Narrengeschichte Die fabelhafte Welt des Medicus Reinmar

Verdammt, das Buch hat einen gewaltigen Fehler! Man könnte sagen, der neue Streich des polnischen Bestsellerautoren Andrzej Sapkowski nimmt in malerischen Farben die schlesische Welt des Spätmittelalters auf die Schippe. Man könnte auch sagen, dass der Mann mit dem „Narrenturm“ eine gewaltige Posse und ein actiongeladenes Roadmovie vorgelegt hat. Und schließlich auch, dass sich in dem Werk endlich einmal das erschließt, was sich in der umstürzlerischen Epoche der hussitischen Bewegung so alles getan hat. Man könnte ... Es stimmt alles und auch wieder nicht. Aber das ist noch nicht der brachiale Fehler.

Erotisches mit Folgen

Also noch mal von vorn: Wir schreiben das Jahr 1425 und befinden uns mitten in den schlesischen Herzogtümern, eingeklemmt zwischen dem katholischen Polen und Böhmen mit all seinen Unruhen. Der Hauptheld Reinmar von Bielau – von seinen Freunden Reynevan genannt – ist nur wenig jünger als das Jahrhundert. Der Medicus stößt sich nach seinem Studium in Prag, wo Jan Hus lehrte, gerade seine Hörner ab. Nur um sie einem Edelmann aufzusetzen.

Es kommt, wie es kommen muss: Reinmar wird in flagranti mit Adele von Sterz erwischt, deren Ehemann sich gerade auf Kreuzzug gegen die Hussiten befindet. Entdeckt wird das Lotterleben ausgerechnet von den Brüdern des Gehörnten. Die deftig ausgemalte Szene ist nur der Auftakt zu einer überstürzten Flucht des jungen Medicus. Zu allem Übel finden die Verfolger in seiner Stube verdächtige Schriften, die die Inquisition brennend interessieren. Buchstäblich.

Reinmars Flucht ist durch mannigfaltige Umstände geprägt: Zum einen ist da seine Sehnsucht zur Geliebten. Sie bewirkt, dass er – trotz entsprechender Ratschläge – nicht auf direktem Weg nach Ungarn flieht, sondern im Zickzackkurs durch Schlesien andere Wege zu der Frau sucht, deren Liebe er sich so sicher ist. Im Genick sitzen ihm bald nicht nur die Sterz-Brüder, gedungene Meuchelmörder und seltsame Boten der Inquisition.

Zum anderen hockt unser junger Held mitten in einem sozialen Netz, das ihm nicht nur Hilfe beschert. Reinmar ist verwandt und verschwägert mit den Großen des Landes und entstammt selbst einer adligen Familie. Der schlesische Buschfunk funktioniert prächtig: Sein zweifelhafter Ruhm eilt Reinmar voraus und zusehends sieht er sich in düstere Intrigen verstrickt.

Bildgewaltiges Schelmenstück

Wir haben damit den groben Rahmen abgesteckt. Aber damit ist der 700-Seiten-Roman längst nicht umfassend beschrieben. Man könnte noch sagen, dass Sapkowski mit wonniger Absicht eine Odyssee geschrieben hat, die Reinmar und seine Freunde – auch die findet er unterwegs an denkbar ungemütlichen Orten – von einer Jagdszene zur anderen lotst. Und all das, um dem Leser auch einige Anspielungen auf die chaotische Gegenwart vorzuführen. Und ihm nebenbei auch das letzte bisschen Glauben an die guten alten Rittertugenden zu nehmen.

Ritter gibt es natürlich jede Menge im „Narrenturm“. Doch das Buch würde nicht so heißen, wenn sie alle sich wahrlich ritterlich benehmen würden. Der größte Narr, und das stellt Reinmar alsbald fest – mit kräftiger Unterstützung seiner treuen Gefährten – ist er selbst. Er ist nichts weniger als ein liebenswerter, tolpatschiger Parzival. Man könnte sagen, die Frauen wären daran schuld und das weite Herz des Helden. Man könnte auch behaupten, Reinmar habe eine feine Spürnase für die absurdesten Abenteuer seiner Zeit. Womöglich trifft aber eher zu, dass geheimnisvolle Kräfte das Spiel und die merkwürdige Hetzjagd vorantreiben.

Damit wären wir bei einem wichtigen Stichwort: geheimnisvoll. Von geheimen Büchern und verbotenem Wissen ist fast auf jeder Buchseite die Rede. Detailversessen spielt der Autor mit Zitaten und Querverweisen auf magisch-mystische Quellen von Antike bis ins Spätmittelalter. Und weil Sapkowski die vorreformatorische Zeit noch nicht grotesk genug erschien, streut er gerne auch mal einen frechen Vorgriff auf ein gut hundert Jahre später stattfindendes Ereignis ein. Wenn nämlich Reinmar in der Stube eines Druckers (sic!) auf einen Kater namens Luther trifft.

Vollends fantastisch wird das Geheimnisvolle, wenn die „Mauerläufer“, düstere Boten einer verborgenen Macht, ins Spiel kommen. Halb Mensch, halb Vogel. Da wundert der Auftritt leibhaftiger Zauberer, Hexen und Dämonen auch nicht mehr. Sapkowski entzieht seinen Schelmenroman damit jeglicher Kategorisierung. Frech und einfach genial. Vergnüglicher habe ich bislang noch keinen Einblick in das Spätmittelalter genießen können. Fabeln und lebendig gewordene Legenden inklusive.
Der einzige Fehler ist grauenhaft: Das Buch hat kein Ende. Eben erleben wir eine wilde Schlacht zwischen katholischem Adel und Hussiten – Reinmar wie immer mittendrin – und Schluss. „Narrenturm“ ist der Auftakt zu einer Trilogie. Auf den zweiten Band muss ich geduldig warten, am dritten schreibt der Autor gerade, wenn man Gerüchten glauben darf. Verdammt!

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2 Kommentare

  1. Der Artikel trifft voll und ganz zu. Ich möchte nur noch den manchmal sehr feinen, sich zum Beispiel in den erwähnten Anachronismen äußernden, dann wieder ganz offenen bis brachialen Humor erwähnen, der den Leser unter Umständen mitten in einer höchst spannenden Situation zum lauten Lachen nötigt.

    16. Oktober 2005, 23:10 Uhr • Melden?
    von Regina
    1
  2. Ich möcht ja nicht wie eine klingen, die hier alles nachplappert, aber ich kann dem Artikel und auch Reginas Kommentar nur zustimmen- “Narrenturm” ist eine total gelungene Mischung aus Geschichte und Fantasy, wie sie mir noch nie untergekommen ist, mit genialem Wortwitz und Esprit. War beim Lesen ständig auf 7000 Touren!
    Bleibt nur noch die Frage, wann endlich der 2. Teil auf Deutsch erscheint?!

    30. Oktober 2005, 21:10 Uhr • Melden?
    von Verena
    2

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