Verein Streit um Runneburg geht in neue Runde

Wie eine gigantische Giraffe steht die vermutlich größßte Blide Deutschlands im Hof der Thüringer Runneburg. Die originalgetreue Nachbildung einer Präzisionswaffe des Spätmittelalters ruht auf weit gespreizten Balken. Der 18 Meter lange Wurfarm ist tief nach unten gesenkt, wie der lange Hals jenes afrikanischen Tieres bei der Tränke. Mühsam haben zehn Männer an zwei Winden den Arm nach unten gezogen. Der Abschuss steht bevor, mehr als hundert Zuschauer sehen gebannt zu. Es ist vielleicht der letzte Steinschleuderwurf in einem Winter auf der hochmittelalterlichen Burg. Der Streit zwischen Runneburgverein und der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten gährt weiter.

Von der schwarzen Null ins Minus?

Das Spektakel im Innenhof der Burg am vergangenen Samstagabend zog die Menschen in ihren Bann. Und das passiert einige Male im Jahr – seit dem ersten Schuss der Maschine 1997. Rund 200 000 D-Mark investierte der Verein damals in die historisch exakte Replik. “Seitdem haben wir noch mehr Besucher auf die Burg gelockt”, berichtete der Vereinsvorsitzende und Historiker Michael Kirchschlager. Und der Verein bekam Zuwachs, heute sind es nach eigenen Angaben rund 500.

Der Verein unternimmt viel, um zahlende Besucher in die Runneburg – mitten im Städtchen Weißensee gelegen – zu holen. Das Burgfest ist etabliert, Konzerte und Feiern tun ein Übriges. Noch mehr geht kaum, sagen Kirchschlager und sein Stellvertreter Thomas Stolle. Und dennoch ist ihre Kreativität gefragt, um künftig die Besucherzahlen aufzustocken. Oder um die Mitgliederzahl zu erhöhen. Oder Sponsoren zu finden. Irgend etwas, das mehr Geld in die Vereinskasse spült. Das ist das dringendste Problem.

Dabei geht es dem Verein zurzeit vergleichsweise gut: Die Burg ist gut in Schuss, die Vereinsmitglieder rührig und die Gastronomie fest in eigenen Händen. Das war von Beginn an so, seit Ende der achtziger Jahre erst eine Bürgerinitiative und später dann der Verein die Burg zu entwickeln begannen. Anderswo, so Stolle, würden Vereine zwar die Besucherströme auf die Burgen und Schlösser holen, die Einnahmen aus der Gastronomie aber flössen oft an Pächter. Auf der Runneburg aber halten sich zurzeit Einnahmen und Ausgaben in etwa die Waage.

Was also ist das Problem beim Runneburgverein? Bisher konnte er mietfrei auf der Burg schalten und walten (siehe auch Vorbericht im MSmagazin). Anfang 2006 soll sich das ändern. Eine so genannte Kulturmiete von 1,53 Euro je Quadratmeter habe er zu zahlen, so die Ankündigung der Thüringer Stiftung – die Eigentümerin der Burg. Insgesamt komme auf den Verein eine Miete von jährlich rund 13.000 Euro zu, so die Sprecherin der Stiftung, Susanne Rott. “Wo sollen wir dieses Geld noch hernehmen?”, fragt Stolle. Auch ohne Mietzahlungen muss der Verein Betriebskosten von rund 23.000 Euro decken. Das gelinge auch knapp.

Eingeschränkte Bewegungsfreiheit

Ein aus Sicht des Vereins weiteres Hemmnis die Kulturarbeit auf der Burg ist bereits in diesem Januar eingetreten. Die Stiftung kündigte fristlos den Schlossverwaltungsvertrag mit dem Verein und übergab die Verwaltung der Burg an die Gemeinde Weißensee. Dabei wäre der Vertrag erst Ende 2005 ausgelaufen, berichtet Stolle. Doch der Stiftung reichte offenbar ein angeblich illegal gefällter Baum im Innenhof, um die fristlose Kündigung auszusprechen. Es sei der Stiftung wohl nicht schnell genug gegangen, den Verein in seiner Bewegungsfreiheit zu beschränken, mutmaßte Stolle.

Wie berichtet ist auch das Verhältnis mit Weißensees Bürgermeister Peter Albach nicht von Freundschaft geprägt. Und mit ihm und seinen beiden Angestellten, die nun das Szepter übernommen haben, muss der Verein jede einzelne Aktion erst umständlich absprechen, sagte Stolle verärgert. Bisher lief die Organsiation in eigener Regie, was die Dinge vereinfachte.

Zudem sind mit Auflösung des Vertrags zwei Angestellte der vereinseigenen Betriebsgesellschaft arbeitslos geworden. Sie arbeiteten bis dahin in der Burgverwaltung. Auch deshalb zog der Verein nun gegen die Kündigung vor Gericht. Das Ergebnis steht noch aus.

Stiftung braucht Geld

Das Kernproblem liegt in der Einzigartigkeit des Falles. Mit keinem der mehr als 30 Objekte, die zur Stiftung gehören, ist ein Verein so eng verbunden wie der Runneburgverein mit “seiner” Anlage. Sogar die archäologischen Ausgrabungen leiten Kirchschlager und der Archäologe Stolle selbst. Für die Stiftung musste irgendwann eine Lösung her, damit kein Präzedenzfall geschaffen wird. Kulturvereine in anderen Objekten könnten Gleichbehandlung verlange.

Außerdem, und das scheint der durchaus wichtigere Grund zu sein, herrscht im Freistaat und damit auch in der landeseigenen Thüringer Stiftung permanent Ebbe in der Kasse.

Laut Mitteilung der Stiftungssprecherin hatte der Verein seit dem Abschluss des Verwaltungsvertrags 1999 eine Schonfrist genossen. Die Mietfreiheit bis Ende 2005 bedeute für die öffentliche Einrichtung einen Einnahmenausfall von rund 112.000 Euro, sagte Sprecherin Rott. Damit, so die Stiftung, sollte dem Verein aus einer finanziellen Notlage geholfen werden. Doch in genau eine solche Notlage würden die Runneburgleute nun geradewegs hineinschlittern.

Mit ihren Mittelalterfesten und den lauten, Menschenmassen anziehenden Konzerten, seien sie den feinsinnigen Kunsthistorikern der Stiftung eher ein Dorn im Auge, mutmaßte Stolle. Die mögen es lieber ruhig. Den Willen zu einer kulturellen Entwicklung der Burg, wie es der Verein bezwecke, sehe Stolle nicht bei der Stiftung. “Das ist eine reine Liegenschaftsverwaltung”, sagte er. Unausgesprochen liegt der Vorwurf im Raum, die Stiftung lasse es auf eine Auflösung des Vereins ankommen. Offiziell bestätigen würde das natürlich niemand.

Auf seiner Hauptversammlung will der Verein über die Zukunft abstimmen. Findet sich kein schlüssiges Finanzkonzept und bleibt die Stiftung bei ihren Forderungen, könnten die Mitglieder die Auflösung zum Jahresende beschließen. Einen Termin für die entscheidende Versammlung gibt es noch nicht. Aber für die Besucher 2005 zählt vorerst nur das: “Alle diesjährigen Veranstaltungen ziehen wir durch. Es gibt keine Ausfälle”, betonte Stolle.

Samstagabend, 20.30 Uhr. Mit lautem Zischen ist der von Pyrotechnikern präparierte 50-Kilogramm-Stein von der Blide in die Nacht geschleudert worden. Mehrere hundert Meter weit flog das brennende Geschoss über Bäume und Gärten auf ein Feld – staunend vom Publikum verfolgt. Für die Vereinsleute, die das Zielfeld eigens aufkauften, eine gewohnte Übung. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch, die Blide ist TÜV-geprüft. Doch für die Zuschauer ist der Anblick von großer Einzigartigkeit. Fragt sich, wie lange noch.

Artikel aus der Rubrik „Geschichtsszene“

  • Thesen, Antithesen und die Kanzlerin

    Anonyme Anzeige, Betrugsvorwürfe und der ewige Zweifel. Kalkriese trägt schwer an der selbst auferlegten Bürde, der mögliche Ort der Varusschlacht zu sein. Wissenschaftler und Ministerium kommen zu Wort.

  • Jahrtausende für ein Rittergut

    2009 gewann Living History hierzulande neue Facetten: In Kalkriese, Minden, Soest oder Dorstadt zogen Reenactors die Fäden, um regionale Geschichte in Szene zu setzen. „Tempus – Zeit erleben“ geht in die zweite Runde.

  • Die Verzauberung antiker Ruinen

    Wie ein Keil schiebt sich die Bundesstraße mitten durch die Colonia Ulpia Traiana. Die geteilte antike Stadt (heute: Xanten) wird mit Millionenaufwand wieder vereint. Sie bietet schon jetzt eine Traumkulisse für römische Spiele.

  • Ottonenlager mit Zugspitzblick

    So viele Living-History-Events es auch gibt – ottonische Darstellungen im großen Verband haben Seltenheitswert. Torsten Kreutzfeldt war als Akteur bei „Wilhaim 1010“ dabei und wirft einen Blick hinter die Kulissen.

3 Kommentare

  1. Wieder einmal scheinen Politik und Bürokratie über die Vernunft und Logik zu triumphieren. Nirgendwo klappt so etwas besser als in Deutschland.

    16. Februar 2005, 07:02 Uhr • Melden?
    von David Maciejewski
    chronico
    1
  2. Ich kann Macx nur zustimmen, so etwas kann es wirklich nur hier geben. Die Politik hat eindeutig einen Denkfehler bei dieser Geschichte, da wollen sie den Fremdenverkehr ankurbeln und anders herum sägen sie sich den Ast ab auf dem sie sitzen!

    17. Februar 2005, 20:02 Uhr • Melden?
    von Furunkelbrut
    2
  3. grüße an die freunde des mittelalters,
    ich verfolge schon seit einer ganzen weile das geschehen um die runneburg in weißensee, sammele sogar artikel aus zeitungen zum thema. es ist ja schon peinlich, was da so unsachlich abgeht, nur weil man sich in den “oberen etagen” nicht “grün” ist und persönliche dinge über denen des gemeinwohls stehen. und, da kommt mir auch schon wieder so ein gedanke: was ist, wenn man die absicht hat, die burg zu verklingeln, nach japan zum beispiel. seit letztem jahr beschäftigt die stadt weißensee ja eine japanerin (stand in der “thüringer allgemeinen- internetausgabe”. vielleicht wurden und werden hier schon erste verbindungen geknüpft, alles unter dem deckmäntelchen “weißenseer bier und reinheitsgebot” > nur spekulationen meinerseits und ihr lacht sicher darüber, ich tu`s auch. gruß, krystina und kopf hoch, ihr runneburger. das sprichwort sagt, dass nichts so heiss gegessen wird, wie es gekocht ist

    18. Februar 2005, 19:02 Uhr • Melden?
    von Krystina
    3

Ihr Kommentar zum Artikel „Streit um Runneburg geht in neue Runde“


Sie sind angemeldet als

abmelden