Festival montalbâne Altnordische Klänge in Freyburg

Das Ensemble Triskele © Jaani Kirik / Festival montalbane

Troja, Aeneas, Skandinavien, eine trutzige Burg und leidenschaftliche Musik: Das Freyburger Festival montalbâne verbindet so manches. An diesem Wochenende mit nordischer Musik als Schwerpunkt. Ein Ausflug in die Alte Musik.

Musik der Nordländer

Der Held, vertrieben aus Troja, landet mit seinem Volk in Italien. Dort baut er eine Trutzburg – Montalbane. So beschreibt es der mittelhochdeutsche Dichter Heinrich von Veldeke im 12. Jahrhundert in seinem Eneas-Roman. Seine Quellen bezog der Dichter aus dem Französischen. Unklar ist, ob Heinrich auch über die Mythen der nordischen Reiche Bescheid wusste. Kurz nach ihm verfasste der Isländer Snorri Sturluson die Edda. Darin beschrieb er auch bei der nordischen Aristokratie beliebte Geschichten. Einige Erzähltraditionen verorteten den Ursprung nordischer Herrscherfamilien in der Nachkommenschaft eben jenes Aeneas.

In Freyburg (Sachsen-Anhalt) kommen viele Dinge zusammen, die mit den eben erwähnten Dingen zu tun haben: Vom 15. bis 17. Juni bringt das Festival montalbâne – die internationalen Tage der mittelalterlichen Musik – zahlreiche Künstler auf die Bühne. Der Name des nun schon zum 22. Male veranstalteten Musikfestivals geht auf die sagenhafte Burg zurück, wie sie Heinrich von Veldeke erwähnt. Von Veldeke wiederum ist man in nur wenigen Schritten im hochmittelalterlichen Herrschaftsgebiet der Thüringer Landgrafen. Und die Neuenburg hoch über Freyburg war eines der architektonischen Juwelen der Landgrafen.

Das nordische Thema wiederum kommt im Konzept der diesjährigen montalbâne-Auflage zum Tragen: „Hyperborea. Die Musik der Nordländer“ lautet der Untertitel. Ensembles aus Skandinavien und Großbritannien sind diesmal zu Gast bei einem der wichtigsten Festivals für Alte Musik in Deutschland. Dass sich das Festival so intensiv auf eine Region konzentriert, ist neu in seiner wechselvollen Geschichte.

Von Thule ins Baltikum

Den Musikreigen eröffnet am Freitagabend das Projekt Pons Vivi (Dänemark, Deutschland, Großbritannien). Sein Thema ist „Der König von Thule“. Mit „Ultima Thule“ bezeichneten die Chronisten im Mittelalter die Nordländer. Melodien aus Skandinavien und von britischen Inseln präsentiert Pons Vivi.

Flötenvirtuose Poul Höxbro und Festivalmitbegründerin Susanne Ansorg an der Fidel. © Stefan Schweiger / Festival montalbane

Mit von der Partie ist auch Festivalleiterin Susanne Ansorg, die einst dem sehr rührigen Leipziger Ensemble Ioculatores angehörte. Dieses Ensemble mischte nicht nur die Mittelaltermusikszene seit Ende der 1980er auf, sondern legte wunderbare Alben mit ernst zu nehmenden Interpretationen historischer Tänze und Gesänge vor. Ensemblemitglied Sebastian Pank ist stellvertretender Vorsitzender des Festivalvereins montalbâne e. V. und leitet die beiden Labels Raumklang und Talanton auf Schloss Goseck. Voriges Jahr gab Pank bei Talanton unter anderem das Album Der erlauchte Fürst mit hochmittelalterlicher Musik heraus. Zeitgenössische Verse wurden darauf mit viel Esprit vorgetragen – von Jörg Peukert. Ihn wird das montalbâne-Publikum nun auch live sehen: Er ist Teil des internationalen Ensembles Pons Vivi.

Den Freitagabend beschließt Traversflötenspieler Norbert Rodenkirchen mit seinen Interpretationen der Sage vom Hamelner Rattenfänger. Slawische Musik aus dem Ostseeraum des späten 13. Jahrhunderts ist seine Spezialität. Wie das zusammenpasst? Rodenkirchen folgt Forschungen, die den Auszug der Hamelner Kinder in einen Kontext mit der Besiedelung des Ostseeraums stellen.

Nationaldichtung und Tanzmusik

Die Ostsee bleibt am Sonnabend ein Themenschwerpunkt. Mit der Gruppe Skandinieki kommt eines der ältesten Volksmusikensembles Lettlands nach Freyburg. Mit ihrer Musik feiern sie gewissermaßen eine baltische Mittsommernacht.

Eine schwedisch-estnische Mischung sind das Ensemble Triskele und die Sängerin Miriam Andersén mit Volkschorälen und Runengesängen aus dem mare balticum. Was sie bieten ist ein urwüchsiger Gesang, wie er erstmals im 12. Jahrhunderts zu hören war. Triskele unterstützt zudem am Sonntag den Festgottesdienst ab 10 Uhr in der Stadtkirche St. Marien.

Die schwedische Musikerin Miriam Andersén. © Catherine Cabrol / Festival montalbane

Das finnische Nationalepos Kalevala, Tanzmusik aus Norwegen und Schweden oder nordische Hymnen – aus diesen Zutaten sind die übrigen Auftritte beim 22. montalbâne zusammengestellt. Starke Stimmen, erfahrene Künstler und viel Engagement bei der Neuinszenierung überlieferter Stoffe sind seit jeher beim Festival in Freyburg zu erleben. Das Publikum feiert seine Stars mittelalterlicher Musik. Die schöne Landschaft des Unstruttals oder die umfassend erhaltene Anlage der Neuenburg sind freilich auch lohnende Ziele für ein Wochenende.

Prächtiger Livemitschnitt von 2009

Viele Künstler, die beim montalbâne in den vergangenen Jahrzehnten aufgetreten sind, finden sich auch auf Alben aus dem Hause Raumklang wieder. Erstaunlich wenig Livemitschnitte sind allerdings bisher erschienen. Nicht ganz eine Handvoll CDs. Kleine Perlen sind sie allesamt.

Prächtige Kulisse: Konzert von montalbâne in der Stadtkirche St. Marien in Freyburg. © Stefan Schweiger / montalbane

Eine richtig starke Aufnahme stammt vom montalbâne-Festival 2009. Damals trat das Ensemble Les Haulz et les Bas in der Freiburger St.-Marienkirche auf. Im noch jungen Label Talanton ist nun das Livealbum „Ad modum tubae“ erschienen.

Was sich dem Hörer hier auftut, ist die ganze Wucht mittelalterlicher Bläserensembles. Gerade Trompeten (Businen), Schalmeien, Dudelsäcke, Pommer, Glocken und andere Instrumente verbreiten eine gerade zeremonielle Pracht. Östliche und westliche Klänge – urwüchsig allesamt – kommen hier aufs Schönste zusammen. Mit ihren lauten Tönen und krachenden Perkussionseinlagen waren die Blaskapellen des späten Mittelalters (aus denen die „Alta capella“ entstand) eine Art Hardrockensemble ihrer Zeit. Allerdings unbedingt hoffähig: Denn die lautmalerische Pracht diente auch zur Zierde höfischer Zeremonien. Gesungen wird auf der Scheibe wenig. Aber das haben die oft mehrstimmigen Melodien auch gar nicht nötig.

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