Bürokratie Schlammschlacht um Thüringer Runneburg

Sollte es hart auf hart kommen, müssen Deutschlands Reenactment-Szene und viele Mittelalterfans möglicherweise auf einen attraktiven Veranstaltungsort verzichten. Seit einigen Jahren hat sich die Runneburg in der thüringischen Gemeinde Weißensee einen hervorragenden Ruf und damit einen wichtigen Platz im Veranstaltungskalender erarbeitet: Tausende Touristen pilgern jährlich zu den angesagten Burgfesten und zahlreichen Konzerten. Die Burg selbst ist zu einem wahren Schmuckstück geworden. Hinter all dem steckt der Runneburgverein. Doch der steht vor dem Aus. Ein Trauerspiel, dirigiert von bürokratischen Mächten.

Worum es geht

Verfallen und trostlos sah es 1990 auf der seit Jahren gesperrten Runneburg aus, die bereits in der Stauferzeit bestand. 30 Burgenfreunde fanden sich zum Runneburgverein zusammen, um das hochmittelalterliche Kleinod im sowieso schon als Burgenland bekannten Thüringen zu erhalten. Entrümpelung und Bausicherung – das waren die ersten Maßnahmen des Vereins. “Bis 1996 waren wir nicht nur Verwalter, sondern auch Bauherren auf der Burg”, erzählt der stellvertretende Vorsitzende Thomas Stolle im MS-Interview.
Das Baudenkmal gehört dem Land, doch sowohl die klamme Gemeinde Weißensee wie auch das Kulturministerium seien froh über das private Engagement gewesen und hätten kaum bürokratische Hürden gelegt, sagt Stolle. Fördermittel und Spenden konnte der Verein, in Abstimmung mit dem Land, für Veranstaltungen und vor allem den baulichen Erhalt verwenden. Dann kam das Jahr 1996 und die Gründung der landeseigenen Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, der Dutzende historische Baudenkmäler – darunter auch die Runneburg – übereignet wurden. Seither, sagt Stolle, habe die Stiftung mit Misstrauen auf das Treiben des Vereins droben auf der Burg geschaut. Die Stiftung übernahm auch den Bauherrenstatus.
Inzwischen war die Burg als touristischer Magnet etabliert. Bei den “Kollegen” auf der hessischen Ronneburg schauten sich die Thüringer das Konzept von Mittelalterfesten ab und feilten bald an eigenen Programmen. 1997 bauten Verein und Wissenschaftler eine originalgetreue Blide, wie sie der Welfenkaiser Otto IV. im Jahre 1212 bei der Belagerung des Ortes Weißensee verwendet haben soll. Zudem nahmen in schöner Regelmäßigkeit Künstler und Gruppen Engagements bei den Runneburgfesten an. Rund 40.000 Besucher kommen laut Verein jährlich auf die Burg. Mehr als 300 Mitglieder zählt der Verein heute.
“Alle unsere Einnahmen aus Gastronomie, unserem selbst konzipierten Burgmuseum und den Veranstaltungen fließen in die Verwaltung und das Veranstaltungsmanagement”, betont Stolle. Der Verein selbst bekommt seit 1996 keine Zuschüsse mehr, sondern ist für größere Projekte auf Spenden und eben die Einnahmen angewiesen. Für Land und Gemeinde bedeuten die Touristenströme gleichfalls eine solide Einnahmequelle. Die “Marke” Runneburg ist etabliert und zum Selbstläufer geworden. Als Gegenleistung für sein Engagement als Verwalter und Vermarkter der Burg darf der Verein die Räume mietfrei nutzen. Damit soll es nun ein Ende haben.

Entmündigung eines Vereins

Die Stiftung kündigte zunächst den Verwaltervertrag zum Jahresende. Mit Beginn 2005 soll die Gemeinde Weißensee diese Aufgabe übernehmen und der Verein sich lediglich um seine Veranstaltungen kümmern. Der eigentliche Donnerschlag folgt ein Jahr später: Zum Jahr 2006 will die Stiftung auch den Mietvertrag kündigen und neue Konditionen “anbieten”, wie es in Pressemitteilungen heißt. “Dann könnten rund 20.000 Euro Miete pro Jahr auf uns zukommen”, fürchtet Stolle.
Der Verein, sagt er, komme jetzt gerade so über die Runden, so dass er kein Minus mache. Die zusätzliche Belastung kann das finanzielle Fiasko bedeuten. Indes sei bereits der Verlust der Verwaltungshoheit ein herber Schlag, sagt Stolle. Aus den anfangs freundschaftlichen Beziehungen zur Gemeinde Weißensee und vor allem dessen CDU-Bürgermeister Peter Albach ist inzwischen ein handfester Streit geworden. “Der Bürgermeister ist ein erklärter Feind des Runneburgvereins”, meint Stolle.
Der Streit entzündete sich an so vielen kleinen Funken, die zwischen unkonventionell arbeitenden Vereinsleuten und kommunal organisierten Verwaltungen entstehen können – zumal, wenn es sich um eine so bedeutende Angelegenheit wie eine gut besuchte Burg handelt. Weißensee hat sonst kaum etwas zu bieten, was Touristen anlocken könnte. Dann brach auch die Entdeckung des vermutlich ältesten deutschen Reinheitsgebotes über das Verhältnis herein.
Der Buchautor und Vereinsvorsitzender Michael Kirchschlager war einer der Entdecker von Dokumenten, die aussagten, dass bereits Anfang des 16. Jhs. in Weißensee nach dem heute bekannten Reinheitsgebot gebraut wurde. Natürlich vermarktete der Verein ein entsprechendes Bier in der vereinseigenen Gastronomie – zum Ärger der Gemeinde, die eigene Vermarktungsversuche startete. Das habe aber nicht so recht geklappt, meint Stolle. Der Streit um die Vermarktungsrechte aber vergiftete das Verhältnis zu Albach vollends. Als belagertes “Gallierdorf” wie in den Asterix-Comics sehe sich der Verein auf der Burg, sagt Stolle.

Stiftung empfindet Reenactment-Szene als “suspekt”

Für Stolle ist klar: Mit Bürgermeister Albach als amtierende “Dienstaufsicht” über alles, was auf der Burg geschieht, werden die Dinge aus dem Ruder laufen. “Wir sind uns nicht grün, das funktioniert nicht.” Bis zum Frühjahr will sich der Verein überlegen, was zu tun ist. Für den Fall, dass die Stiftung bei ihrem Willen bleibt und auch das Kulturministerium nicht einschreitet, behält sich der Runneburgverein die Auflösung vor. “Das ist keine leere Drohung”, so Stolle.
Die Auflösung sei eigentlich unumgänglich, weil mit den neuen Verwaltungsstrukturen alle Projekte durch bürokratische Hürden behindert würden. Und für den Vorsitzenden der Stiftung, Helmut-Eberhard Paulus, sei die Reenactment-Szene, die oft auf der Burg zu Gast sein, sehr “suspekt”, sagt Stolle. Auch die Thüringer Allgemeine schrieb am 17. November, dass Paulus nicht erbaut sei über die vielen Veranstaltungen mit Tausenden Besuchern. Am liebsten hätte die Stiftung eine museale und friedliche Stille über der Burg, schrieb das Blatt. Und sowieso sei ihr der Verein viel zu eigenmächtig in seinem Handeln. “Das Vertrauensverhältnis zwischen uns und dem Runneburgverein ist gestört”, ließ die Stiftung am 16. November mitteilen. Dabei ging es unter anderem um einen Baum, den der Verein auf dem Burggelände fällen ließ. Das sei rechtlich völlig abgesichert und bei der Stiftung falsch angekommen, kommentiert Stolle.

Was tun?

Nun sendet der Verein einen Hilferuf an die Aktiven der Mittelalterszene(n). “Es geht um die Erhaltung einer Bürgerinitiative”, sagt Stolle, “müssen denn staatliche Strukturen bis ins letzte Eck vordringen?” Hilfreich sei es schon, wenn Einwände an Stiftungsrat und Kulturministerium eingehen würden.
Informationen zum Verein und Links zur Stiftung siehe rechte Leiste.

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