Christentum Auch in Nubien herrschte das Kreuz

Warum eigentlich "Weltreligion"? Geht man zurück ins Mittelalter und nimmt die seit jener Zeit durch westliche Christen besiedelte Gebiete (wie Amerika, Fernost, Südafrika oder Australien) einmal beiseite - was bliebe dann noch von der Weltreligion Christentum? Eine ganze Menge, sagt der englische Historiker Bernard Hamilton. In seinem neuen Buch tritt er den Beweis an, dass es Christen nahezu in jedem bewohnten Teil des damals in Europa bekannten Kulturkreises gab. Und nicht selten auch darüber hinaus.

Lückenlose Berichterstattung

Hamiltons Werk ist die erste große Sammlung, die eine zusammenfassende Geschichte des mittelalterlichen Christentums zeigt. Sicher existiert genügend Literatur etwa zur europäischen Entwicklung. Doch ein Rundblick von Skandinavien bis Äthiopien und von Spanien bis nach Zentralasien ist in dieser Art kaum geboten worden.
Hamilton umspannt die Epoche zwischen dem Toleranzedikt Kaiser Konstanins (313) bis etwa zur “Entdeckung” Amerikas durch h3. ten Bogen über die Entwicklung im westlichen Abendland, den Kirchen des Byzantinischen Reiches und Südosteuropas bis hin zur detaillierten Lage in den Kreuzfahrerstaaten. Dabei lässt der Historiker auch nicht die als “häretisch” verfolgten Paulizianer oder Bogomilen außer Acht und nimmt sich viel Zeit, um das spannungsreiche Verhältnis zwischen Byzanz und der katholischen Kirche darzustellen.
Schließlich gewährt Hamilton kenntnisreiche Einblicke in das Christentum im mittelalterlichen Afrika – auch wenn die Quellenlage hier längst keine so blumige Darstellung zulässt – und letztendlich die fast exotisch anmutenden Kirchen in Asien (von Arabien bis nach Indien). Nicht ganz einzusehen ist allerdings, warum Hamilton der Stadt Jerusalem ein eigenes Kapitel als Epilog einräumte – lange nachdem er den Nahen Osten behandelte.

Lesevergnügen mit kleinen Mängeln

Der Detailreichtum und eine klare Sprache sind bestechend. Man kann Hamilton ohne größere Mühen auch als Laie gut durch die Entwicklungsgeschichte folgen. Sehr schön ist, dass sich der Autor trotz verständlicher Enge der Fakten die Zeit nimmt, historisch belegte Zeugen in überlieferten Zitaten zu Wort kommen zu lassen.
Zwei Mängel indes schränken das Lesevergnügen etwas ein: Zum einen werden wichtige Begriffe mit denen der Autor umgehen muss, erst in späteren Kapiteln erläutert. So ist etwa lange von “monophysitischen” Kirchen und dem Konzil von Chalkedon die Rede, bevor Hamilton im Detail klärt, was es damit auf sich hat (es geht um die göttliche und die menschliche Natur des Christus). Ein Verweis auf die klärenden Textstellen oder ein Lexikon mit den wichtigsten Begriffen hätte bereits geholfen.
Zweitens fehlt eindeutig Kartenmaterial. Die Illustration des Buchs ist überschaubar, aber völlig in Ordnung. Zum besseren Verständnis der verwickelten Verhältnisse und der Einflussgebiete der jeweiligen Kirchen und Patriarchate (vor allem bei den Ostkirchen) sind zumindest Umrisskarten unabdingbar.
Dennoch: Wichtig ist dieses Buch nicht zuletzt auch durch die hervorragende Darstellung der vielfältigen Verflechtungen zwischen Christen und den jeweiligen vorherrschenden Religionen wie Islam, Buddhismus oder Hinduismus. Das macht es wertvoll für die Einschätzung auch der heutigen Situationen.

Bernard Hamilton; Die christliche Welt des Mittelalter – Der Westen und der Osten; Verlag Artemis & Winkler; Düsseldorf; 2004; 324 Seiten; 29,90 EUR; ISBN 3-538-07192-6

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