Kindermuseum Geheimnisvolle Wunderkammer

Römischer Markt im Kindermuseum Stuttgart. © Landesmuseum Württemberg Stuttgart, Bilder: Hendrik Zwietasch

Zunehmend setzen Museen auf ihre jüngsten Besucher. In Stuttgart gibt es jetzt das Junge Schloss mit eigener Ausstellung und einem Geschichtsbuch für Kinder. Schöner Ansatz – die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft.

Kinder entdecken Geschichte

Das Landesmuseum Württemberg hat im Oktober 2010 in Stuttgart ein Kindermuseum eröffnet: Das Junge Schloss. Es ist eines von fünf eingetragenen Kindermuseen in Baden-Württemberg und soll Kindern von vier bis zehn Jahren und deren Familien Geschichte auf sinnliche Weise vermitteln.

„Geheimnisvolle Wunderkammer – Schatzsuche im Schloss“ heißt die erste Ausstellung, die in ihrer Umsetzung auf die Anfänge der Museumsgeschichte in Europa zurückgreift und einen Überblick über die Epochen von der Urzeit bis in die Neuzeit bietet.

Ein Buch, viele Epochen

Zusammen mit dem Stuttgarter Belser Verlag bringt das Kindermuseum in Stuttgart passend zur Ausstellung ein Buch heraus, das sich an Kinder im Vorlesealter und an Grundschulkinder richtet. Sein Titel: Geheimnisvolle Wunderkammer – Kinder entdecken Geschichte.

Wie im Museum beginnt der Leser seine Zeitreise in der Wunderkammer und kann sich durch die Geschichte von der Urzeit bis ins heutige Museum vorblättern. Auf farbigen Doppelseiten, für jede Epoche eine, werden Objekte, die sich in der Ausstellung wiederfinden, im historischen Kontext abgebildet – in sehr schönen Panorama-Illustrationen von Karin Schliehe und Bernhard Mark. Zusätzlich gibt es auf jeder Seite eine Klappe, hinter der die Leser in schönen Illustrationen von Silke Molitor kurze Informationen zu einzelnen Objekten oder auch Bastelanleitungen und weitere Hinweise finden.

Verschenktes Potenzial

Auf den ersten Blick ist es ein gelungenes Buch, vor allem in Hinsicht auf die Gestaltung. Doch der Inhalt fällt eher mager aus. Was hier als Kindersachbuch angekündigt wird, ist allenfalls ein Bilderbuch mit einer erweiterten Informationsebene, den Klappentexten. Aber wie die Haupttexte in den Illustrationen glänzen auch diese nicht gerade durch umfangreiche Informationen. Alles bleibt anekdotisch.

Natürlich ist es ein gewagtes Unterfangen, eine ganze Epoche auf einer einzigen Doppelseite abbilden zu wollen – und das ist genau das Problem. Dabei geht es gar nicht um die permanente Auseinandersetzung „Wissenschaft contra Vermittlung“, die die Museumsmacher, die gerne mehr Kinder in ihre Häusern holen wollen, zur Genüge geführt haben. Dass Kinder in einem Museum keine ellenlangen Texte lesen wollen, steht außer Frage.

Aber die Frage, ob man aus Sorge vor Überforderung oder Spaßverlust Kinder nicht mehr mit ausführlichem Wissen konfrontieren sollte, oder ob Lernen nicht doch auch mal zu belastbarem Faktenwissen führen darf, muss erlaubt sein und ist noch lange nicht ausdiskutiert.

In einem guten Kindermuseum muss beides Hand in Hand gehen, sonst ist das Erleben beliebig – dann kann ein Rittergeburtstag ebenso in einem Freizeitpark gefeiert werden. Und gerade ein Kindersachbuch bietet hervorragende Möglichkeiten, das Gesehene, das Erlebte zu vertiefen, bietet die Chance, das Abenteuer Geschichte mit mehr Wissen zu kombinieren, mehr daraus zu machen als ein einmaliges Durchblättern durch die Geschichte.

Misslungen ist das Buch vom Kindermuseum in Stuttgart ganz sicher nicht. Aber zumindest dort, wo es sich an Kinder richtet, die dem Kindergarten entwachsen sind, hat es viele Möglichkeiten verschenkt.

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2 Kommentare

  1. “Ein Kinder- und Jugendmuseum ist ein lebendiger Kulturort für die ganze Familie, für Schulklassen und Kindergärten …”

    Klingt das gestelzt? Ja. Würde ein Kind sowas gern lesen? Ich glaube nein. Aber es ist ein Originalzitat von der Website eines der hier in Linkliste präsentierten KIndermuseen. Leider tun sich die Häuser offensichtlich noch schwer, in der kindgerechten Ansprache ihre Besucher. Ich habe keinen Text gefunden, der die jüngeren Gäste direkt anspricht.

    Die Links sind Beispiele, dass es auch anderswo Bemühungen gibt, für das junge Publikum dazusein. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber in der Kommunikation hapert es allenthalben noch.

    25. November 2010, 19:11 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    1
  2. Ja, Marcel, das ist schade, da das Kindermuseumskonzept in den Anfängen in den Neunziger Jahren vorsah, Aktionsmuseum von Kindern für Kinder zu sein. Meine Kinder arbeiteten z.B. an mehreren Ausstellungen des Kindermuseum Halle mit. Leider war niemand in Halle so klarsichtig, diese Konzepte im eigenen Haus zu übernehmen und auch ein eigenes Haus scheiterte an der Starrköpfigkeit der jetzigen OB. Um so mehr freut es mich, dass Elemente jetzt überall übernommen werden (nur nicht in Halle). Kinder nicht nur anzusprechen, sondern auch selbst gestalten zu lassen, hat jedoch anscheinend niemand den Mut.

    Schade und wehmütig in den Erinnerungen schwelgend,
    T. Kreutzfeldt

    26. November 2010, 09:11 Uhr • Melden?
    von Torsten Kreutzfeldt
    2

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