Schweizer Szene Einbruch in eine Männerdomäne

Männerbünde gibt es seit Urzeiten. Niemanden wird es verwundern, dass sie auch in der Schweiz heute noch hoch im Kurs stehen. In Zürich hat sich seit 15 Jahren ein weibliches Gegenstück etabliert: die Fraumünstergesellschaft. Diese Gemeinschaft, der heute 40 Frauen angehören, hat sich einiges vorgenommen. So will sie zum einen das Andenken an eine ehemals mächtige Abtei zu Zürich beleben, die 853 von König Ludwig dem Deutschen gegründet wurde. Und zum anderen will die Gesellschaft in eine Männerdomäne vordringen, die seit Jahrhunderten besteht. Wie nebenbei beleben die Damen auch die überschaubare Schweizer Mittelalterszene.

Seit dem 18. Jh. zieht es die Zürcher im Frühjahr auf die Straße. Jahr für Jahr präsentieren sich die traditionellen Handwerkerzünfte samt Zunftmeistern und überlieferten Kostümen bei einem Umzug, dem “Sechseläuten”. Echte Männerbündnisse, die sich aus der mittelalterlichen Gesellschaft herleiten. “Frauen haben dabei keinen Platz”, meint Jeannette Derrer, Priorin und damit Vizepräsidentin der Fraumünstergesellschaft. Noch nie durften Frauen als Aktive diesen historischen Umzug, der eines der großen Zürcher gesellschaftlichen Highlights ist, mitgehen. Dabei gebe es eine Reihe großer Damen aus der Geschichte der Stadt, deren Andenken es zu würdigen gilt, sagt Derrer. “Auch deshalb haben wir die Gesellschaft gegründet.”

Äbtissinnen mit großer Macht

Die Fraumünster-Abtei zu Zürich bestand von 853 bis in die Reformationszeit. 1524 wurde es aufgelöst. In diesen rund 700 Jahren übten die Äbtissinnen eine Macht aus, die ihnen den Status einer Reichsfürstin verlieh, erzählt die Priorin. Die Klostervorsteherinnen waren direkt dem deutschen König unterstellt und übten für ihn Hoheitsrechte in Zürich aus. Schon Ludwig der Deutsche stattete die Abtei mit dieser Macht aus. Eine Macht, die sich wiederum in die Domäne der Zünfte auswirkte – so bezeugen erhaltene Urkunden, wie die Äbtissinnen auch die Entstehung neuer Zünfte besiegelten. “Diesen Teil der Geschichte wollen wir darstellen”, sagt Derrer.

Zuwachs für die kleine Schweizer Szene

1999 legte die Fraumünstergesellschaft in Zürich ihren ersten eigenen Mittelaltermarkt auf – als eine Art Gegenstück zum Umzug der Zünfte. Ihre Gewänder ließen die Frauen exakt nach historischen Vorbildern aus dem Hochmittelalter schneidern. In diesem Jahr findet das “Mittelalter-Spectaculum” vom 27.-29. Mai bereits zum dritten Mal statt.
Für den erprobten deutschen Marktbesucher dürfte das Spektakel in vielen Dingen ein vertrautes Bild abgeben. “In der Schweiz ist der Markt aber noch eine der wenigen Veranstaltungen dieser Art”, sagt Derrer. Die Szene sei nicht eben groß, meint sie. Dennoch erwartet die Gesellschaft mehr als hundert Darsteller, Händler, Handwerker, Gaukler und Musikanten. Mehr als 12.000 Besucher hatte die Veranstaltung beim letzten Mal. Für Zürcher Verhältnisse eine beachtliche Zahl.
Besucher und Teilnehmer des Treibens erwarten Derrer und ihre Damen auch aus dem süddeutschen Raum. Auf sie warten umfangreiche Tagesprogramme, unter anderem ein historisches Theaterstück im “Frauenbadi” statt, einer alten Fluss-Badeanstalt. Thema dieser Produktion sind originale Zürcher Badestubengeschichten – wie sie aus dem Mittelalter überliefert sind. Die Gesellschaft arbeitet an diesen Tagen auch mit dem Landesmuseum Zürich zusammen, das zeitgleich historische Führungen durch die Stadt anbietet und Sonderausstellungen zum Mittelalter fährt.

Erste Teilerfolge erreicht

Das “Mittelalter-Spectaculum” ist für die Fraumünstergesellschaft ein riesiger Aufwand. Und ihr Ziel ist noch immer die Möglichkeit, mit ihren historischen Gewändern den Umzug der Zünfte zu begleiten. Ein erster Schritt sei bereits getan, sagt Priorin Derrer. “Jetzt dürfen wir einen Teil der Route mitlaufen”, sagt sie. Allerdings zeitlich zum eigentlichen Umzug versetzt.
Doch selbst wenn irgendwann einmal das Ziel erreicht ist, soll der etablierte Markt erhalten bleiben. Die Gesellschaft suche derzeit nach Sponsoren, die das inzwischen beliebte Spektakel regelmäßig alle drei Jahre ermöglichen. Damit haben die Frauen ein Event ins Leben gerufen, das überregionale Bedeutung erlangt hat und den aus mittelalterlicher Sicht dürftigen Veranstaltungskalender der Schweiz belebt.

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