Erfindungen Für den besseren Durchblick

Vermutlich musterte der Dominikanermönch Giordano da Pisa mit zugekniffenen Augen seine Gemeinde in der Florentiner Kirche Santa Maria Novella, bevor er mit großspuriger Geste die Hand in seiner Gürteltasche verschwinden ließ, und ein eigentümliches Gerät hervorzauberte. Das setzte er sich augenblicklich auf die Nase, um solcherart bewaffnet, in aufrechter Haltung aus dem vor ihm liegenden Buche zu lesen. Ein Raunen mag durch das Auditorium gegangen sein, das den alternden Prediger bislang nur in gebeugter Haltung in der Bibel blättern sah. Und da Pisa hub an zum Lob der Brille: "Es ist noch keine zwanzig Jahre her, dass man sich darauf versteht, Brillen zu fertigen ... (Es) ist eine der besten Künste, über die die Welt verfügt." Das war 1305. Dieser Lobgesang ist nur der Anfang eines ganzen Straußes mittelalterlicher Erfindungen, den die italienische Mediävistin Chiara Frugoni präsentiert. Eine "Hommage an das Mittelalter", ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wie sie selbst schreibt.

Es ist bezeichnend, dass die Autorin die Erfindung der Brille und den Gelehrtenstreit um den Namen des genialen Verursachers an den Anfang ihres in herrlichem Plauderton gehaltenen Werkes stellt. Die Brille ist ein Symbol für richtiges Sehen – und darum geht es in dem Buch. Anhand zeitgenössischer Quellen, wie etwa das obige Zitat des Mönches, und zahlreicher mittelalterlicher Bilder nimmt Frugoni den Leser mit auf ihrer Reise durch die Neuerungen des angeblich so dunklen und von Stillstand gezeichnetem Zeitalters. Und so erfährt der staunende Leser auch von den verzwickten Bemühungen der Gelehrten zweier italienischer Städte, die sich gegenseitig den Ruhm abspenstig machten, wonach der Erfinder der Brille entweder ein Florentiner oder ein Pisaner war.

Mit vergnüglicher Akribie entlarvt Frugoni Ferdinando Leopoldo Del Migliore, der als glühender Verfechter der Florentiner Urheberschaft um 1684 kurzerhand einen angeblich Anfang des 14. Jh. wirkenden Adligen namens Salvino degli Armati ins Spiel brachte, als Betrüger. Hatte doch der Eiferer bei einer gefälschten Grabinschrift das Wort “inventore” (Erfinder) benutzt – das in der Sprache des frühen 14. Jh. noch unbekannt war. Und die Historikerin kommt zur Erkenntnis, dass der eigentliche Erfinder wohl auf immer im Nebel des Unbekannten verschollen ist. Mit gutem Grund übrigens – galt die Technik ihm wohl als äußerst gewinnbringend, solange er das Geheimnis der Herstellung für sich behielt. Und zudem haftete dieser Kunst durchaus der Ruch der Alchemie an, wie Frugoni anhand notariell beglaubigter Verträge zwischen mehreren Herstellern nachweist.

Sodann wendet sie sich dem breiten Feld der Bildung zu – der nicht genug zu würdigenden Einrichtung der Universitäten, und der damit einhergehenden Entstehung einer intellektuellen städtischen Schicht, sowie der Einführung des Buchdrucks. Eine ebenfalls geniale Neuerung von geradezu explosiver Kraft. Auch hier holt die Autorin aus dem reichen Fundus überlieferter Dokumente Stücke hervor, die das damalige Leben besser als jede heutige Analyse skizzieren. So schrieb ein Vater Ende des 13. Jh. an seinen in Bologna studierenden Sohn: “Mein Herz wird schwer ob der Dummheiten, zu denen du dich hinreißen lässt. Ich habe … vernommen, dass du dich nur am Würfelspiel ergötzest und oft übelbeleumdete Orte aufsuchst … (Ich werde dir) jegliche Zuwendung und Gunst entziehen …” Ganz anders dieser Vater (ebenfalls 13. Jh.), der seinen strebsamen Sohn warnt: “Aufgrund übermäßigen Studiums fallen in der Tat viele Studenten unheilbaren Krankheiten anheim … Andere wiederum verlieren überhaupt den Verstand … Deshalb bitte ich dich inständig, mein Sohn, im Studium das rechte Maß zu finden …” Kein Kommentar.

Wie nebenbei erfährt der geneigte Leser auch, dass es gerade im Dunstkreis der Universitätsstädte einen solchen Fachkräftemangel in der Zunft der Buchkopisten gab, dass die Mitarbeit von Frauen in den Familienbetrieben durchaus üblich war. Und dass das “i” sein Tüpfelchen um 1450 bekam. Es passt zum Stil, dass Frugoni im Vorbeigehen noch einmal darauf verweist, warum wir bei unserer Zeitrechnung den falschen Berechnungen eines Mönchs aufgesessen sind.

Im zweiten Teil ihrer Ausführungen widmet sich die Historikerin dem bunten Alltagsleben, nimmt die ungezügelte Spiellust des Volkes, die Feierlaune im Karneval oder weitaus ernstere Erfindungen des Mittelalters – Räderuhr und Tonleiter – auseinander. Um sich sodann den modischen Entwicklungen, den Tischmanieren, natürlich den (italienischen) Makkaroni und schließlich den Neuerungen in der Kriegstechnik, etwa dem Schießpulver, zuzuwenden. Streifzüge zu den Erfindungen der Schubkarre, des Kompasses und die Nikolausgeschichte runden schließlich die Betrachtungen ab.

Natürlich ist nicht jedes aufgeführte Detail eine reine Erfindung des Mittelalters. Doch Frugoni will zeigen, dass es diese Epoche sehr wohl verstanden hat, Überliefertes zu bewahren und kreativ weiterzuformen. Und dass dieses Zeitalter, gleichsam eingezwängt zwischen verklärter Antike und der Moderne, alles andere als bloße Lückenbüßerin war: Ein lebendiges, von einem vielschichtigen Alltagsleben durchflutetes Ereignis, das uns bis heute prägt, und dessen Erbe wir nicht nur auf der Nase tragen. Genau das hat Frugoni auch geschafft – ohne belehrenden Zeigefinger und jenseits trockener Stoffvermittlung.

Chiara Frugoni; “Das Mittelalter auf der Nase – Brillen, Bücher, Bankgeschäfte und andere Erfindungen des Mittelalters”; Verlag C.H.Beck; München; 2003; ISBN 3-406-50911-8; 200 Seiten; 24,90 Euro

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