Bückeburg 2004 Wenn Schotten auf Berserker treffen

Bunte Fahnen und Zelte sind wieder in die über 900 Jahre alte geschichtsträchtige niedersächsische Stadt nahe der Weser zurückgekehrt. Fanfaren erschallen und Trommelschläge hallen zusammen mit Dudelsackmelodien über die Wiesen. Nun wird im Schlossgarten Bückeburg zum wiederholten Male die Wiederkehr des Mittelalters gefeiert. Anfang des 12. Jhs. erleben die Schaumburger ihre erste geschichtliche Erwähnung. Heute ist das Spektakel eines der großen im norddeutschen Raum.

So mancher Auto- und Motorradfahrer wird sich am vergangenen Wochenende über die seltsamen Zeltformen und Farben auf den Wiesen vor dem Schlossgarten und Mausoleum von Bückeburg wundern. Doch viele Einheimisch haben sich inzwischen an das Bild gewöhnt: So kann man bereits von der Straße aus das Heerlager und den Turnierplatz des Mittelalterlich Spectaculum des Veranstalters Gisbert Hiller erkennen. Auch stehen einige Camper auf dem Parkplatz und sorgen, ebenfalls mit eigenartigen Konstruktionen, für neugierige Blicke und vielleicht auch spontanen Eingebungen, sich die Sache mal genauer anzusehen. (Achtung Autofahrer am nächsten Wochenende: zahlreiche Blitzer an der Bundesstraße.)

Farbenfroh recken sich die Zelte den Besuchern entgegen. Bereits vom Eingangsbereich aus können sie einen ersten Blick auf die Lager werfen. Nur der Turnierplatz ist sorgsam umkleidet mit Planen, nur mit einer extra Gebühr von sechs Euro ist ein Blick auf das Treiben möglich. Für den großen Rest wird ein Eintrittspreis von zehn Euro fällig – auch nicht gerade günstig im Vergleich zu anderen Märkten. Es bleibt indessen jedem selbst überlassen, das Preis-Leistungs-Verhältnis zu beurteilen.
Noch ein Wochenende hat man Zeit, um sich diesen großen und weit in den Wald bis hin in den Garten vor dem Mausoleum reichenden Markt anzusehen. Und man kann erleben, wie die Heerlager und auf dem Turnierplatze die Schaukampfgruppe “Die Löwenritter” mit ihren choreographierten Reiterkunststücke das Gelände in eine Theaterkulisse verwandeln.

Von kämpferischen Gruppen und einem Turnier

Auf dem Weg zu den Marktbuden liegt das Lager der Gruppe “Clann nÂ’ah alba”. Diese hat sich der Darstellung mittelalterlicher Schotten verschrieben. Auf die Art der Darstellung ist man stolz: Die Waffen beschränken sich mit wenigen Ausnahmen auf Bauernwerkzeug – ein seltener Anblick. Natürlich sind die Männer ausschließlich in Schottenröcken zu sehen. Leider blieb mal wieder der Blick darunter verwehrt und das Geheimnis wird, für mich zumindest, ungelüftet bleiben.
Mit den “Berserkern” erlebe ich eine weitere recht lebendige Gruppe. “Die Berserker” treten als Doppelsöldner auf (wobei sich das Doppel auf ihren Sold beschränkt und nicht auch ihr Körpergewicht meint, wie mir versichert wurde). Ihre vier Mann starke Gruppe bewegt sich in den Zeiten 11.-14. Jh. mit Schwerpunkt auf den Beginn dieses Zeitraums. Ihre ungewöhnlichen Schwerter, so genannte Bidenhänder oder auch Gassenhauer, haben sie selber hergestellt. Sie dienten damals zum Durchbrechen von Spießmauern. Da die Schwerter bis zu acht Kilogramm schwer sind, nehmen die “Berserker” an den regulären Schaukämpfen nicht teil. Die Verletzungsgefahr ist selbst bei eingeübten Kämpfen zu groß, erzählen sie.
Die Emanzipation hielt Einzug in die Geschichte, die die “Löwenritter” während des Turniers aufführen. Berühmte Ritter kämpfen um die Gunst einer Gräfin, die sich partout nicht heiraten lassen will und ihrem Unglück durch eigene Teilnahme am Turnier entgehen wollte. Durch gekonnte und spitzfindige Kommentare führt der Herold “Johann von Witten” die Zuschauer durch das Geschehen. Nun, allein auf Können und Schauspielerei wollte der Produzent indes nicht setzen – mit dramatischer Musik wird das Spektakel aufgepeppt. Dies ist nun wirklich Geschmackssache, aber der größte Teil des Publikums scheint begeistert.

Marktgeschehen für Aug’ und Ohr

Zum Lustwandeln laden die Marktgassen ein. Sie verströmen eine angenehme und romantische Atmosphäre. Mit zwei Bühnen und mehreren Kampfplätzen ist ein umfangreiches Programm möglich um für genug Kurzweil bei Besuchern und Kindern zu sorgen. Der Aufenthalt kann somit immer wieder durch die vielseitigen Programmpunkte aufgelockert werden, wobei auch die Musiker, Gaukler und Schauspieler nicht fehlen dürfen.
Als Musiker auf den Bühnen sind Saltatio Mortis und wieder einmal Tolstafanz zu sehen – ihre Programme laden zum Tanzen ein. Selbst bei strömenden Regen finden sich immer genug Zuschauer, die sich nicht abhalten lassen, ihre Hüften oder zumindest ihre Füße zu den eingehenden Rhythmen zu bewegen.
Vor dem Mausoleum haben die Schaukampfgruppen Kadetti und Fictum ihren großen Auftritt. “Kadetti” zeichnet sich nicht nur durch den guten Umgang mit dem Degen aus, sondern vielmehr durch komödiantische Talente. Mit viel Humor und Musik wird ein “Degenballett” aufgeführt, vermischt mit Musik aus der Renaissance. Die Gruppe Fictum beschränkt sich dabei auf Trommeln und unterstützendes Gebrüll. Auf jeden Fall etwas zu lachen, aber nichts für Besucher, die einen authentischen Markt erwarten.
Am Ende eines Markttages wird auf der großen Bühne von Fogelvrei-Künstlern ein “Traumspektakel” veranstaltet. Für jedes Auge und jedes Ohr ist etwas dabei, wobei kein Auge trocken bleiben dürfte. Bei der Theatergruppe “Kreuz und quer” gibt es immer was zu lachen. Auf die Ohren bekommt man was von Maltrazio, der mit seiner leisen “Laute” satirische Liedchen anstimmt. Bagatelli jongliert Kanonenkugeln und Holzwagen. Man darf kommen und staunen. Tolstafanz sorgt für die entsprechenden Musikeinlagen. Somit ein gelungener Abschluss am Ende eines Markttages.

Unser Fazit

Wer es authentisch will, darf von der Veranstaltungsreihe “Mittelalterlich Spectaculum” nicht zuviel erwarten und sollte sich das Eintrittsgeld sparen. Doch für Familien, die sich mit ihren Kindern einen netten Tag machen wollen und sich zumindest ein wenig für die Thematik des Mittelalters interessieren, sind auf diesem Markt auf jeden Fall richtig. Ein Markt zur Volksbelustigung und zum Zeitvertreib ist er auf jeden Fall. Damit es für die Familien nicht zu teuer wird, hat der Veranstalter auch Familientage eingerichtet, an denen Kinder unter 14 Jahre in Begleitung Älterer umsonst Eintritt haben.

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