China Europa kam viel später

Schon als Christoph Kolumbus 1492 die Anker in Richtung Westen lichtete, umwehte ihn der Hauch des Geheimnisses. Was machte diesen Teufelskerl nur so sicher, nicht im Orkus, sondern tatsächlich auf einem anderen Kontinent zu landen? Bis heute gibt es viele Kontroversen über mutmaßliche Vorgänger der Entdecker. Die weitläufigste ist die Beteiligung der Skandinavier an den vorkolumbischen Touren über den großen Teich. Was lag näher für die grönländischen Nordmänner, als der vergleichsweise kleine Sprung an die Küste Vinlands (wahrscheinlich Neufundland)? Aber es gab unmittelbar vor den ausgedehnten Reisen der Spanier und Portugiesen noch ein Volk von wagemutigen Seefahrern: die Chinesen. Der Autor und Seefahrer Gavin Menzies wirft sich ins Zeug, um für die großen des Flotten des Admirals Zheng He eine Lanze zu brechen. Die waren in den Jahren 1421-23 in ungewissen Gegenden unterwegs. Und er bringt die Geheimnisse alter Seekarten ins Spiel.

Der Brite Gavin Menzies, Jahrgang 1937, lebte bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in China. 1959 trat er in die Royal Navy ein und bereiste von 1968 bis 1970 als U-Boot-Kommandant die meisten Meere, von denen er in seinem Buch spricht. Die Faszination See hielt ihn auch nach seiner Dienstzeit im Griff. Dies und seine Liebe zu China, das er immer wieder bereiste, mag zu dem vorliegenden Werk geführt haben. Es ist einem alten Seebären wie ihm kaum vorzuwerfen, aus dieser Leidenschaft eine Mission zu machen. Seit gut fünfzehn Jahren widmet sich Menzies den geheimnisvollen Reisen der so genannten Schatzflotten der Ming-Kaiser. Umrundeten sie als Erste die Welt?

Die Fakten: Unbestritten waren die hochseetüchtigen Dschunken der Chinesen im Mittelalter die großartigsten Fahrzeuge der Welt. Nach der Vertreibung der mongolischen Herrscher in der Mitte des 14. Jh. übernahm die Ming-Dynastie die Regie in weiten Teilen des asiatischen Kulturkreises. Sie unterhielten nachweislich diplomatische Beziehungen rund um den Indischen Ozean, verkehrten regelmäßig mit ostafrikanischen Reichen. Und es gab diese Reise einer riesigen Flotte unter dem Befehl des Eunuchen Zheng He in den Jahren 1421-23. Es gibt allerdings keinen zusammenhängenden Bericht über die Ziele und erreichten Länder, und kaum umfassende Karten aus eindeutig chinesischer Hand. Dies vermutlich aus einem für Historiker sehr bedrückenden Grund: Das weltoffene, von Wissenschaft und Tatendurst durchdrungene China wandelte in der Mitte des 15. Jh. seine Außenpolitik um 180 Grad. China kapselte sich ab, verbot Hochseereisen, zerstörte Aufzeichnungen, Karten und Schiffe. Eine Politik, wie sie ähnlich auch das kaiserliche Japan vollzog. Erst im 19. Jh. öffneten die Europäer beide Länder (und deren Märkte) – mit Gewalt.

Das ist die Lage, von der Menzies auszog, den Chinesen den verlorenen Ruhm zurückzuerobern. Und er tat es mit typisch englischer Akribie. In den Bibliotheken der Welt untersuchte er vor allem Karten, die seine Theorie stützen konnten, dass die chinesische Flotte lange vor den Europäern Amerika und Australien entdeckte, und gar die Nord-Ost-Passage entlang der sibirischen Küste wagte. Sein Ausgangspunkt: Die eine große Flotte mit hunderten Dschunken und Zehntausenden Seefahrern teilte sich in vier Flotten, die jeweils eine andere Route nahmen. Menzies wichtigster Beweis: Die geheimnisvollen Karten, wie die Piri-Reis-Karte (1513) oder die Waldseemüller-Karte (1507), die in ihrer Summe Gegenden und geografische Angaben verzeichnen, die zu dem Zeitpunkt ihrer Entstehung noch keinem Europäer bekannt gewesen sein konnten. Teile Australiens und Antarktikas waren darauf abgebildet, oder die ostafrikanische Küste in einer Präzision, “als wäre sie von Satelliten fotografiert worden”, wie Menzies begeistert schreibt.

Das Verdienst des Autors ist es unbestritten, eine glaubhafte Theorie ins Spiel zu bringen – jenseits der Beschwörung uralter seefahrender Zivilisationen und Alienexkursionen. In einer unglaublichen Fleißarbeit sammelte Menzies seine Beweise rund um den Globus: Angebliche Reste von Festungsbauten in Australien, das Vorhandensein asiatischer Hühner und Pflanzen in Amerika, Wrackfunde, Mythen über “gelbe Männer” und Ming-Porzellan in amerikanischen Museen.

Des Autoren stärkste Argumente indes bleiben die alten Karten. Mit ihrer Hilfe zeichnet er den mutmaßlichen Kurs der vier Flotten minutiös nach. Dabei nimmt er seine Erfahrungen als Seemann zur Unterstützung. Immer wieder betont Menzies, dass es nur durch seine nautischen Kenntnisse und das Wissen um Strömungs- und Windverhältnisse ihm erlauben würden, die Karten richtig zu lesen. Für einen Laien ist es schwer nachzuvollziehen, wenn Menzies den Küstenverlauf der Kartenzeichnungen aus diesen Kenntnissen heraus korrigiert – und dann den verblüffend ähnlichen heutigen Karten gegenüber stellt.

Dies sind die weiteren Argumente: zeitgenössische Berichte, die kümmerlichen Reste chinesischer Aufzeichnungen und Karten, gravierte Steine entlang der mutmaßlichen Routen und noch nicht wissenschaftlich untersuchte Wrackfunde. Es ist eine – wissenschaftlich gesehen – recht dünne Beweiskette, die Menzies aufbaut, und durch logische Verknüpfungen und nautische Kenntnisse miteinander verbindet. Letztlich könnte jedes Volk, das vor Kolumbus auf den Meeren unterwegs war, als Quelle jener Karten in Frage kommen.

Und doch: Die Theorie, die tatsächlich existierenden Schatzflotten der Ming-Dynastie könnten eine solche Meisterleistung vollbracht haben, besticht. Was also tun mit solchen Hypothesen? Warum sich eigentlich nicht auf ein Abenteuer dieser Tragweite. Einlassen? Die Kartographie war seit jeher ein Spiel mit gezinkten Karten, Geheimniskrämerei und dunklen Machenschaften – aber auch ein Spiel mit echten Karten und wirklichen Leistungen, die es manchmal zu vertuschen galt. Die Lösung, die Menzies anbietet, ist wahrlich nicht die schlechteste. Und sie liest sich verdammt gut.

Gavin Menzies; “1421 – Als China die Welt entdeckte”; Droemer; München; 2003; ISBN 3-426-27306-3; 604 Seiten; 24,90 Euro

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