Renaissancekunst Die Wiedergeburt Europas

Manche sagen, in der Renaissance hat sich Europa wiedergeboren. Tatsächlich bedeutet dieses klingende Wort „Wiedergeburt“. Das Kulturleben der Alten Welt, die im Spätmittelalter in dumpfer Stagnation verharrte, erfuhr vor allem im 15. und 16. Jh. einen fulminanten Höhepunkt. Nach den verzückten Blicken in den Himmel richteten die Menschen ihr Augenmerk auf die Erde, auf sich selbst. Trauer und Sinnlichkeit – irdische Gefühle wurden hoffähig und hinterließen ihre Abdrücke in den zeitgenössischen Kunstwerken. Wieder entdeckt wurde auch das Erbe der Antike, deren Werte sich ebenfalls in der Kunst niederschlugen. Doch dieser Wandel geschah nicht losgelöst von den früheren Jahrhunderten. Und selbst wenn vor allem die Italiener eine Art Avantgarde herausbildeten, blieben auch sie längst nicht unbeeinflusst. Der Mittelmeerraum als Ganzes wurde seiner Schmelztiegelfunktion gerecht, was als Katalysator für die revolutionär anmutende Renaissance verstanden werden muss. Und genau dies bringt das vorliegende Werk aus dem Theiss Verlag hervorragend zum Ausdruck.

Ein opulenter Bildgenuss eröffnet sich dem Leser, der das großformatige Buch aufschlägt. In Sachen Qualität und Optik bleibt kaum ein Wunsch offen. Es ist eine sinnliche Bilderreise durch die Kulturschätze entlang der Küsten „unseres Meeres“, wie es die Römer auf dem Höhepunkt ihrer Macht so treffend formulierten. Und es ist nur folgerichtig, dass die Autoren – allesamt Kapazitäten in ihren Fachgebieten von Archäologie bis Kunstgeschichte – diese gewaltigen Umbrüche zwischen Mittelalter und Neuzeit in teils geografisch, teils kunsthistorisch definierte Appetithäppchen aufteilten.
Die Veränderungen geschahen nicht von einen Tag auf den anderen: vom 12. bis zum 16. Jahrhundert verfolgen die Autoren die Entwicklung. Ihre Reise beginnt im Byzantinischen Reich, dem eine Vorreiterrolle zuerkannt wird. Schon hier wurde am christlichen Bildprogramm deutlich, wie sich die Kunst vom allzu asketischen Bild verabschiedete, etwa indem die Körper der Dargestellten buchstäblich mehr Fleisch bekamen, sinnlicher wurden. Die lebenspralle Formensprache der Antike fand ein spätes Echo. Nicht zuletzt durch die Folgen des Kreuzzuges gegen Konstantinopel (1203/4) breitete sich diese Kunstform in Europa aus. Getragen wurde diese Entwicklung auch durch italienische Kaufleute, die nicht nur Heere und Waren, sondern auch Kunstschätze transportierten. Von hier aus verschmolz die neue italienische Kunst mit der französischen Gotik.
Unvorstellbar wäre die Renaissance ohne die Einflüsse der islamischen Kunst. Etwa in Spanien, wo die außerordentlich ornamental daher kommende Mudéjararchitektur (12.-15. Jh.) eine glückliche Symbiose aus christlich-spanischer Romanik und der Kunst der Mauren darstellte. Ein Kapitel widmet sich allein den Einflüssen des Islams in der italienischen Kunst. Waren doch schon früh etwa die orientalischen Teppiche heiß begehrt – woraus die Venezianer im 16. Jh. Kapital schlugen, indem sie das Monopol im Teppichhandel inne hatten. Fanden sich erst Darstellungen der prächtigen Gewebe auf den Bildern italienischer Meister wieder – detailgetreu im vorliegenden Buch beschrieben –, so hielten bald arabisierende Elemente Einzug (etwa als lesbare arabische Schriftzeichen auf Madonnenbildnissen).
Die ägyptischen Mamelucken (1250-1517) führten die islamische Kunst selbst zu neuer Blüte. Diese muslimische Renaissance erhielt konsequenterweise ein eigenes Kapitel, in dem fachkundig die Entwicklung der Residenzstadt Kairo seziert wird. Einer Weltstadt, deren internationale Beziehungen sich auch im Ornamentschmuck der Gebäude – etwa der asiatische Lotus – abzeichnen.
Die Abhandlung über die Entwicklung von der Gotik zur Renaissance macht deutlich, welche Bedeutung die Gotik für die weiteren Geschehnisse hatte. In jener Zeit waren verstärkt Bildhauer, nicht Baumeister, mit der Ausführung der Arbeiten beauftragt. Und schon im ausgehenden 13. Jh. stellten die italienischen Bildhauer die Elite der europäischen Kunstszene. In ihrer Figurenvielfalt spiegelte sich das aufkommende Interesse für die Antike am stärksten wieder. Sie schufen eine künstlerische Lebendigkeit, die Dank von Werken wie Donatellos David (1409) über Italien hinaus Zuspruch fand. Die letzten Beiträge wiederum spinnen diesen Faden fort und zeigen auf, welche Dynamik ab dem 15. Jh. in den Prozess kam, als die verschiedenen Kunstströmungen von Flandern bis Neapel und Valencia aufeinander trafen und sich gegenseitig beeinflussten. Eine wichtige Rolle spielten dabei das Bürgertum, dessen zunehmende Finanzkraft (wiederum sind es vor allem die Kaufleute) ein Mäzenatentum gestatteten.
Die Kultur als Identität stiftender Faktor ist das Hauptthema der Autoren. An ihr lässt sich auch heute noch das Bild ablesen, das sich eine Gesellschaft von sich selbst und seiner Umgebung gemacht hatte. Insofern ist das Buch mit seiner geografischen und thematischen Auswahl eine gelungene Bereicherung. Leider ist es den Autoren überlassen worden, eine historisch-politische Einordnung der jeweiligen Themen zu geben. Diese ist nicht immer ausreichend. Zudem hätten Karten und ein Sachregister die Übersicht für den interessierten Laien verbessert. Im Übrigen wendet sich das Buch schon sprachlich an den anspruchsvollen Leser. Auch wenn das Titelbild von Leonardo da Vinci (der nicht im Buch vorkommt) anderes suggeriert, so finden Wissenschaft und technische Neuerungen hier nicht statt. Doch liegt dies in der Absicht der Verfasser, die, wohl wissend, dass eine komplette Darstellung kaum möglich ist, sich für einen kaleidoskopartigen Blick in diese großartige Epoche entschieden haben. Und dieser Einblick kann sich sehen lassen.

Eduard Carbonell, Roberto Cassanelli, Tania Velmans (Hrsg.); Das Zeitalter der Renaissance – Kunst, Kultur und Geschichte im Mittelmeerraum; 264 Seiten mit 160 Farbabbildungen; 49,90 Euro; Theiss Verlag; Stuttgart; 2003; ISBN 3-8062-1814-5

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