Fogelvrei Johannes Faget über Fogelvrei, Mittelalter und Renaissance

Seit mehr als zehn Jahren ist Johannes F. Faget mit seinem „Tross der Fogelvreien“ in Sachen Mittelalter aktiv. Mit Fogelvrei Produktionen produziert er historische Events im In- und Ausland von der Planung, über die Organisation, bis zur Durchführung. chronico-Herausgeber David Maciejewski traf Faget am Vatertag bei der „Himmelfahrt ins Schloss Landestrost“ in Neustadt am Rübenberge.

Thematisch behandelt der Neustädter Markt weniger das Mittelalter, sondern die Renaissance. Wie kam es dazu?

Als wir vor 11 Jahren hier das erste Mal einen Markt veranstalteten, haben wir uns nur im Schlossinnenhof aufgehalten. Für die vielen Besucher war es zu eng. Im Laufe der nächsten Jahre haben wir dann auch den Amtsgarten genutzt und die Location immer mehr mit einbezogen. Das Schloss ist ideal für Darstellungen der Renaissance. Die Neustädter Idee haben wir später auch auf andere Veranstaltungen übertragen.

Auch die Region Hannover nutzt den Markt und ließ das Museum, die Bücherei und den Weinkeller öffnen.

Es passt einfach. Wir wollen den Papis am Vatertag einfach eine Alternative zu den Rad- und Biertouren geben. Und das wird sehr gern angenommen. Es ist jedes Jahr immer viel los hier. Heute ist Neustadt das Aushängeschild für unsere Renaissance-Projekte.

Zeitgleich veranstaltest du auch in Dortmund einen Mittelaltermarkt, bist also sehr aktiv und engagiert. Wie gestaltete sich dein Einstieg ins Mittelalter?

Mit 16, 17 Jahren habe ich Minnelieder vertont und hab mir als Straßenmusiker das Taschengeld aufgebessert. Später habe ich in Gruppen gearbeitet und Konzerte gegeben. Eine Mittealtermarktkultur gab es damals noch nicht. Den Ausschlag, etwas Eigenes zu machen, hatte ich in Japan.

Was hast du in Japan gemacht?

Ich war sechs Monate in Japan. Zunächst war ich als Einzeldarsteller dort, 1989 dann mit einer gesamten Musikgruppe, später mit einem Ritterturnier und dann einem Markt. 1990 entstand dann das große Projekt um Fogelvrei. Wir hatten einfach alle Lust, mehr daraus zu machen.

Was sind heute deine Aufgaben bei Fogelvrei?

Ich mache die Anmoderationen, schaue immer mal wieder nach dem Rechten und bin auch selbst manchmal Barockdarsteller. Für die Presse stehe ich auch immer Rede und Antwort. Selbstverständlich kümmere ich mich den Winter über um die ganzen Vorbereitungen für die neue Saison.

Der Winter ohne Märkte ist für viele zu lang. Auch für dich?

Ganz im Gegenteil. Die paar Monate sind für die Vorbereitung der gesamten Saison einfach zu kurz. Im März halten wir immer einen Theaterworkshop ab. Dort halten Leute, die es wissen müssen, Vorträge und Schulungen. Im Plenum geben wir dann die Themen für die neue Saison bekannt. Das ganze Rahmenprogramm dauert eine Woche.

Profitiert der Besucher deiner Märkte von den Workshops?

Im Nachhinein absolut. Die Ergebnisse aus dem Plenum sind schon auf der “Gala der Gaukler und Vaganten” in Hoya zu sehen, die jedes Jahr um den 20. März stattfinden. Aber auch in anderer Hinsicht profitiert der Besucher. Für die Versorger haben wir ein eigenes Kontrollsystem geschaffen, um beispielsweise Tipps bei der Hygiene zu geben. Für Schulen und Vereine veranstalten wir Vorbereitungstreffen. Wir achten schon sehr auf die Qualität unserer Märkte.

Gilt das auch für die historische Korrektheit?

Wir leben heute nicht mehr im Mittelalter. Es gibt aber klare “no-nos”, heißt keine Plastikverpackungen und Handys. Was die verschiedenen Märkte von Fogelvrei zeigen ist eine interessante Zeitreise. Innerhalb von wenigen Monaten kann der Besucher 300 Jahre Weltgeschichte überbrücken. Die Märkte sind Feste. Ich könnte auch nur Darsteller, Handwerker und Versorger engagieren, die sich historisch innerhalb einer festgelegten Zeit bewegen. Doch bei uns soll der Besucher ins Geschehen eintauchen, mitmachen. Ich möchte mich nicht als lebendiges Museum präsentieren, wo die Besucher über sinnbildlich hohe Zäune rüberschauen müssen.
Wir haben unser Dasein zum Geschäft gemacht, agieren in der Gruppe und fühlen uns sehr wohl dabei. Gratwanderungen sind durchaus erlaubt.

In der so genannten “Authentiker-Diskussion” stellen sich aber genau diese Abweichungen als Problem dar.

Die Kultur von Fogelvrei ist die, mit anderen Ansätzen zu leben, sich zu achten. Ich halte die Richtung der A-Diskussion für absolut wichtig und fruchtend. Ich wünsche mir eine angenehme Toleranz zwischen Reenactors und Kommerziellen. Eine Positionsbestimmung ist absolut in Ordnung, jeder kann von den anderen lernen. Wichtig ist der Austausch und dass sich alle wohlfühlen. Wir schaffen die Plattform, wahren den Grundfrieden. Fogelvrei steht als Markenname für eine bestimmte Art einer Veranstaltung. Der Besucher entscheidet aber, ob es für ihn das Richtige ist, und ob er wiederkommt.

Auf was sollten Darsteller achten, wenn sie sich bei Fogelvrei bewerben?

Meistens haben die Künstler ein Prospekt mit vielen Fotos. Neben den Fotos ist aber auch die Hausnummer der Gage wichtig. An der Instrumentierung der Musiker sehe ich, ob sie laut oder leise spielen und kann sie dementsprechend platzieren.

Haben Bewerber ohne Bildmaterial Chancen?

Wir geben jedem die Möglichkeit, Bilder nachzureichen. Heute gibt es die digitale Kamera, da kann man schnell mal Bilder machen und die verschicken. Es fallen beispielsweise die Versorger durch, die Ihren Ausschank lediglich mit Sackleinen bespannen. Die haben keine Chance. Wenn ich einen Schneider buche, möchte ich auch einen Schneider, und keine Mischsortimente sehen. Grundsätzlich sollte eine schöne Grundbeschreibung aber schon sein.

Gibt es Konkurrenz auf einem Markt?

Es gibt durchaus mal Konkurrenz, die ist aber abgesprochen. Wir schauen auch mal nach, welche Sortimente nicht passen und raus müssen. Wichtig ist immer die Qualität. Bei uns erhalten die Handwerker darüber hinaus eine Gage. Viele sind ohne einfach nicht mehr überlebensfähig.

Hast du ein Lieblingskind unter deinen Märkten?

Bad Bodenteich! Es ist der Start in die neue Saison, hat eine Top-Location mit der alten Burg. Auch das Programm mit der Burgerstürmung ist immer wieder etwas besonders. Das ist für mich der schönste Markt im ganzen Jahr.

Wie führst du Menschen an das Mittelalter heran?

Das ist gar nicht nötig. Wir machen Analysen auf den Märkten. Dort hat sich gezeigt, dass der “Mitbringfaktor” am stärksten ist. Wichtig ist für uns, dass wir auch in fremden Regionen auftreten, der Werbegrad ist relativ hoch. Die einen, die hier unseren Markt besuchen, sehen wir 100 Kilometer auf der nächsten Veranstaltung wieder, mit ihren Freunden und Bekannten.
Die Grundqualität im Projekt ist gut.

Was möchtest du den Lesern von chronico mit auf den Weg geben?

Schaut euch um, seid wachsam. Macht euch ein Meinungsbild, achtet auf die Darstellung. Es gibt ein paar Spitzenveranstalter in der Szene, die man immer besuchen kann. Achtet dabei nur auf das Gehalt der Darstellung, wie ist was umgesetzt. Es gibt reichlich Veranstaltungen, da ist für jeden etwas dabei.

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