Charmeoffensive Templer „erobern“ Hannover

In ihrer Blütezeit gewährten sie Königen Kredite, finanzierten Waffengänge im Heiligen Land und waren Herren einer geballten Kriegs- und Handelsmacht: die Tempelritter. Es gibt sie heutzutage wieder – sagen die einen; es gibt sie noch immer – die anderen. Sei’s drum! Just an diesem Wochenende begehen rund 100 Mitglieder der weltweit verstreuten modernen Templerorden in Hannover ihr 10. Internationales Generalkapitel. Als Veranstaltungsort profitiert das Landesmuseum Hannover von einer spendablen Geste. Der Deutsche Tempelherren-Orden schenkte dem Museum die dringend notwendige Sanierung einer spätmittelalterlichen Reliquienbüste.

Ein Schatz kehrt zurück

Die hannoversche Komturei des Tempelherren-Ordens organisierte das Generalkapitel vom 9. bis 11. September. Die öffentlichen Höhepunkte finden am morgigen Sonnabend, 10. September, statt. Um 10 Uhr erwarten die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann und der Bischof von Banja Luka (Bosnien-Herzegowina), Franjo Komarica, die Teilnehmer zum ökumenischen Gottesdienst in der Marktkirche. Am Abend findet beim Empfang im Landesmuseum das statt, worauf die Restaurateurin Brigitte Schröder seit Monaten hingearbeitet hatte: die Übergabe der kostbaren Büste.

Rund 40 Zentimeter hoch ist das Kunstwerk aus der Kirche zu Uslar. Die mit Blattgold überzogene Reliquienbüste stammt aus der Zeit um 1420 und befindet sich seit den 1860er Jahren als Teil des Welfenmuseums in Hannover. Mehrfach war das Stück im 19. und 20. Jh. Restaurierungsarbeiten unterzogen, die meist unsachgemäß ausgeführt wurden. Die Folge: Die Büste, die einst der Aufnahme von Reliquien diente, verkam zu einem unansehnlichen Etwas und landete schließlich im Magazin.
Mit einem „namhaften Betrag“, so ein Museumssprecher, ermöglichte der Tempelherren-Orden eine Generalüberholung.

Die Büste bekommt einen exponierten Platz im Großen Mittelaltersaal der Landesgalerie Hannover. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich zwei weitere Vertreter des Spätmittelalters. Auch der kürzlich ebenfalls restaurierte Göttinger Barfüßer-Altar und die Lüneburger Goldene Tafel wurden um 1420 geschaffen.

Gratwanderung zwischen Seriosität und Esoterik

Rund 5000 Euro spendeten die Templer für die Restaurierung. Mit der Unterstützung bringe der Orden „ein Hauptziel seiner Tätigkeit nachhaltig zum Ausdruck“, erklärte der Museumssprecher. Der ökumenisch ausgerichtete Laienritterorden betont seine auf christlichen Werten beruhende Arbeit zugunsten Bedürftiger und für die Bewahrung des europäischen Kulturerbes. Dabei berufen sich die modernen Templer ausdrücklich auf ihre hochmittelalterlichen Vorgänger, deren Orden von 1118 bis 1314 bestand.

1957 wurde der Deutsche Tempelherren-Orden (Ordo Militiae Crucis Templi OMCT) als Ableger der unter der Dachorganisation europäischer Priorate (Ordo Militiae Templi OMT) zusammengefassten Templer reaktiviert. Die Mitglieder sind weltweit vertreten. Die Tempelherren wiederum gründen sich auf eine 1705 ins Leben gerufene Organisation.

Die Neu-Templer sind in viele kleinere Orden zersplittert. So ist beispielsweise der Ritterorden des Tempels zu Jerusalem (OSMTH) erst 2002 in Deutschland als Großpriorat bestätigt worden. „Wir erhalten die christlichen Werte der Nächstenliebe, verbunden mit der Weltoffenheit und Toleranz der Templer“, sagt ein Ordenssprecher. Die Templer glauben, dass ihre Vorgänger nie aufgehört haben zu existieren. Nach der gewaltsamen Zerschlagung des Ordens durch den französischen König Philipp des Schönen habe er in Spanien, Portugal und Schottland im Verborgenen überlebt. Bis heute gelten die mittelalterlichen Templer bei Vielen als Hüter überaus kostbarer Geheimnisse – mit Auswirkungen auf Nachahmer, Esoteriker und Schatzsucher. Um so mehr sind die Deutschen Tempelherren um Seriosität bemüht. Der Mittelalterforschung in Hannover hat dieser Anspruch nunmehr gedient.

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3 Kommentare

  1. Ich hoffe das die Templer die Zeit überdauern und noch viele christliche Taten vollbringen. Ich würde gern mehr über Regeln und Leben der heutigen Templer bescheid wissen, und ich wüsste gern ob es möglich ist einem Orden beizutreten und wenn ja wie.

    B.M.S

    01. Oktober 2005, 17:10 Uhr • Melden?
    von Benjamin Martin
    1
  2. Ich kann mich nur Herrn Benjamin Martin anschließen.
    Würde auch sehr gerne mehr darüber erfahren.

    25. Oktober 2011, 11:10 Uhr • Melden?
    von Michael Salmen
    2
  3. Google macht manches möglich… ;-)
    Ok, habe aber mal dennoch den Link zum Orden korrigiert; da gab es eine Karteileiche. Der Link ist nun also aktualisiert. Dort dürfte es wohl direkte Infos geben.

    25. Oktober 2011, 12:10 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    3

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