Mythos und Geschichte Die keltische Anderwelt

Düster klingen die Sätze des schottisch-keltischen Schreibers in unserer Gegenwart: "Männer zogen nach Catraeth, bereit zum Kampf, / Klarer Met ihr Fest[trunk], er ward zum Gift." - Der Vers ist einer von rund 1200, die Aneirin im ausgehenden 6. Jh. unter dem Titel "Gododdin" verfasste, einem Epos über die britische Niederlage gegen die Angeln. Im zitierten Vers bezahlen die Krieger mit ihrem Leben für erhaltenen Met. Nur eines von vielen lebendigen Beispielen keltischer Literatur und anderer Überlieferungen, die mehrere Wissenschaftler in dem vorliegenden Buch zusammengetragen haben. Das Werk ist ein Leitfaden der Keltenforschung.

Die ersten Landsknechte

In zehn Kapiteln spannen die Autoren — allesamt Experten auf ihrem Gebiet – - einen Bogen von der Überlieferung über die Archäologie bis hin zur noch heute anzutreffenden keltischen Folklore in Europa. Der Anspruch, ein Leitfaden zu sein, ist wörtlich zu nehmen. Denn weder legt der Herausgeber den ausschließlichen Fokus auf eine Region oder eine Zeit, noch wird sich der keltischen Kultur nur von einer Seite genähert. Nahezu alle Aspekte des heutigen Forschungsstandes werden angesprochen.

Obwohl schon die Einleitung eine gewisse Einordnung des Begriffs “Kelten” vorgibt, macht dennoch der eigentliche Einstieg ins Buch etwas stutzig. Denn es folgt nicht die erwartete Betrachtung der archäologischen Befunde (erst 3. Kapitel), sondern zunächst einmal die Überlieferung, wie sie uns antike Autoren hinterlassen haben. Und so erfahren wir zuerst von Cäsars Chroniken über die gallischen Kelten oder über die Tatsache, dass die Kelten schon bei Alexander dem Großen beliebte Söldner waren – und gewissermaßen die “Landsknechte der Antike” stellten. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich die Logik dieser Reihenfolge: Über die antiken Schriftsteller haben wir überhaupt erst von den Ursprüngen dieses Volkes erfahren.

Solider Überblick

Der archäologische Part ist solide, birgt aber wenig Überraschungen oder gar wirklich Neues. Behandelt wird unter anderem die wissenschaftliche Zweiteilung der Keltenepoche in die ältere vorrömische Zeit (Hallstattzeit, 800 – 450 v.Chr.) und in die jüngere vorrömische Zeit (Latène, 480 – 150 v.Chr.). Allerdings ist das Ende in vielen Gebieten offen – nur im römischen Gallien findet die keltische Kultur durch die Romanisierung ein eindeutiges Finale.

Weiter geht es sodann durch eine Reihe archäologischer Fundplätze (etwa die Heuneburg im Kreis Sigmaringen), die Bestattungskultur und die Siedlungskultur. Die Übersicht ist für sich genommen hervorragend, allein es mangelt hier an der Leserführung durch den anspruchsvollen Stoff. Einige Zwischenüberschriften wären angebracht.

Wie das gut funktionieren kann, zeigt wiederum das Kapitel über die Geschichte der keltischen Länder seit dem Mittelalter. Bis in die Gegenwart hinein wird hier bei aller nötigen Kürze ein Abriss der Entwicklung gezeigt. So wird geklärt, woher der Name “Bretagne” kommt und was die katholischen Iren bis heute von den protestantischen Engländern unterscheidet.

Einprägende Wiederholungen

Die strenge Aufteilung der Themen bringt notgedrungen einige Wiederholungen mit sich. So wird bereits im Kapitel zur Religion die viel gerühmte und oft esoterisch verklärte Anderwelt zur Sprache gebracht (und taucht natürlich im Literatur-Teil wieder auf). Ähnliches widerfährt der Figur des “Artus”, deren Ursprung inselkeltisch ist (ganz klar wird Artus auch als literarische Überlieferung behandelt). So bleibt zusammen, was auch zum jeweiligen Thema gehört, ohne dass ständige Verweise auf eventuell bereits gegebene Fakten den Leser verwirren.

Sehr löblich: Der Autor des Kapitels zur Religion, Bernhard Meier, bietet alle verfügbaren Daten an und listet überlieferte Symbole auf. Nie aber begeht Meier den Fehler, die wissenschaftlichen Erkenntnisse durch eigene Spekulationen aufzuweichen. Allerdings versetzt er seinen Beitrag mit vielen Zitaten antiker Autoren, ohne diese aber deutlich vom wissenschaftlich belegten Part abzutrennen. Eine schärfere Trennlinie zwischen Überlieferung und Wissenschaft wäre besser.

Die starken Seiten

Buchstäblich von seinen besten Seiten zeigt sich das Buch in einigen Kapiteln, die in dieser Bandbreite sonst kaum in der Literatur über die Kelten auftauchen. Stefan Zimmer bietet mit seinem Beitrag über die keltischen Sprache eine wahre Fundgrube für den interessierten Laien an. Das Kapitel ist eine sehr schöne Übersicht über die alten (und ausgestorbenen) Sprachen sowie den wenigen, die bis heute überlebt haben. Klasse: Schriftproben mit Fundlage, originaler Lautsprache und Übersetzung!

Ein Leckerbissen inhaltlicher Natur ist das Kapitel zur überlieferten Literatur. Hier konzentriert sich die Autorin Doris Edel allerdings auf die irische und englische Literatur. Und sie stellt klar, dass alles, was bis heute an frühesten Überlieferungen erhalten ist, Produkte des Mittelalters sind. Aus vorchristlicher Zeit ist an dichterischen Zeugnissen nichts übriggeblieben. Dennoch ist der Rückgriff auf die “heidnischen” Zeiten deutlich zu spüren. Und dies zeigt Edel deutlich an mehreren Beispielen (Ulsterzyklus, Erzählungen um Artur).

Ein wenig spät, aber sehr niveauvoll, endlich das Kapitel zum Rechtssystem (als drittletztes!). Auch hier beschränkt sich der Autor (Zimmer) auf einen – allerdings detaillierten – Blick auf die britischen Inseln.

Abgeschlossen wird das Werk durch eine szenische Betrachtung der Dinge, die wir heute am meisten mit den Kelten in Verbindung bringen. Der Sprachwissenschaftler Gisbert Hemprich bietet einen malerischen Spaziergang von Klischeevorstellungen über die lebendigen Keltensprachen bis hin zum Brauchtum und – natürlich – der Musik. Wonach auch klar wird, warum nicht jede “irische” Harfe tatsächlich uralten Ursprungs ist. Ach ja, ein leichter Verweis auf die Irrungen esoterischer Interpretationen des Keltentums bleibt hier nicht aus. Allerdings so dünn, dass er auch hätte ausbleiben können.

Von Sprache und Ausstattung

Es ist ein wissenschaftlich gefärbtes Buch. Und das geht auch in Ordnung. Schön auch, dass hier nicht redaktionell in die den Autoren eigene Sprache eingegriffen und diese vereinheitlicht wurde. Allerdings muss der Leser auch mit dem Gegensatz zwischen Hemprichs blumiger Schreibe und dem vergleichsweise trockenen und von wissenschaftlichem Esprit strotzenden Stil von Doris Edel auskommen.

Das Werk ist sparsam illustriert. Ein wenig mehr hätte die Lektüre aufgelockert. Allerdings wird dem Leser meist sehr gutes Kartenmaterial geboten. Für den Laien manchmal schwer verständlich sind einige Abbildungen im Archäologiekapitel. Hier fehlt die redaktionelle Hand, die das wissenschaftliche Niveau etwas herunterschraubt.

Die insgesamt sehr gute Übersicht wird durch ein kleines Wörterbuch erhalten gebliebener keltischer Begriffe und eine exquisite Liste einschlägiger Museen in Europa komplettiert.

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