Herrenhausen Klasse Ambiente mit kleinen Kratzern

Licht und Schatten vermengen sich bei der Premiere im Georgengarten. Das erste Ritterspiel auf der für viele Hannoveraner heiligen Wiese in Herrenhausen entwickelt sich zu einem Event, an dem sich die Geister scheiden werden. Aber Regen, das konkurrierende EM-Spiel Deutschland-Lettland (übrigens 0:0-Endstand, hat also keiner was verpasst) und einige organisatorische Mängel dürfen über eines nicht hinwegtäuschen: Hannover hat einen äußerst attraktiven neuen Veranstaltungsort gewonnen und Organisator Ringwelt hat gezeigt, was sich daraus alles machen lässt. Und das Ambiente ist einfach umwerfend schön.

“Eine tolle Atmosphäre hier”, schwärmt Heinrich Schulz, der als Schwertfeger dem Publikum eine alte Tradition vorführt. Hohe Bäume rauschen im leichten Wind, die Sonne lässt das Wasser in den Teichen rund um den Leibniztempel aufglitzern. Dicht an dicht lagern Rittergruppen, Gaukler, bieten Händler ihre Waren an und fließt ein beständiger Besucherstrom an den Zelten vorbei. Alles ist einladend offen gehalten.
“Das machen wir immer so, damit die Besucher sich bei uns in Ruhe umschauen können”, erzählt Frank Böttcher, alias Graf Guywan vom Celler Heerlager. Seine Gruppe ist zusammen mit dem Ritterbund Hartmann von Aue für die Ausgestaltung des Turniers verantwortlich. Auch Guywan ist von der Anlage angetan. “Schon viel besser als die Altstadt”, findet nicht nur er. Rund um die Marktkirche war der Ringwelt-Markt in vergangenen Jahren zu Hause. Zwar herrscht dort ein historisches Ambiente, doch lässt sich die Moderne kaum aussperren und die Grünanlage in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Herrenhäuser Gärten bietet ungleich mehr Möglichkeiten für ein zünftiges Lagerleben.
Allein, die Anlage ist nicht leicht zu finden für Ortsunkundige. Zu wenig Hinweise würden Anreisende und das im Georgengarten spazierende Laufpublikum zum Platz leiten, erzählen viele Besucher und Gruppen. Die Eingänge liegen fast versteckt, Parkplätze sind zu weit weg. Für die Darsteller bedeutet dies eine mühsame Schlepperei. Allerdings hat die Stadt Hannover das Gebiet zwar freigegeben, aber es gibt Kritiker in der Verwaltung, die um den Rasen fürchten, wenn neun Tage lang Menschenfüße und Pferdehufe den Boden aufwühlen. Eine zusätzlich Bürde, die den Organisatoren da auferlegt wurde.
Ganz ohne Krise lief der erste Tag auch für die Gruppen nicht ab. Das Turnier muss Guywan als Herold ohne Mikrofon bestreiten. “Wir müssen hier vieles selbst in die Hand nehmen”, meint Manfred Angelov, der als Hartmann von Aue den Ritterbund anführt. Einige Händler finden wiederum die Aufstellung der Marktbuden verbesserungswürdig. “Ach Gott, nichts ist perfekt”, sehen es die “Krieger” der Hildesheimer Gruppe “ferrum ferox” (wildes Eisen) gelassener. “Dafür sind die Duschen hier sehr gut!”, sagt Mitstreiter Rahwinus miles de Athun, der als Deutschordensritter auftritt und sein Gesicht hinter einer abenteuerlich anmutenden Brille verschanzt. Entfernt erinnert sie an die Sehhilfen hochmittelalterlicher Mönche. “Für Ritter sicher recht ungewöhnlich”, gibt der Kämpe zu. Doch er ist auf gutes Sehen angewiesen und so erschien ihm das Gestell Marke Eigenbau als guter Kompromiss zur historischen Darstellung.
Überhaupt lässt sich auf dem Markt so einiges entdecken. Die gastfreundlichen Wikinger der Alfelder Gruppe “Die Schlechte Saat” zum Beispiel, die jederzeit zu einer Plauderei mit dem Gast bei einem guten Schluck (selbstgebrauten) Mets bereit sind. Oder der Schmied Ferrus, der in der “Rittergasse” seine Esse aufgestellt hat und vor Publikum glühendes Eisen zu kunstvollen Halsringen verbiegt. Wer mag, kann auch selbst unter Anleitung mal Hand anlegen. Und über allem wabert der Dunst der edlen Pferde, die der Ritterbund direkt neben den Zelten weiden lässt. Natürlich stellen sie (mit ihren Reitern, versteht sich) die Hauptattraktion des Turniers dar (am Wochenende, ab 16 Uhr).
Ein Gang zur Bühne lohnt immer, stets ist darauf oder davor etwas los. Doch keinesfalls sollte der Besucher versäumen am Zelt des Geschichtenerzählers Bertholder vorbeizuschauen. Märchen, keltische Totengeschichten – eigentlich alles, was die Erzähltraditionen europäischer und fernerer Länder hergeben findet bei dem Aachener Harry Rischar Verwendung. Das Erzählen ist ihm Beruf, er tut es auf Mittelaltermärkten und bei Theaterfestivals. Und er weiß, wovon er erzählt. “Die Geschichten leben in mir und werden beim Erzählen lebendig”, schwärmt er. Sein Geheimnis: Stets ist er auf der Suche nach der ältesten Quelle einer Geschichte. Etwa dem Buch eines französischen Geschichtensammlers, der im 19. Jh. die alten Leute der Bretagne nach ihren Überlieferungen ausfragte. “Das sind Erzählungen, von denen keiner weiß, wie alt sie wirklich sind.” Genaue Recherche, darauf kommt es Rischar an, damit sein Bertholder die Zuhörer auch fesseln kann.
Das ist es, was den eigentlichen Reiz des Marktes ausmacht. Sich Zeit nehmen, Augen und Ohren aufsperren und einfach mal die Dinge wirken lassen. Und zwischendrin die Beine an den Wassern baumeln lassen und den Bäumen ins Gesicht schauen…

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