Burg Herzberg Mittelalter in Regen und Schlamm

Die Ritterspiele warfen lange Schatten voraus: Schon bis zu einer Woche vor der eigentlichen Eröffnung bevölkerten erste Darstellergruppen die hessische Burg Herzberg und die dazugehörigen Wiesen. Zum zehnten Mal fanden am vergangenen Wochenende in der ehrwürdigen Burg ritterliche Spiele und ein mittelalterlicher Markt statt - organisiert vom Hessischen Ritterbund. Spiele, die im Zeichen von Spaß und sehr viel Wasser standen. All das mit der Kulisse einer liebevoll hergerichteten Burg als Zentrum.

Nicht nur die Wiesen rund um die Burg – auch die angrenzenden Ortschaften wurden in längst vergangene Tage versetzt und die Anwohner staunten nicht schlecht über die gewandeten Besucher in ihrer Region, die teils von weither anreisten. Ein großes Lager kam zusammen, in dem die vielen Vereine die verschiedensten Epochen darstellten. Von Kelten bis hinein ins Hochmittelalter waren viele Zeiten und Kulturen vertreten. Dazwischen wandelten Mägde, Knappen und herrschaftliche Damen auf den Wegen und in der Burg. Unterschiedliche Handwerkserzeugnisse wurden feilgeboten und die Gruppen tauschten ihre Erfahrungen miteinander aus und gaben ihr Wissen wiederum an die Besucher weiter. Genau das Ziel eines solches Marktes.
Am Freitag schließlich war auch der letzte Marktstand aufgebaut. Die meisten Händler richteten ihr Angebot auf die Wochenendbesucher aus. Neben Buden für Kleider, Schmuck, Waffen und Esswaren fand der Besucher auch Stände vor, an denen die Ware noch selber hergestellt und die Handwerkskunst vorgeführt wurde. Dazu gehörten vor allem Töpfer, Schuhmacher, Korbmacher und ein Schmied.
Eindrucksvoll waren die großen Lager, in denen die Besucher sich ein umfangreiches Bild von den einzelnen Epochen machen konnten. Gleich am Eingang hatten Kelten und Wikinger ihre Zelte aufgeschlagen. Auf dem Weg zur Burg wurden die Lager immer “jünger”, bis der Besucher zu den bunteren und edleren Zelten der Hochmittelalter-Gruppen kam. Auch hier bei den Lagernden konnte man passende Waren erstehen oder bei deren Herstellung zuzusehen. Durch die Möglichkeit, nahe der Burg zu lagern und unter annähernd historischen Bedingungen zu leben, war es dem Besucher auch möglich, bei ganz alltäglichen Lebenssituationen den Darsteller zu beobachten.
Da wurde das Essen in großen Töpfen bereitet und Holz im nahen Gehölz geschlagen. Kämpfer übten sich an ihren Waffen oder ruhten auf Fellen und Wolldecken aus. Die Frauen im Lager waren vor allem damit beschäftigt, ihre Gewandungen zu nähen, das Banner auszubessern oder Borten zu weben. Und überall tobten die Kinder beim Spielen mit authentischen Spielsachen.
Der Marktplatz vor der Burg war recht klein gehalten und die kommerziellen Stände hielten sich sehr in Grenzen. Selbst an “Fressbuden” und “Bierständen” wurde gespart, so dass das Angebot für die Anwesenden nicht sehr groß war – zu Gunsten der Qualität. Dennoch reichte die Produktpalette aus, um Hunger und Durst der Besucher und Darsteller zu stillen. Auch in der Burg selbst waren einige Stände aufgebaut, die mit Käse, Fellen und Spielsachen lockten. Einzig der Kaffeegeruch aus der burgeigenen Gaststätte, der Duft von Bratwürstchen in Brötchen und die Eistruhe erinnerten an die heutige Zeit. Zur Atmosphäre passten die vom Veranstalter engagierten Musiker von Satolstelamanderfanz. Ein heftiger “Kampf” um die Burgmauern war ein weiteres Highlight des Wochenendes. Dazu konnte man auf dem Turnierplatz den Rittern beim Kampf applaudieren und Bogenschützen beim Vorführen ihrer Künste zusehen.
Aber dann der Sonnabend: Der Tag war Tag geprägt durch immer wiederkehrende Regengüsse, die das komplette Lager und die Stände unter Wasser setzten. Dies machte allen Lagernden zu schaffen, die ihre Betten und Habseligkeiten vor der Nässe schützen mussten. Die Besucher sammelten sich vorwiegend unter den Vorzelten der Marktstände – was deren Umsatz sehr gelegen kam. Die Damen mussten zwar ihre Röcke raffen und die Kämpfe tapfer im Schlamm ausgetragen werden, doch war der Sonnabend dennoch ein fröhlicher Markttag. Nicht zuletzt aus dem Grund, weil viele Besucher selbst dem Hobby “Mittelalter” verbunden waren. Der Bader hatte – neben Dattelstand und Taverne – den meisten Zulauf. Die Zuber waren stets gut gefüllt mit Menschen, die dem kühlen Wetter entrinnen wollten und sich danach den angenehmen Massagen hingaben.
Erst am Sonntag kamen die eigentlichen “Touristen”, angelockt durch die an diesem Tag zunächst scheinende Sonne. Die noch feuchten Wege wurden mit Strohlagen begehbar gemacht – ein dickes Lob an die Organisatoren. Auf die Kinder wartete ein spezielles Angebot im Inneren der Burg. Ein ganzer Bereich war für sie reserviert, in dem sie zum Beispiel von einem Geschichtenerzähler und einem Kinderturnier unterhalten wurden. Eltern, die dem Verlangen ihrer Kinder nach Eis und Spielsachen nachgaben, konnten sich danach selbst mit reichlich Met und der guten Musik entschädigen, die überall gespielt wurde.
Doch half die Anbetung von Thor und Loki nicht lange genug. Der Regen kam am Sonntagnachmittag wieder und die Besucher, die vorher die Burg und den Turnierplatz sowie die Wiesen zum Sonnenbad nutzten, verließen nach kurzem Ausharren den Markt. Selbst der erneute Sturm auf die Burgmauern fiel im wahrsten Sinne ins Wasser, doch wieder waren die Darsteller tapfer und trotzten Nässe, Schlamm und dem nicht weniger zähen Gegner. Selbst der Abbau der Lager und Marktbuden am Abend wurde durch den immer noch anhaltenden Regen und die mittlerweile stark aufgeweichte Erde erschwert. Die Organisatoren vom Hessischen Ritterbund hatte aber auch unter diesen erschwerten Umständen die Kontrolle über den Abbau und die Abfahrt der schweren Transporter.
Alles in einem war dies erneut ein gelungener Markt in der Burg Herzberg. Er ist immer wieder einen Besuch wert. Durch die umfangreiche und gute Organisation des Hessischen Ritterbundes und mit Unterstützung der Freiherrlich Dörnbergschen Stiftung Burg Herzberg wird einem vor Augen geführt, dass ein Markt nicht immer kommerziell und mit einem großen Spektakel ablaufen muss, nur um die Besucher zu begeistern und anzulocken. In diesem Fall war die Qualität durchweg überzeugend.

Die Autorin:
Angela Krogmeier studiert Wirtschaft in Hildesheim und treibt sich seit zwei Jahren begeistert in der Mittelalterszene herum.

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