Wirtschaftsgeschichte Als das Mittelalter die Globalisierung erfand

Wir wissen von "Handelsreisenden" zu Zeiten Ötzis, wir kennen die Handelsrouten des Imperium Romanum. Aber was wissen wir von den Anfängen der Weltwirtschaft, deren noch zarte Wurzeln bereits im Mittelalter sprossen? Eine ganze Menge, meint der Wissenschaftler Peter Spufford und begibt sich ganz bodenständig auf Spurensuche. Per Auto erkundete er jahrelang die uralten Handelswege und rekonstruierte die Nervenbahnen der damaligen Wirtschaftswelt. Diesen Spuren folgend trug Spufford eine Menge Erkenntnisse des kaufmännischen Alltags zusammen. Heraus kam ein Werk mit spannender Wirtschaftsgeschichte.

Eine Revolution im 13. Jh.

Der Ausgangspunkt ist das 13. Jh., in dem Bevölkerungswachstum und Überschüsse in der Landwirtschaft dem Warenaustausch zu unverhoffter Blüte verhalfen. Und schnell ergab sich, so schreibt Spufford, wie sehr die einzelnen Regionen miteinander verbunden waren. Und mitten in diese blühenden Landschaften platzten zwei wichtige Dinge.
Zum einen erlebten die norditalienischen Städte einen rasanten Aufschwung. Vor allem die Seerepubliken weiteten ihre Kontakte zu nie gekannten Ausmaßen aus. Zweitens, stellt der Autor fest, kam immer mehr Geld in Umlauf. Abhängige, Pächter und Lehnsleute zahlten nicht mehr nur mit Dienstleistungen, sondern hatten mehr und mehr Geldzahlungen zu leisten. Der Boden war bereitet für all die wirtschaftlichen Erfindungen des Mittelalter.
Spufford zählt sie alle akribisch auf: Den Wechsel, den Einsatz arabischer Ziffern in der Buchhaltung, die Entstehung von Beteiligungsgesellschaften, den Scheck etc. “Es geschah eine Handelsrevolution im 13. Jh.”, meint Spufford. Die Seestädte “eroberten” die Mittelmeerküsten von Gibraltar bis Konstantinopel und stießen das Tor nach Asien weit auf – begleitet vom wissenschaftlichen Blick Spuffords.

Dem Kaufmann auf den Fersen

In der Sache korrekt, im Stil flüssig – so zerpflückt der Autor die wesentlichen Hintergründe seines Untersuchungsgegenstandes. Er seziert die wirtschaftliche Welt des Mittelalters regelrecht. Und so erlebt der Leser beinahe minutiös mit, was Kaufleuten und deren Agenten, Fuhrunternehmern und Boten alle blühte.
Wie kamen die Menschen damals von A nach B? Auf welchen Wegen und in welcher Zeit? Was kostete ein Transport und warum wurden eher die Luxusgüter per Schiff verschickt und nicht auf dem Landweg? Welchen Aufwand betrieben die Fürsten tatsächlich, wenn sie “Hof hielten”? Und schließlich: Welche Gefahren lauerten an Gebirgspässen und in den dichten Wäldern am Rande der Metropolen?
All diesen Fragen geht der Autor nach. Kilometer für Kilometer verfolgt Spufford am Beispiel der Route von Paris über die Champagne über den St. Gotthard nach Oberitalien den Weg der Händler. Und lässt sich dabei ausführlich über die Funktion und den Ablauf der berühmten Champagne-Messen aus wie über die Beziehungen der norditalienischen Städte untereinander.
Mit Blick fürs Detail beschreibt der Wissenschaftler das Straßennetz und die (oft erfolglosen) Bemühungen offizieller Stellen, diese in Schuss zu halten. Seine Arbeit rundet Spufford mit einem Vergleich von hoch- und spätmittelalterlichen Handelsbilanzen (die Levante inklusive) und einer erschöpfenden Beschreibung typischer Handelsprodukte ab – die bereits erste Merkmale von Markenartikeln trugen. Man denke nur an das flandrische Tuch.

Die volle Übersicht

Der Kern des Darstellungszeitraums ist das 13. bis 15. Jh. Immer wieder aber gleitet die Betrachtung in frühere oder spätere Jahrhunderte. Dies macht das Werk zu einer wichtigen Lektüre für jene, die erfahren wollen, wie der wirtschaftliche Motor damals lief – schließlich die Grundlage für unsere heutige Situation.
Das Buch ist reich illustriert und opulent gestaltet. Detaillierte Karten, das Register und ein ausführliches Literaturverzeichnis machen das Buch zu einem guten Nachschlagewerk. Gewiss ist das Buch eurozentrisch, es gewährt dennoch auch einige Einblicke in den muslimischen Wirtschaftsraum. Wie eng die Verknüpfung mit Fernost waren – diese Betrachtung hätte zwar den Rahmen gesprengt, wäre aber dennoch ein Kapitel wert gewesen. Ein weiterer Wermutstropfen betrifft die Typographie: Der Schriftgrad ist um mindestens einen Punkt zu klein. Dem Leser wird immerhin reichlich Text geboten, die kleinen Buchstaben bereiten aber einige Mühe. Der hervorragenden Übersichtlichkeit tut dies indes keinen Abbruch.

Peter Spufford; Handel, Macht und Reichtum – Kaufleute im Mittelalter; Theiss Verlag; Stuttgart; 2004; 328 Seiten mit 240 Abb.; Einführungspreis 34,90 EUR (bis 31.1.2005, danach 39,90 EUR); ISBN 3-8062-1893-5

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