Thomasevangelium Der richtige Glaube

Die Erinnerung an ein Datum - der 28. Oktober 312 - zauberte für Jahrhunderte ein seliges Lächeln aufs Antlitz der katholischen Geistlichen. Dieser Tag, sei er nun fiktiv oder nicht, leitete die so genannte "Konstantinische Wende" ein, von der Eusebius, der Bischof von Cäsarea, in seiner "Kirchengeschichte" erzählt. Denn Kaiser Konstantin soll an diesem Tag das Kreuz als mächtiges Lichtzeichen erschienen sein - und fortan stand die katholische Kirche unter seinem Schutz und entwickelte sich zur bestimmenden Religion im Abendland. Aber: was ist "katholisch"? Wie entstand aus der bunten Urkirche die heute bekannte, mit einem festen dogmatischen Korsett versehene Gemeinde?

All das sind Fragen, denen Elaine Pagels, Professorin für Religionsgeschichte an der US-amerikanischen Universität Princeton nachging. Sie ist Expertin für die spektakulären Funde von Nag Hammadi. Und hier fand sie auch den Stoff, der die christliche Urkirche zum Wanken brachte. Dieses Material verarbeitete sie in einem spannend geschriebenen Werk, das die schillernde Vielfalt offenbart, die dem Christentum zugrunde liegt.

Bücherverbrennung im Namen des Glaubens

Und so spielt denn auch die Geschichte um die Funde vom oberägyptischen Nag Hammadi eine wichtige Rolle in dem Buch: Nachdem Konstantin aus religiös-politischem Kalkül die Verfolgung der Christen unterband und deren Glauben vielmehr zur Staatsreligion erhob, konnten die führenden Kleriker endlich das in Form bringen, was sie für den rechten Glauben hielten.
Einer der wichtigsten Bischöfe, Athanasius von Alexandria, verfügte 367 für alle Klöster, dass sie in ihren Archiven die Schriften ausmerzten, die nicht dem “rechten Kanon” angehörten – sprich dem Neuen Testament mit den vier heute bekannten Evangelien. Doch möglicherweise hatte sich ein Mönch dem widersetzt und die als “häretisch” verfemten Schriftrollen in großen Tonkrügen nahe dem Kloster versteckt. Ägyptische Bauern fanden diese Schriftstücke 1945, und sie erlangten ähnliche Bedeutung wie die Rollen vom Toten Meer.
Unter diesen Schriftstücken ist auch das so genannte Thomas-Evangelium, das sich zwar einer ähnlichen Sprache wie etwa das Johannes-Evangelium bedient, doch im Sinn völlig andere Wege geht. Laut Pagels lassen sich hier gar buddhistisch anmutende Interpretationen vornehmen. Warum also ist dieses Buch nicht in das Neue Testament aufgenommen worden und warum ausgerechnet die anderen vier? Das Thomas-Evangelium entstand immerhin zur selben Zeit und stand damit zur Verfügung.

Individualismus als Gefahr für Urkirche

Mit Neugier und wissenschaftlichem Anspruch – was den Lesefluss für den Laien manchmal hemmt – nähert sich die Autorin der Antwort auf ihre Frage. Zunächst nimmt sei einen Vergleich zwischen den beiden Evangelien nach Johannes und Thomas vor. Denn scheinbar hat zwischen den Führern der frühen Kirche großes Einvernehmen darüber geherrscht die Evangelien nach Matthäus, Lukas und Markus in den offiziellen Kanon aufzunehmen. Und nur der Einfluss eines Bischofs wie Irenäus von Lyon (2. Jh.) fügte noch des Johannes-Evangelium hinzu.
Irenäus gilt als einer der wichtigsten so genannten Kirchenväter. Für ihn war Jesus Christus nicht einfach ein Prophet oder ein göttlicher Mensch. Jesus Christus war für ihn das fleischgewordene Wort Gottes. Danach war Gott der Vater mit dem Wort und damit mit Christus gleichzusetzen. Im Kern ist dieser Satz bis heute das Glaubensbekenntnis der Katholiken. Und diese göttliche Natur erkannte als einziger (offizieller) Evangelist nur Johannes an. Daher nahm Irenäus dessen Schrift in den Kanon auf.
Aber: Auch Thomas sprach vom göttlichen Wesen von Jesus Christus. Warum also war Johannes “orthodox”, also rechtens, und das Thomas-Evangelium “häretisch”? Unter dieser Fragestellung klopft Pagels nicht nur dieses Evangelium, sondern auch die anderen Schriften von Nag Hammadi ab.
Was sie fand, war keineswegs ein “reineres oder schlichteres frühes Christentum”, schreibt die Autorin, sondern sie entdeckte eine Welt, die vor Formenreichtum und Komplexität nur so strotzte. Und das vermutlich Ende des 1. Jhs. abgefasste Johannes-Evangelium war bereits eine Antwort auf diesen Schriftreichtum, um die Frage zu klären, wer oder was Jesus Christus ist. Und Johannes (und mit ihm Irenäus – und damit später die katholische Kirche) fordert nun, an den göttlichen Jesus zu glauben.
Thomas wiederum sei der Meinung gewesen, so Pagels, dass es weniger darauf ankomme, an Jesus “zu glauben” als vielmehr nach “Gotteserkenntnis zu streben”. Denn der Mensch sei nach Gottes Ebenbild geschaffen und somit sei Göttliches in jedem vorhanden (was später die Protestanten wieder aufgreifen werden). Noch deutlicher: Das Thomas-Evangelium empfiehlt eine individuelle Gottsuche und schreibt eben nicht einen bestimmten Weg vor.

Eine Einheitskirche als Überlebensgarant

Das Johannes-Evangelium, so das Fazit von Pagels, trug als einziges das Potenzial in sich, eine wirkliche Einheitskirche zu schaffen, weil es den bedingungslosen Glauben predigt. Und in den Händen von Irenäus und anderen Kirchenvätern ist dieses Evangelium das geeignete Mittel, um aus der Vielzahl versprengter Gemeinden und Glaubensrichtungen, die in der Spätantike vorherrschten, eine alles umfassende, also eine “katholische” Kirche zu schaffen.
Mit Energie wetterte Irenäus also mit seinen Schriften gegen “häretische” Entwicklungen. Wunderbar recherchiert bietet Pagels eine Übersicht über seine Bemühungen und legt auch plausible Gründe für dessen Vorgehen vor. Fast die Hälfte der Christen gehörten zur Zeit Konstantins nicht der katholischen, sondern anderen Kirchen an. Die Arianer, die Jesus die absolute Göttlichkeit absprachen, waren eine starke Kirche.
Und vor allem mit einem Problem sah sich Irenäus schon konfrontiert: Neue Lehrer und religiöse Führer warben in schon bestehenden christlichen Gemeinden um Anhänger. Irenäus sah in ihnen schlicht Menschen, die die ohnehin schwachen Gemeinden noch weiter schwächten: Alles, was also nach Spaltung roch, war “häretisch”. Irenäus sah sich also gezwungen, einen Kanon festzulegen, der festschrieb, was rechtens sei und was nicht.
Als Konstantin 325 das Konzil von Nicäa einberief, einigten sich die Bischöfe mehrheitlich auf das Programm, das Irenäus gut 150 Jahre früher begründete. Auf dieser Grundlage stellten sie die Texte zusammen, die das Neue Testament zu enthalten hatte und hoben die “katholische und apostolische” Kirche, in der die “orthodoxen” Christen vereint sein, endgültig aus der Taufe.
Wie aus der Geschichte bekannt, blühte der Gnostizismus im Mittelalter weiter und “Häretiker” gab es immer wieder. Doch die katholische Tradition drückte der abendländischen Kultur deutlich ihren Stempel auf – nicht zu deren Schaden, wie Pagels befindet. Aber sie kritisiert auch, dass damit andere Sichtweisen und viele kostbare Fragestellungen verloren gingen. Und eine fraglose Hinnahme religiöser Autoritätsansprüche kann zu Verkrustung führen. Mit ihrem Buch macht Pagels Mut, die Vielfalt der christlichen Traditionen wiederzuentdecken.

Elaine Pagels: Das Geheimnis des fünften Evangeliums – Warum die Bibel nur die halbe Wahrheit sagt; C.H.Beck; München; 2004; 239 Seiten; geb. mit dem Text des Thomas-Evangeliums; 19,90 Euro; ISBN 3-406-52242-4

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