Guédelon Rackern wie vor 800 Jahren

Die neue alte Burg wächst Stein für Stein. © Tara Tobias Moritzen

Es klingt verrückt: Mitten im modernen Frankreich bauen Mittelalter-Enthusiasten eine Burg wie im 13. Jahrhundert. Über mehrere Jahrzehnte soll der Bau Stein für Stein wachsen. Experimentelle Archäologie in ihrer extremsten Form.

Restaurieren war gestern

Wir fahren in den Bezirk von Yonne, etwa eineinhalb Autostunden südlich von Paris. Hier in der Region von Burgund besuchen wir die Burg Guédelon. Besser gesagt: die Baustelle dieser Burg. 1997 wurde an einem bewaldeten Steinbruch begonnen, die Burg mit den technischen Möglichkeiten des 13. Jahrhunderts zu erbauen. Die Fertigstellung ist für 2022 geplant.

Der Ideengeber für den Bau der Burg war Michel Guyot. Er hat sich schon früh für das geschichtliche Erbe und alte Gebäude interessiert. Während einer archäologischen Studie 1980 über den mittelalterlichen Kern des Schlosses „Saint-Fargeau“ kam ihm die Idee, eine Burg ausschließlich mit Techniken des Mittelalters wieder herzurichten. Wie sonst könnte man besser die alten Fertigkeiten kennen und verstehen lernen? Guyot übernahm und restaurierte das Schloss im Burgundischen. Und öffnete es für Besucher, für die er seit 1980 Jahr für Jahr ein historisches Spektakel inszeniert. Doch Guyot wollte mehr: Eine Burg von Grund auf neu errichten. Das Projekt „Guédelon“ war geboren.

Als Vorbereitung für seine Idee studierte Michael Guyot französische mittelalterliche Gebäude und begeisterte verschiedene Fachleute für das Projekt. Schon während den Vorbereitungen zur Gründung eines Fördervereins war vorgesehen, dem Projekt eine ständige beratende Struktur beizufügen. Akademiker, Historiker, Archäologen, Spezialisten für Bindemittel der Töpferei oder der Metallurgie stehen dem wissenschaftlichen Ausschuss zur Seite, um mit theoretischem Wissen praktisch helfen zu können.

Warum ein Baugrund bei Saint-Amand in Puisaye?

Für die Wahl des Bauplatzes bei Saint-Amand (in der Nähe des Schlosses Saint-Fargeau) gab es mehrere gute Gründe. Der bewaldete Steinbruch bot ausreichend Steine, Holz und Lehm. Doch auch wenn es an anderen Orten in Frankreich ähnliche Voraussetzungen gegeben hätte, so wollte man mit der Wahl auch die Provinz stärken. Puisaye ist industriell und wirtschaftlich nicht stark entwickelt und mit der Burg hat der Tourismus eine Möglichkeit, sich zu entwickeln. So zählte man 2003 gut 183.000 Besucher.

Die sich im Bau befindliche Burg ist Geschichte zum Anfassen. Schüler aus der Region, Studenten und Interessierte können sich daran versuchen Werkzeuge und Verbrauchsmaterialien der alten Zeit selbst herzustellen oder an Kursen vor Ort teilnehmen.

Die Eintrittsgelder helfen dem Trägerverein „Guild of the Builder‘s Companions of Puisaye“ dabei, die Löhne der etwa 50 Angestellten und Handwerker zu finanzieren. Darüber hinaus bleiben noch Gelder für weitere Investitionen übrig. Dies war in den Anfangsjahren noch nicht möglich und man ist sehr glücklich über das große Interesse der Besucher.

Die wissenschaftliche Betreuung durch den Ausschuss stellt sicher, dass die Arbeiten und deren Vorstellung ernsthaft und korrekt nach mittelalterlichen Gesichtspunkten geschieht.

Von März bis November kann beobachtet werden, wie bis zur Fertigstellung etwa 40 Handwerker auf der Baustelle und den umliegenden Hütten damit beschäftigt sind, mit den nötigen Baumaterialien (Holz, Wasser, Stein, Sand und Eisen) aus der Umgebung Hilfsmittel für den Bau und die Burg selbst zu bauen. Die Baupläne stammen von Jacques Moulin, Chefarchitekt für denkmalgeschützte Bauwerke und einer der ersten, der dem Projekt beigetreten war. Er schlug vor, die wissenschaftliche und praktische Erprobung alter Techniken mit seiner Vorstellung gegenüber der Öffentlichkeit zu verbinden.

Die Pläne von Moulin beruhen auf langjährigen Studien, unter anderem von Pierre von Montreuil und der allgemeinen Architektur des 13. Jahrhunderts. Die Burg von Guédelon entspricht dem Stil der Burgen, die unter Philippe Auguste (1165-1223) errichtet wurden. Obgleich die Architektur der Burg ungefähr sechs Jahre nach Tod dieses großen Monarchen anzusiedeln ist, änderte der junge König Louis IX, wie sein gestorbener Vater (Louis VII, der Löwe), nicht die Pläne und die Richtlinien der „Kunst des Errichtens einer Burg“.

Mittelalterliche Wehranlagen

Die Form einer Burg wurde von verschiedenen Kriterien beeinflusst. Es wurde der Bauplatz in Hinblick auf die Größe, der Verteidigung und den strategischen Möglichkeiten begutachtet. Die Beschaffung der Materialien in Qualität, Quantität und Entfernung der Quellen waren ebenso wichtig wie die politischen und ökonomischen Gegebenheiten des zukünftigen Eigentümers. Schließlich kam noch die persönliche Note des Architekten hinzu.

Die militärische Architektur strebte immer an, auf die tatsächliche Art des Angriffs in einer exakten Periode zu reagieren. Während der Herrschaft der Karolinger im 8. und 9. Jahrhundert wurden kleine Forts, umgeben von einer Mauer aus Baumstämmen, auf natürlichen oder künstlichen Erhebungen erbaut. Später wurde Holz gegen Stein getauscht und hinzu kamen Burggräben und ein Wachturm.

Seit dem 12. Jahrhundert war der Schutzturm das letzte Bollwerk einer Belagerung und Wahrzeichen der Macht einer Burg und seines Besitzers. Von ihm aus wurde die Mauer um die Hauptburg gebaut. Ecktürme verstärkten die Verteidigung und gaben der Burg sein endgültiges Aussehen.

Wiederbelebung alter Handwerkskunst

Fasziniert wandern wir über die großräumige Baustelle. Die Burganlage misst 60 mal 70 Meter. Steinbrecher, Steinmetze, Maurer, Holzfäller, Holzhauer, Zimmerer, Seiler, Töpfer, Fuhrmänner, Schmiede, Korbflechter arbeiten unter den Bedingungen wie auf einer Baustelle vor sieben Jahrhunderten. Etwa 25 Jahren wird es gedauert haben, bis eine Burg dieser Größe fertig gestellt war.

Nur Kleinigkeiten, von der Schar neuzeitliche Besucher abgesehen, erinnern an die Gegenart. So sind Schutzbrillen für die Steinbrecher und -metze zwar ein Stilbruch, aber für den Schutz vor Augenverletzungen unerlässlich. Einzig die Arbeit der Kalkbrenner wird aus Sicherheitsaspekten woanders ausgeübt. Neben den Handwerkern gibt es noch Angestellte für den Besucherverkehr und eine Schar von Freiwilligen, die als Hilfsarbeiter die Bauarbeiten unterstützen.

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter bemühen sich sehr darum, die alten Technologien so gut wie möglich nachzuahmen. Begrenzungen gibt es durch gesetzliche Vorschriften und die Sicherheit für das Leben. So sehr man sich anstrengt, alte Quellen zu recherchieren, Thesen aufzustellen, Versuche durchzuführen, um die alten Techniken wieder zu erlernen, wird es nicht selten doch fehlerhaft bleiben. Eine große Hilfe sind die vielen alten Burgen und Schlösser Frankreichs. Diese werden danach untersucht, wie sie erbaut wurden. Alle Daten werden in einer Datenbank gesammelt, und so kann man bei Fragen darauf zurückgreifen. Jegliche Probleme werden in regelmäßigen Sitzungen der Theoretiker und Praktiker besprochen. Gestützt auf die gesammelten Daten verschiedener Quellen werden dann die Entscheidungen getroffen. Und kommt man nicht weiter, dann hilft der eigene Menschenverstand: Wie hätten wohl die alten Baumeister entschieden?

Im Dorf neben der Burg findet man die Holzfäller, den Korbmacher, eine Werkstatt für Pflasterplatten sowie eine Wollweberei. Auch sieht man zwischen den Hütten einen Kräuter- und Gemüsegarten und eine kleine Futterscheune für die Tiere. Unter ihnen gibt es auch die drei gut dressierten Pferde. „Dagobert aus der Franche-Compté“, die Stute „Idole aus Perrcheron“ und „Harmonie aus den Ardennen“. Sie helfen bei den Transporten auf der Baustelle.

Mit einfachen aber effektiven Hilfsmitteln werden alle Arbeiten perfekt umgesetzt. Auch wenn es ohne Maschinen nur langsam voran geht, wächst die Burg von Tag zu Tag. Die größte Hilfe sind die Fuhrwerke für den Transport und für schwere Lasten von bis zu 500 kg die „Hamsterkäfige“ zum Heben. Die Trommelwinde wird am Fuß der Mauer oder in der Mauer, am höchsten Punkt, befestigt. Alles in allem eine Arbeit, die freiwillige Helfer braucht. Im März 2007 beginnt die neue Bausaison. Vielleicht ein Urlaubstipp der anderen Art.

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