Spaß! (Raumklang; RK 9301; 16 EUR)

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