Sampler Der neue Miroque-Streich

Seit ihrem ersten Erscheinen 1996 geistert eine Musiksammlung mit immer neuen Auflagen durch Mittelalterszene und Gothic-Front gleichermaßen – die Miroque-Reihe. Der neueste Clou von Totentanz-Records, Miroque Volume 9, kommt am 2. Februar in den Handel. Natürlich gibt die Scheibe aufs Neue einen Überblick über frisch arrangierte Stücke einschlägiger Bands und macht mit seinem Erscheinungsdatum Geschmack auf die neue Saison. Und nicht nur das: Erstmals veranstaltet das Label noch im Februar ein eigenes Mittelalterfestival, bei dem drei am Album beteiligte Bands auftreten.

Um es vorweg zu nehmen: Der aktuelle Miroque-Streich erfüllt die Erwartungen. Die Scheibe versammelt wieder einmal große Namen von Corvus Corax bis Cultus Ferox sowie Stücke junger Bands in einem Album. Unbestritten hat die Compilation das Verdienst, damit auch Bands zu kolportieren, deren Aufnahmen sonst kaum im kommerziellen Musikhandel zu finden sind. Die Auswahl dürfte genau den Geschmack derer treffen, die auf Märkten und Konzerten den satten, treibenden Sound bevorzugen.
Das ist genau das, was Miroque-Fans erwarten. Und doch hält die Scheibe durchaus Überraschendes bereit. Davon dürfte es ruhig mehr geben. Miroque hat den Bekanntheitsgrad erreicht, der die Macher beinahe verpflichtet, mehr zu experimentieren. Die bombastischen Elemente von Corvus Corax – die mit „Hymnus Cantica“ nicht nur eine Bearbeitung der Carmina Burana bieten, sondern damit zugleich die offizielle Hymne der 25. Kaltenberger Ritterturniere in diesem Jahr – kennt der geneigte Hörer. Diesem Stück folgt eine geballte Front der bekannten Dudelsack- und Trommelatmosphäre. Darin gehen leider die – jeweils für sich handwerklich sauber arrangierten – Stücke unter. So auch „Kukuriku Petle“ von Schelmish, einer Band, die durchaus mit ruhigeren Balladen aufwarten kann. Zumindest eine aufgelockerte Zusammenstellung hätte der Scheibe gutgetan.
Dennoch, die bereits erwähnten Überraschungen machen Miroque Vol. 9 so unverwechselbar und wichtig. Nicht nur, weil sich mit The Soil Bleeds Black eine amerikanische Band auf das ansonsten europäisch dominierte Terrain wagt. Allerdings, die sicher gutgemeinte Grundidee hinter deren Stück „So Saith The Song Of Sigurd“ zündet nicht so recht. Mit Sicherheit muss mittelalterlich arrangierte Musik nicht zwangsläufig aus Good Old Europe kommen, aber in diesem Fall passt der mysteriöse Sound der Amerikaner nicht wirklich zur Stimme von Eugenia Wallace, die im Irgendwo zu irrlichtern scheint.
Dagegen liefert die Renaissance-Band Pantagruel mit einem Lied von Christopher Marlowe aus dem 16. Jh. ein exzellentes Beispiel für lebendig gewordene Musikgeschichte ab. Mit ihrem klaren Gesang bietet Gastsängerin Karolina Brackman ungebremsten Hörgenuss, den die Musiker von Pantagruel mit ihrem hervorragend zurückhaltenden Spiel kaum noch steigern können. In diese ruhige Atmosphäre passen auch die Stücke von Oswald („Packington’s Pound“) und Ralf der Rabe unheimlich gut hinein. Vor allem, weil Letzterer mit seiner Moritat vom „Drachen Fangdorn“ die alte Tradition des Geschichtenerzählers auf wunderbare Weise neu arrangiert. Mehr davon!
In Sachen Newcomer sind die Spielleute vom Leipziger Trio „Ohrenpeyn“ hervorzuheben. Ihr Stück „Schönheit der Weibsbilder“ von ihrem ersten Album – erschienen im Sommer 2003 – ist auf Miroque 9 vertreten. Und das mit Recht. Obwohl auch die Musik von Ohrenpeyn durch Dudelsack und Trommeln geprägt ist, überzeugen die Bandmitglieder, die bereits erfolgreich über die Märkte ziehen, als Studiomusiker, die ihr Handwerk verstehen. Der Sound ist rund und satt und beweist die Spielfreude der Leipziger. Das Debüt lässt hoffen, dass der Band die Experimentierfreude nicht ausgeht.
Ungewohnt der Schluss der Miroque-Scheibe. „Hör die Trommeln“ von Saltatio Mortis sprüht vor rockigem Gitarrensound, der sich zunächst fremd ausnimmt. Doch ist dies ein nur vorübergehend störendes Gefühl, das niemanden hindern sollte, der Band ein offenes Ohr zu gönnen. Letztlich sorgt eben dieses Ungewohnte für mehr Frische, und nur das zählt. Diese Momente machen die Compilation zu einer der wichtigsten, die auf dem Markt zu haben sind.
Zur Release-Party stellt Totentanz-Records ein eigenes Mittelalterfestival auf die Beine. Am 8. Februar treten mit Schelmish, Cultus Ferox und Cornix Maledictum drei der hier veröffentlichten Bands vor das Publikum. Ort des Geschehens: das Duisburger Event-Schloss „Pulp“. Fragt sich, was eigentlich beim Jubiläum im nächsten Jahr noch passieren soll. Der Erwartungsdruck an das Miroque-Team dürfte hoch sein.

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