Ottonik Heinrichs Mannen zu Wilhaim

Gerald Uhl beim Feuermachen. © Gerald Uhl

Die Living-History-Karte Süddeutschlands zeigt vor allem Antike, frühes und sehr spätes Mittelalter. Jetzt schicken sich Enthusiasten an, eine Lücke zu schließen. Mit einem ottonischen Lager ab 17. September in Weilheim.

Tausendjahrfeier

Die oberbayerische Stadt Weilheim feiert in diesem Jahr ein Jubiläum: Vor 1000 Jahren wurde die Gemeinde erstmals urkundlich erwähnt. Ein Ereignis, das in die Ära der Ottonen hineinreicht. Als „Wilhai[m]“ bezeichnet eine Urkunde vom April 1010 die Gemeinde, die Herzog Arnulf im 10. Jahrhundert aus Klosterbesitz löste, um Gefolgsleute zu belohnen. Ottonenkönig Heinrich – der zugleich Herzog von Bayern war und später als Kaiser Heinrich II. auftrat – machte den Schritt wieder rückgängig. Wilhaim war vermutlich wesentlich älter, doch mit Heinrichs Akt erschien der Ort offiziell in der verbürgten Geschichtsschreibung.

Ausstellungen, Passionsspiele, Konzerte – die Palette der Veranstaltungen das ganze Jahr hindurch ist breit gefächert. Einen Höhepunkt gibt es am Wochenende, 17. bis 19. September. Leider traut sich die Stadt nicht zu, an diesem Wochenende vollends auf Geschichtliches zu setzen. Ein klassischer Mittelaltermarkt muss dem Treiben in der historischen Altstadt am Sonnabend und Sonntag den Rahmen geben. Mit Handwerk, Handel und Musik, wie es landauf und landab bei den einschlägig bewanderten Organisatoren üblich ist. In Weilheim nimmt die sächsische Agentur Sündenfrei die Dinge in die Hand.

Aber um diesen Markt geht es hier gar nicht. Sondern um das Kontrastprogramm mit authentischem Anspruch, das die Weilheimer Familie Uhl in Eigeninitiative auf die Beine stellt. Vor den Toren der Stadt – also deutlich vom kommerziellen Markttreiben getrennt – trifft sich die Szene der Ottonen- und Salierdarsteller. Es geht also um Living History. Ort des Geschehens: das Naturfreundehaus an der Holzhofstraße 36.

Heerbann für Heinrich II.

Kerstin und Gerald Uhl sind seit Jahren aktive Darsteller. Das erste Jahrhundert ist eine ihrer Epochen (unter anderem als Aktive zum Programm „2000 Jahre Varusschlacht“ in Kalkriese), sodann das 8. Jahrhundert und eben das 11. Jahrhundert. Als Gerald der Uhl zu Wilhaim ist er unter anderem beim Franco-Flämischen Kontingent bekannt, mit dem er 2006 zum großen Reenactment „Battle of Hastings“ nach Südengland zog. Einige Aktive des FFC sind denn auch in Weilheim dabei.

„Als wir vor vier Jahren mit unserem Hobby anfingen dachten wir, wir wollen etwas Regionales machen und stießen auf so auf die Ersterwähnung Weilheims 1010“, sagt Gerald Uhl. Mit der Stadt wurde sich die Familie schließlich einig; ihr Heerlager taucht auch im offiziellen Programmheft zu den Feierlichkeiten auf (gleich neben dem Hinweis auf das Altstadtfest).

Ein Heerlager soll es sein, wie es Anfang des 11. Jahrhunderts in der Region hätte geben können. Die Italienzüge Heinrichs bilden den historischen Hintergrund dafür; mehrfach war der Monarch über die Alpen gezogen. „Wir werden also ein Lager zeigen in dem sich verschiedenste Kontingente eines Heerbannes unter Heinrich II. hier in Weilheim versammeln“, beschreibt Uhl. Weilheimern und auswärtigen Besuchern wollen die Darsteller einen Einblick in das mittelalterliche Leben gewähren, das der Zeit der urkundlichen Erwähnung in Ausstattung, Ausrüstung und Bekleidung möglichst nahe kommt.

Akteure mit Herzblut

Drei wichtige Hinweise: Am besten besucht man das Lager am Naturfreundehaus am Freitag, 17. September. An diesem Tag findet das Hauptprogramm statt. Und der Eintritt auf das Gelände ist frei. Es dürfen nur von den Veranstaltern ausgewählte Darsteller in mittelalterlicher Gewandung das Areal betreten. Um das Bild, das die vertretene Szene vermitteln will, nicht zu verfremden. Natürlich sollen und dürfen auch Teilnehmer des Altstadtfestes das Heerlager besuchen; dies aber in moderner Kleidung, 21. Jahrhundert. (Bitte ersten Kommentar beachten!, Hinweis d. Red. am 7.9.10)

Für den süddeutschen Raum, der etwa in Sachen römische Zeit, Bajuwaren oder Spätmittelalter ausgezeichnete Gruppen und Events vorweisen kann, wird dieser mittelalterliche Ausflug etwas Neues. Zumal in Verbindung mit dem hohen Anspruch der Organisatoren. Oder um es mit Gerald Uhls Worten zu sagen: Es soll eine Veranstaltung sein, wie sie auch im Museum stattfinden könnte. Eine Sache mit „viel Herzblut“ also, wie Uhl sagt.

Neben Mitgliedern vom FFC erwartet Uhl auch den Hessischen Ritterbund, die Dorrenberger (ebenfalls Hessen), das Projekt Ottonenzeit, die Gruppe Huosi und Vertreter der Szene aus Frankreich, Österreich und den Niederlanden. Gut 100 Aktive sollen es sein. Für die passende musikalische Umrahmung sorgen die Musiker von Musica Vulgaris. Wer noch Interesse als Darsteller sowie das entsprechende Rüstzeug hat, kann sich bei Gerald Uhl bewerben.

Zeitreisen

Szenen aus dem mittelalterlichen Alltag werden gezeigt. Es geht dabei weniger um Rollenspiele, wie sie häufig auf Mittelaltermärkten eingesetzt werden. Es sind Menschen der Gegenwart, die in kriegerische oder zivile Tracht des 11. Jahrhunderts schlüpfen und handwerklichen Tätigkeiten nachgehen. So hat Gerald Uhl die (fiktive) Hintergrundgeschichte des Lagers formuliert: „Heinrich II. ist auf dem Feldzug nach Italien und schlägt sein Lager zwischen dem Ort Wilhaim und dem Kloster Polling am Ammer-Ufer auf. Neben dem alltäglichen Lagerleben wird die Ausrüstung ausgebessert und aufgestockt, die Männer üben sich in den Waffengattungen, es wird gekocht, gewebt, geschmiedet. Wachen sorgen für die Sicherheit.“

Weil die teilnehmenden Akteure das gesamte Wochenende über am Naturfreundehaus lagern, bleibt der Ort auch die ganze Zeit über für Besucher offen. Eine Besonderheit gibt es noch über die Ottonik hinaus: eine kleine Zeitinsel zur bajuwarischen Zeit ist ebenfalls geplant. „Die frühesten Funde in Weilheim stammen nachweisbar aus dem 6.Jahrhundert“, begründet Uhl. Dem Publikum sollen demnach auch in diese frühe Ära der Region Einblicke ermöglicht werden.

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3 Kommentare

  1. Hallo, erst mal vielen Dank für den ausführlichen Bericht -Euer Interesse ehrt uns! Wir haben die “Darsteller-Latte” bewusst sehr hoch gehängt. ABER: Das heißt nicht, dass anders Gewandete nicht auf’s Gelände dürfen! Es ist auch der ausdrückliche Wunsch der Stadt Weilheim, dass Besucher sich mittelalterlich kleiden. Und natürlich dürfen und sollen auch die zu uns kommen. Lediglich bei den Lagergruppen erwarten wir korrekte Kleidung und Ausrüstung und behalten uns daher ein Auswahlrecht vor.
    Auch die Gruppe “Musica vulgaris”, die am Freitag Abend ein Konzert geben wird und auch tagsüber spielt, freut sich über zahlreiches Publikum. Wir hoffen also alle auf gutes Wetter und zahlreiche Besucher, ob in der Tracht des frühen 21. oder eines anderen Jahrhunderts.
    Herzliche Grüße
    Cutani / Kerstin Uhl
    Orga “Wilhaim 1010”

    07. September 2010, 18:09 Uhr • Melden?
    von Cutani
    1
  2. @Cutani
    Merci für den Besucherhinweis! dann habe ich das missverstanden mit der Beschränkung für Gewandete. Habe mal in deinem Kommentar den entsprechenden Hinweis noch fett markiert, damit es deutlich wird.

    07. September 2010, 18:09 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    2
  3. Ich hoffe, alle Darsteller sind gut und gesund nach Hause zurückgekommen. Es war für uns alle, für die Stadt Weilheim und nicht zuletzt für die Uhls ein sehr großer Erfolg. Drei Tage lang hatten wir den angenehmsten und interessiertesten Besuch, den sich ein Darsteller nur vorstellen kann. Darüber wird bald hier in Chronico gesondert zu berichten sein. Bitte noch etwas Geduld.

    Viele Grüße, Torsten Kreutzfeldt

    22. September 2010, 07:09 Uhr • Melden?

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