Imperium Romanum Goldgrube für Reenactment-Szene

Eine Landesausstellung ohne Begleitbuch ist kaum vorstellbar. Im Falle des Mammut-Projekts „Imperium Romanum“ ist eine publizistische Aufbereitung geradezu zwingend. Die Buchmacher standen vor der Aufgabe, zwei parellel laufenden Ausstellungen darzustellen, die sich inhaltlich ergänzen (siehe Beitrag in diesem Dossier). Die Lösung des Theiss Verlages präsentiert sich äußerst ansprechend: Zwei Bände im Schmuckschuber und eine großartige Gestaltung. Für den Inhalt zeichnen Archäologen, Historiker und Kunsthistoriker verantwortlich

Karlsruher Band: Die Spätantike am Oberrhein

Die Karlsruher Ausstellung ist der Spätzeit römischer Kultur in den Provinzen Obergermanien und Rätien gewidmet (260-476 n.Chr.). Der Begleitband zeichnet entsprechend den Zeitraum vom Fall des Limes im 3. Jh. bis zur endgültigen Entmachtung der alten römischen Strukturen am Ende des 5. Jhs. Es ist dies die Zeit, in der das heutige Europa seine Wurzeln schlug. Und genau so wollen die Autoren das Werk auch verstanden wissen.

Der Band erscheint im klassischen Format: Aufsätzen folgt ein (umfangreicher) Katalogteil. Dennoch ist das Schema sehr oft aufgelockert – auch in den Skizzen zu den Ausstellungsobjekten erscheinen detaillierte Hintergrundinformationen, die weit über bloße Katalogbeschreibungen hinausgehen. Zum Beispiel der Fund von Denaren mit dem Konterfei des römischen Generals Postumus. Im Text erfährt der Leser auch Fakten zum Putsch des Militärs gegen den eigenen Kaiser. Postumus rief 260 n.Chr. das Gallische Sonderreich aus, zu dem auch der südwestdeutsche Raum gehörte. Das Splitterreich existierte nur 17 Jahre.

Acht Aufsätze geben den historischen Rahmen der damaligen Bedingungen vor. Gut lesbar und knackig präsentieren die Fachautoren auf knappem Raum die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse etwa zu diesen Themen: Alamannen, spätantikes Christentum, diocletianisch-constantinische Reformen, die römische Provinz Obergermanien. Natürlich wird auch der Star der Ausstellung – der Silberschatz vom schweizerischen Kaiseraugst – gebührend gefeiert und porträtiert.

Stuttgarter Band: Roms Provinzen

Die Autoren führen hier konsequent fort, was die Karlsruher Kollegen bereits angedeutet haben. Der Begleitband zur Stuttgarter Ausstellung setzt vollends auf die Vermittlung von Hintergrundinformationen – es gibt keinen abgetrennten Katalogteil. Wie ein mystisches Alpha und Omega markieren zwei Wendepunkte für die Region Südwestdeutschland den Inhalt des Bandes: Das Erscheinen römischer Truppen im Jahre 15. n.Chr. und die Aufgabe des Limes um 260 n.Chr.

Chronisten priesen Anfang des 4. Jhs. die kaiserliche Macht als einzig wahres Bollwerk gegen die „Barbaren“. Angesichts der Tatsache, dass Franken und Alamannen 50 Jahre zuvor den Limes überrannten, eine gewagte These. Doch sie beschreibt die Eigensicht der Römer sehr gut. Und diese Nabelschau zeitgenössischer Autoren bildet auch den Auftakt zu einer lückenlosen Betrachtung der römisch-germanischen Provinzen. Wunderbar: Trotz des Anspruches, die Fundlage der Region umfassend zu dokumentieren, wagen die Autoren oft genug den Blick über den baden-württembergischen Tellerrand hinaus. Viele Beiträge gewinnen damit an Plastizität – und der Vergleich mit anderen Gebieten ist durchaus gerechtfertigt.

Die Fachartikel rekonstruieren mit neuesten archäologischen Erkenntnissen die damalige Welt. Sie zeichnen aufs Jahr genau die Besetzungsgeschichte Obergermaniens nach und zeigen die zunehmende Romanisierung der einheimischen Stämme. Im Zentrum des Kulturwandels standen die neu aus dem Boden gestampften römischen Städte entlang der Grenze. Kaiser Caracalla verlieh 212 n.Chr. allen freien Einwohnern das römische Bürgerrecht. In mehreren hundert Jahren vollzog sich eine Vermischung römischer und germanisch-alamannischer Kulturen.

Die genauen Vorgänge zeigen die Artikel in aller notwendigen Kürze auf: Siedlungsgeschichte, Alltag in Stadt und Land, Religion, Kaiserverehrung, Militärwesen, Handel und Handwerk, Architektur, Medizin und Schriftkultur sowie das Rechtssystem. Als große Themenblöcke fügen sich die Abrisse über die Alamannen, Germanen und Kelten in das Gesamtwerk ein. Die Ausstellungsobjekte dienen der Illustration.

Fazit

Jedes Begleitbuch steht für sich für hohe Qualität. Aber zusammen sind sie eine wahre Goldgrube für Fachleute und interessierte Laien. Die Bilderpracht der Bücher – in Verbindung mit den detaillierten Hintergrundfakten – dürfte ein besonderer Leckerbissen für die Reenactment-Szene sein. Gerade Alltagsgegenstände und Kleider werden in Fundlage und Rekonstruktion ausgiebig betrachtet.

Als Schatzkiste erweist sich auch die umfangreiche Literaturliste im Anhang beider Bände. Dass einzelne Kapitel nur wenig Raum haben, um die Themen wirklich ausführlich zu behandeln, mindert das Lesevergnügen kaum. Der Anspruch der Darstellung liegt auf dem ausführlichen Überblick. Diesen Anspruch haben die Herausgeber mehr als erfüllt. In dieser Hinsicht macht der Erwerb beider Bände großen Sinn. Die Ausgabe im Schmuckschuber kostet für beide Bände sehr bodenständige 64,80 Euro (Einführungspreis). Das Werk ist jeden Cent davon wert.

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