Decamerone Boccaccios deftiges Werk zeigt sich malerisch

Ungeniert keckernd lüpft das Mönchlein seine Kleider, voll Vorfreude auf seine naive Liebhaberin. Ein Bild, dass typisch sowohl für das weltberühmte "Decamerone" des florentinischen Dichter Giovanni Boccaccio als auch die Zeichnungen des international bekannten Illustrators Friedrich Hechelmann ist. Beides vereinte der Knaur Verlag jetzt in einer Neuauflage des Werks, das vor haptischen und optischen Genüssen nur so strotzt. Vom frivolen Inhalt einmal ganz abgesehen...

Buchkunst in Reinkultur

Die Aufmachung des Bandes ist dem gut 600 Jahre alten Stück Weltliteratur mehr als würdig: Schon die Annäherung an das Buch ist verheißungsvoll. Das in hochfeines Leinen gebundene Buch steckt in einem mattblauen und unaufdringlich elegant gestaltetem Schuber.
Dem Bücherfreund wird beim Aufschlagen die lupenreine Fadenheftung und das hochwertige Feinpapier nicht entgehen. Sauber bedruckte Schrifttypen reihen sich zu einer klassisch wirkenden Typografie aneinander. Die breiten Zeilen werden durch ausreichend “Luft” aufgelockert. Gezeichnete Initialen führen in die einzelnen Kapitel ein. Dieses Werk verbreitet bereits Freude, da ist noch keine Zeile gelesen.

Die Illustrationen Hechelmanns

Schon immer hat es den Künstler Friedrich Hechelmann zu Mythen und Überlieferungen hingezogen. Nun legt er in diesem Band seinen phantasievollen Illustrationszyklus zu den schönsten Novellen aus Boccaccios “Decamerone” vor. Fast jeder Geschichte ist ein ganzseitiges Bild Hechelmanns vorangestellt, in dem er eine Schlüsselszene wiedergibt.
Es ist die Vielfalt des gestalterischen Ausdrucks, die berührt. Willig lässt sich Hechelmann auf die mal frivole, mal hintergründige oder derbe Sprache des Italieners aus dem 14. Jh. ein. Diese Färbung schlägt sich auch in seinen Bildern nieder. Freizügige Szenen, die aber nie entblößend oder abwertend wirken, ziehen sich durch den Bilderbogen. Die Figuren Hechelmanns leben, ihre Gesichter haben ausgeprägte Charaktere: unnahbar schön, hinterlistig, sanft, verhutzelt.
Die Bilder sind zum Entdecken da, meist bieten sie auch dem zweiten Blick noch Neues. Gemeinsam ist ihnen der unendlich leichte Strich des Künstlers und der beinahe für die Renaissance typische Bildaufbau: Wie eine Bühne heben Säulen oder Stuckelemente die Szenen ins Theatralische, Fenster und Säulengänge entführen den Blick in paradiesische Landschaften und üppige Gärten. Nie aber wirken sie überladen, sondern lassen genügend Raum zum Schauen.

Boccaccios berühmte Novellen

Giovanni Boccaccio (1313-1375) ist ein Kind der italienischen Renaissance. In seinen Werken entpuppte er sich als Liebhaber der antiken Autoren und ihrem Sinn für pralle Sinnenfreude sowie als früher Humanist. Wie wir heute wissen, ist sein “Decamerone” einer unglücklichen Liebe zu einer verheirateten Adligen gewidmet, die im Buch als “Fiammetta” zu neuem Leben erwacht. Denn als Boccaccio im Jahre 1348 mit dem Buch begann, war die Geliebte der Pest zum Opfer gefallen, die damals in Europa wütete.
Die Pest treibt denn auch im “Decamerone” eine Gruppe junger Frauen und Männer in ein einsames Schloss. Hier vertreiben sie sich die Zeit mit geselligen Spielen und eben jenen berühmten 100 Geschichten. Die schönsten daraus – aber das ist Geschmackssache – hat der Verlag in diesem Werk zusammengestellt.
Boccaccio pflegt eine leichte Sprache, aus seinen Geschichten ist die Sympathie für seine Helden deutlich herauszuhören. Vor allem die Frauen haben es dem Italiener angetan – Frauen, die entgegen sittlicher Gepflogenheit ihren Weg zum eigenen Glück suchen. Und die deftige Erotik spricht Bände über Boccaccios Einstellung zum sittenstrengen Leben, dass in seiner Gesellschaft propagiert wurde. Das “Decamerone” ist als Ausdruck der nie ganz verschütteten abendländischen Lebensfreude mit Recht zum Klassiker geworden.

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