Steppenkrieger in Bonn Zwischen Buttertee und Bogenschmaus

Pferdekopfharfe hat sich als Winkelharfe herausgestellt. Eine Sensation für Musikarchäologen. © Jürgen Vogel/LVR-LandesMuseum Bonn

Seit kurzem läuft die Ausstellung „Steppenkrieger – Reiternomaden des 7. bis 14. Jahrhunderts aus der Mongolei“ im LVR-Landesmuseum in Bonn. Bogenexperte Michael Kieweg über faszinierende Fundobjekte und Rekonstruktionen.

Archäologie und Gegenwart

Die Ausstellung ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern thematisch. Der Weg beginnt an einer Jurte. Diese stammt zwar aus der heutigen Zeit, vermittelt aber durch die Verwendung traditioneller Materialien und Einrichtungsgegenstände einen guten Eindruck davon, wie das Leben in so einer mobilen Behausung aus Filz sein kann. Nach einigen Karten, die einen Eindruck von der Lage und Größe der Mongolei vermitteln, folgt ein Videobeitrag über die Bergung eines Skelettes aus einem der Felsspaltengräber.

Lebensbild von Dmitrij V. Pozdnjakov mit einem rekonstruierten Kompositbogen in der Vitrine daneben. © Michael Kieweg

Nach diesem einführenden Teil folgt der Themenkomplex „Pferd und Reiter“. Neben dem Skelett eines Reiters wird hier ein Sattel gezeigt, der in seiner Konstruktion schon so ausgereift ist, dass sich Vergleichsexponate aus späteren Jahrhunderten nur noch in Details von ihm unterscheiden.

Damit wird gleichzeitig ein grundlegendes Prinzip der Ausstellung sichtbar. Immer wieder werden die Funde aus den Felsspaltengräbern ähnlichen Objekten aus späteren Jahrhunderten gegenübergestellt, die als Leihgaben aus verschiedenen anderen Sammlungen in die Ausstellung integriert wurden. Dabei zeigt sich, wie perfekt die Mongolen ihre Ausrüstung an die Erfordernisse ihrer Lebensweise angepasst haben. Seien es die Lederriemen am Sattel, die versenkt angebracht sind, damit sie beim Reiten nicht an den Beinen scheuern, oder die Reitkleidung mit ihrem speziellen Schnitt.

Bei der Kleidung ist mir zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, wie außerordentlich selten und optimal geeignet zur Erhaltung organischer Überreste die Bedingungen in mehr als 2000 Metern Höhe in der Mongolei sein müssen. Sowohl der Seiden-Deel als auch der Filz-Deel – eine Art Kaftan – sehen aus, als müsse man nur ein paar kleine Löcher flicken und sie mal gründlich waschen, um sie wieder anziehen zu können.

Ein restaurierter mongolischer Seiden-Deel aus dem 11. Jahrhundert. © Jürgen Vogel/LVR-LandesMuseum Bonn

Musik aus der Steppe

Die nächste Station auf dem Weg durch die Ausstellung präsentiert Alltagsgegenstände, wie Schalen und Becher, die auf einer Drechselbank aus Holz gefertigt wurden. Auch hier zeigt sich wieder die Anpassung an die nomadische Lebensweise. Keramik wäre schwer und zerbrechlich gewesen. Die filigran gedrechselten Geschirrteile sind leicht und trotzdem robust.

Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist die geborgene und sorgfältig restaurierte Winkelharfe. Dieser Fund ist ein gutes Beispiel dafür, wie die sorgfältige Untersuchung und Restauration zu einer Uminterpretation des gefunden Objektes führen kann. Ursprünglich war man davon ausgegangen, dass es sich bei dem Stück um eine für die Gegend typische Pferdekopfgeige handele. Solch ein Instrument ist zum Vergleich in der Nachbarvitrine ausgestellt. Im Laufe der Arbeiten musste diese Vorstellung revidiert werden und man kam zu dem Schluss, dass es sich eben um eine Winkelharfe handeln müsse, wie sie dann auch von Susanna Schulz rekonstruiert wurde.

Michael Schmauder (ganz rechts), Fachreferent für Frühmittelalter am Museum spricht über Einmaligkeit der gefundenen Winkelharfe in der Vitrine. © Michael Kieweg

Der Fund eines solchen Instrumentes ist für die Gegend und die Zeit einmalig; das Objekt zeigt eindrucksvoll die Klasse der Ausstellung und ist, neben den vielen anderen erstklassigen Stücken, ein eindrucksvoller Beleg dafür, was erreichbar ist, wenn von Anfang die optimale Behandlung der Funde im Vordergrund steht und über alle Staats- und Institutsgrenzen hinaus schlicht und einfach mit den besten erreichbaren Fachleuten zusammengearbeitet wird.

Man kann dem Mongolischen Institut der Wissenschaften nicht genug danken, dass es die Funde zur Untersuchung und weiteren Bearbeitung außer Landes gegeben hat und den Bonnern dafür, dass sie ohne institutionelle Eitelkeiten Fachleute von überall her dazu gezogen haben.

Vollendete Bogenkunst

Wie inzwischen üblich, werden auch in der Bonner Ausstellung die Wandflächen in die Gestaltung einbezogen und zur Bereitstellung von Hintergrundinformationen genutzt. Hier fallen vor allem die großen, farbenprächtigen Lebensbilder von Dmitrij V. Pozdnjakov auf. Sie sind beileibe nicht bloß hübsche Hintergrunddekoration für die Exponate in den Vitrinen, sondern vielmehr eine korrekte Darstellung des derzeitigen Wissensstandes im jeweiligen Thema. Funde und Rekonstruktionen finden sich exakt in den Bildern wieder und diese liefern so einen lebendigen Eindruck vom Leben der Steppennomaden.

Der letzte Raum der Ausstellung ist dann den Bögen und Pfeilen gewidmet. Das Bild des Reiterkriegers ist für den westlichen Menschen wohl untrennbar mit dieser Waffe verbunden. Reiter, die mit kurzen, stark gekrümmten Bögen, vom Rücken ihrer schnellen Steppenpferde schießen… Was hier an Funden präsentiert wird, hat mir noch für Tage ein glückliches Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Kompositbögen in einem Erhaltungszustand, dass man beinahe damit schießen möchte. Pfeile mit beinahe kompletter Befiederung und erkennbarer Bemalung, die aussehen, als hätte man sie erst vor drei Monaten auf dem Parcours verloren. Dabei sind sie hunderte von Jahren alt.

Gut erhalten: Ein Köcher mit Pfeilen © Michael Kieweg

In diesem Bereich kommt für mich das Prinzip der Gegenüberstellung, das in der Ausstellung so oft angewendet wird, besonders gut zur Geltung. Man schaut in der einen Vitrine auf einen hervorragend erhaltenen Bogen nebst Pfeilen aus dem 7.-8. Jahrhundert, betrachtet in der Nachbarvitrine den nicht minder gut erhaltenen zugehörigen Köcher aus Birkenrinde und steht, wenn man sich umdreht, vor der wunderschönen Rekonstruktion eben dieser Pfeile und eben dieses Köchers, die Ulli Stehli gemacht hat.

Als Bogenbauer könnte ich noch seitenlang von den unglaublich gut erhaltenen Horn-Sehnen-Kompositbögen schwärmen, von der kaum beschädigten Seidensehne auf dem Bogen aus dem Grab von Cagaan Chad, von den aus Birke oder Weide und Bambus zusammengespleißten Pfeilschäften, von erhaltenen Hornspitzen oder der immer noch sichtbaren Originalvergoldung.

Stattdessen erwähne ich lieber noch, dass in der Ausstellung auch Originalblätter aus den sogenannten „Diez-Alben“ aus der Sammlung der Staatsbibliothek Berlin zu sehen sind. Diese persischen Tuscheblätter aus dem 14. Jahrhundert zeigen beispielsweise Bilder von berittenen Kriegern oder auch Schlachtszenen, auf denen man Ausrüstung und Kleidung in allen Einzelheiten dargestellt findet und sie mit den Funden und den Lebensbildern vergleichen kann.

Empfehlung: Anschauen!

Ich kann nur jedem, der sich für die Geschichte und Kultur der Mongolen interessiert , einen Besuch der Ausstellung empfehlen. Ebenso ist sie für jeden Bogenbauer und Bogenschützen, der sich für historische Bögen interessiert, speziell für Kompositbögen der Reitervölker, ein Muss. Der Erhaltungszustand der Exponate ist einfach traumhaft.

Sorgfältige Fundbearbeitung: Jan Bemmann, Professor für Vor- und Frühgeschichte der Universität Bonn und Ausstellungskurator, mit einem Lederköcher. © Johannes Seiler/Uni Bonn

Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm, dass von traditioneller Musik über Bogenbau bis zu Theater und Kino für jedes Interesse und jedes Alter etwas bietet. Auch der aufwendige Katalog zur Ausstellung ist die 19,90 Euro, die er im Museumsshop kostet, mehr als wert und wird in einem späteren Beitrag noch ausführlich rezensiert, wenn ich ihn komplett durchgearbeitet habe.

Ich war und bin immer noch sehr begeistert von der völlig problemlosen Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des Rheinischen Landesmuseums. So war es kein Problem schon eine Stunde vor dem offiziellen Beginn der Führung (am Eröffnungstag Ende Januar 2012; Anm. die Red.) durch die Ausstellung zu gehen und in Ruhe zu fotografieren. Fragen wurden zu jeder Zeit ausführlich beantwortet und so manches Vorurteil leidenschaftlich zurechtgerückt. Das habe ich auch schon ganz anders erlebt. Die Ausstellung ist noch bis zum 29. April 2012 in Bonn zu sehen.

Und mongolischer Buttertee schmeckt wesentlich besser als es sich anhört.

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