Bückeburg 2003 Mit Kopf und Pferd durch die Flammenwand

Mit Sicherheit haben die wahren Ritter des Hochmittelalters kein Feuer gelegt, um den Zuschauern des Tjostes noch mehr Schauer über den Rücken zu jagen. Ihre Zweikämpfe waren auch so blutig genug. So sind denn die Flammenwände des Turniers der Frankfurter Stuntgruppe „Die Löwenritter“ beim Mittelalterlich Spectaculum in Bückeburg ein moderner Showeffekt. Und tatsächlich: Es funktioniert. Tausende zeigten sich – auch auf den anderen Spectaculum-Terminen der Veranstalter Gisbert Hiller und Fogelvrei Produktion – äußerst angetan von der Wucht der Kampfeinsätze. Mit der Buchung dieser Truppe haben die Veranstalter ein goldenes Händchen bewiesen. Das Spektakel „Ivanhoe oder das Turnier von Ashby“ ist ein Stück, das vor spannenden Reit- und Kampfeinlagen nur so strotzt. Bis zu 20 Kämpen kann Löwenritter-Chef Fred Struben aufbieten. Sie kommen aus Deutschland, Ungarn, Russland oder Tschechien – und alle müssen durch ein harte Ausbildung. „Die Pferde müssen ja trainiert werden, dann die historischen Zelte, die Kämpfe selbst – alles in allem ein Mordsaufwand“, erzählte Struben. Der Aufwand lohnt. Neben Auftritten in der Spectaculum-Reihe ergötzte seine Truppe auch schon den Maharaja von Rajastan. Klar, dass ein solches Kleinod wie die Löwenritter die Besucher in Massen anlockt. Klar auch, dass dies nur bedingt mit historisch exaktem Mittelalter zu tun hat. Doch Kommerz hin oder her – gerade solche Riesenevents bieten an jeder Ecke ein neues Detail für jeden, der genauer hinschaut. Und so hatten in Bückeburg auch die vielen kleinen Darsteller ihren Auftritt.

Stolz präsentierte die Legatio Draconis ihr kleines Heerlager mit der Drachenstandarte als Aushängeschild. Keine Schraube, keine Isomatte, kein Handy – nichts deutet hier auf das moderne Leben hin. Sie seien so etwas wie eine „betrügerische Söldnergruppe für eine Scharlatanfrau“, beschrieb Timo, der Söldnerführer. Die ist der Gruppe allerdings abhanden gekommen – im wahren Leben ist die Falschwahrsagerin Studentin und muss sich auf ihre Prüfung vorbereiten. „Und so sind wir hier in Bückeburg offiziell auf der Suche nach ihr“, meinte Timo. Es sollte sich also niemand wunder, wenn die vor Selbstbewusstsein strotzende, und manchmal etwas vorlaute Truppe lautstark durch das Lager stolziere.

Auf Zucht und Ordnung bedacht war hingegen Michael Glüsenkamp. Als Kasso führte er die Osnabrücker Marodeure, eine Söldnergruppe um 1420, an. Etwas eckig in den Bewegungen – immerhin schleppe er 16 Kilogramm Eisen mit sich – ließ Kasso seine kleine Gruppe exerzieren und in Marschordnung über den Markt patrouillieren. Sein langes Breschenmesser trug er stets bei sich. Und die Hitze? „Ach, daran habe ich mich gewöhnt“, sagte er tapfer.

Ein Markt wie in Bückeburg ist immer auch ein Ort für Händler und Handwerker. Als Handwerker mit besonderer Geduld zeigte sich Peter Wagenknecht aus Bochum. Ring für Ring zog er aus einer schier endlosen Stahlrolle. Immer exakt zwölf Millimeter Durchmesser. „Nur“ 36.000 Stück und drei bis vier Monate Zeit braucht er, um eines der luftig wirkenden Kettenhemden herzustellen. „Nix luftig, nehmt so ein Hemd mal in die Hand“, sagte er grinsend. Gut 13 Kilogramm zogen den Arm heftig nach unten. „Ein Saarwirker stellte damals bis zu vier Kettenhemden in seinem Berufsleben her“, erzählte Wagenknecht. Mehr erlaubte der enorme Arbeitsaufwand nicht. Neben der Handwerkertätigkeit sei er aber auch kämpfender Ritter, sagte er. „Als Ritter unterm Greifenbanner stellen wir eine Ritterschaft um 1200 dar.“

Für die Zeit um 1250 macht sich das Emschervolk aus der Gegend um Gelsenkirchen stark. Auch in Bückeburg schlugen die Mitglieder ihre Zelte auf. Drei Wochen lang zeigen sie hier „lebendiges Mittelalter“, wie es Heiko Strathmann umschrieb. In Zelten haben sie eine Art Freilichtmuseum rund um die mittelalterlichen Stände aufgebaut. Vom Knappen bis zum Fürsten, vom Handwerker bis zum Bischof – zu vielen Themen präsentierten sie Ausstattung, Aufgaben und Lebensbedingungen. „Durch Marktbesuche haben wir Geschmack daran gefunden“, sagte Strathmann. Heute durchforsten die Leute des Emschervolkes Literatur und opfern ihrem Hobby meist den kompletten Urlaub.

Was wäre ein Markt ohne Gaukler, Wunderheiler und Musikanten. Auch davon gab es in Bückeburg reichlich. Neben den forschen Jungs von „Cultus Ferox“ zeigte die Gruppe „Tolstafanz“ eine neue Stilrichtung in Sachen mittelalterlicher Musik. Den fünf Musikern, Deutsche, ein Türke, ein Iraner und ein Ägypter, ist eine glückliche Mischung aus Orient und Okzident gelungen. Seit zehn Jahren steht „Tolstafanz“ für gute Livemusik. „Und der Orient hat schon früh die mittelalterliche Musik im Abendland geprägt“, sagte Bandleader Ralph Weyers, „und die Sackpfeife wurde zwar in Schottland modifiziert, stammte wahrscheinlich aber ursprünglich aus dem Orient.“ Magrouna heißt das Ur-Instrument. Und mit Sackpfeifen und jeder Menge Percussion zauberten „Tolstafanz“ eine wunderbare Show auf die Bühne.

Was noch? Hoffentlich hat sich kein Samstag-Besucher das abendliche Traumspektakel entgehen lassen. Leider nur an diesem Wochentag präsentierte Mittelalterlich-Spectaculum ein Varieté aus Feuer, Musik, Fakirkunst und Jonglage.

Die Termine
19./20. sowie 26./27. Juli im Schlosspark Bückeburg; 9./10. August Karlsaue Kassel; 16./17.August Planwiese Telgte bei Münster; 6./7. September Öjendorfer Park Hamburg.

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