Islamrat „Das Trauma der Kreuzzüge ist noch präsent“

Dr. Nadeem Elyas, 59, saudischer Arzt und seit 1964 in Deutschland, war bis 2005 der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Der 1994 gegründete Spitzenverband für 19 muslimische Organisationen vertritt rund 800.000 der insgesamt 3,2 Millionen Muslime hier zu Lande. Mit Dr. Elyas, der sich für den Dialog der Religionen einsetzt und dafür 1999 den Alternativen Friedenspreis bekam, sprach chronico-Chefredakteur Marcel Schwarzenberger.

chronico: Im Mittelalter waren es Attentäter wie die Assassinen, die das Abendland in Angst vor islamischen Glaubenskämpfern versetzte. Die Messer haben die Terroristen gegen Sprengstoffgürtel getauscht – haben wir heute wieder mittelalterliche Verhältnisse?

Dr. Elyas: Diese Form der Gewalt ist keine speziell mittelalterliche. Dieser Hang zur Gewalt ist leider immer wieder anzutreffen. Der Unterschied zur Gegenwart ist aber, dass die eingesetzten Mittel so verheerend sind. Messerattacken wirkten damals vergleichsweise begrenzt. Es geht heute um Macht und Bevormundung Andersdenkender – nicht anders als in der mittelalterlichen Welt.

Die Gewalt seitens islamischer Fundamentalisten eskaliert immer mehr. Was verbindet die Terroristen, was wollen sie?

Diese Terroristen spüren eine große Ungerechtigkeit in ihren Ländern. Vor allem haben sie das Gefühl, dass die islamische Lebensweise immer mehr von der westlichen verdrängt wird. Die Besetzung Iraks etwa wird als Tyrannei angesehen. Mit ihren verbrecherischen Handlungen wollen diese Menschen den Westen erschüttern und zum Umdenken zwingen.

Was haben Anschläge wie die von New York und Madrid mit dem islamischen Glauben zu tun?

Nichts. Es gibt keine Rechtfertigung für diese Terrorakte. Vielfach wird von “islamistischen” Tätern gesprochen. Diesen Begriff lehnen wir ab, auch wenn die Täter sicherlich islamisch motiviert sind. Es ist Terror und der Begriff “islamistisch” schafft eine unnötige Nähe zu unserem Glauben. In Nordirland spricht auch niemand von katholischer oder protestantischer Gewalt.

Aber die Terroristen selbst behaupten im Namen Allahs zu handeln.

Es reicht nicht, dass jemand das behauptet. Alle Autoritäten der islamischen Welt haben festgestellt, dass diese Handlungen nicht richtig sind. Leider finden diese vernünftigen Stimmen der islamischen Religionsführer im Westen nur wenig Gehör.

Weil es keine zentrale Macht innerhalb des Islams gibt, die ein gewichtiges Wort sprechen kann?

Es ist richtig, wir haben keinen Papst. Aber außer den Christen hat kaum eine Religion eine zentrale Führung. Dennoch: Alle Institutionen der islamischen Welt sprechen sich einhellig gegen die Terroristen aus.

Vielen Regierungen des Nahen Ostens wird eine tiefe Kluft zum einfachen Volk vorgeworfen. Sind ihre Antiterrorproteste tatsächlich Ausdruck der Volksmeinung?

Ich denke ja. Nach dem Madrider Anschlag war die Ablehnung überall zu spüren. Auch viele Muslime demonstrieren gegen diese Gewalt. Aber natürlich sehen wir auch die ungerechte Haltung gegenüber den Palästinensern oder die Besatzung des Irak sehr kritisch. Das ist aber keine Legitimation für Terror.

Immer öfter sprechen Muslime von “Kreuzzügen”, wenn sie von den westlichen Engagements im Nahen Osten reden. Ist von dem Trauma aus der Zeit der Kreuzfahrerheere noch etwas übrig?

Ja, dieses Trauma ist noch sehr präsent in den Köpfen der Muslime. Bis heute ist dieses schwarze Kapitel unserer Geschichte kaum verarbeitet. Auch der Papst hatte in seinem “Mea Culpa” diesen Part ausgelassen. Ich vermisse eine Entschuldigung der katholischen Kirche für die verheerenden Kreuzzüge.

Das Mittelalter teilte in religiösen Dingen die Welt in Gut und Böse ein…

Das ist vielfach heute noch so. Diese Denkweise praktiziert auch die Bush-Regierung, die ihrerseits von “Kreuzzügen” gegen die “Achse des Bösen” sprach. Ähnlich radikal formulieren dies auch einige Muslime. Das aber passt nicht in unsere zivilisierte Welt. Der Islam respektiert Andersgläubige und verlangt keineswegs deren Verfolgung.

Aber schon Mohammed verkündete den Islam mit einem absoluten Machtanspruch.

Die Kalifen nach ihm handelten oft weniger aus religiösen als vielmehr aus politischen Motiven. Der Prophet selbst hatte durchaus andere Glaubensgemeinschaften in Arabien zugelassen, die sich weitgehend selbst verwalten konnten. Der Islam kennt keine Verpflichtung, die Religion mit Gewalt zu verbreiten. Von einem Ziel “Weltherrschaft der Muslime” kann also keine Rede sein.

Müsste aber nicht ein islamischer Staat, der sich vor allem auf die Scharia beruft, nicht alles für die Verbreitung des Islam tun?

Das ist eines der großen Irrtümer. Wie ich sagte, diese Verpflichtung gibt es nicht. Vielmehr sprechen wir von einer Einladung, unseren Glauben anzunehmen. Der Islam erlaubt den Krieg zur Selbstverteidigung, aber nicht als Mittel zur Verbreitung des Glaubens.

Warum hat der Westen dann so große Angst vor islamisch geprägten Staaten?

Weil er vor allem unglücklich verlaufende Beispiele kennt. Was wir gegenwärtig in vielen islamischen Ländern sehen, sind totalitäre Regime, in denen zwar Muslime die Geschicke führen, aber nicht nach islamischen Maßstäben handeln. Leider werden etliche dieser Diktaturen teils durch den Westen am Leben erhalten. Der Islam ehrt die Würde aller Menschen. Da bestehen selbst im Iran gewisse Defizite.

Wie sähe denn Ihr Idealstaat aus?

Es muss vor allem großen Raum für Selbstbestimmung geben. Die Bevölkerung eines Landes mit mehrheitlich muslimischen Bewohnern muss selbst entscheiden können, ob sie nach islamischen Regeln leben will. Sonst hätte es keinen Sinn, ein solches System einzurichten.

Selbstbestimmung? Das klingt aber sehr nach Demokratie.

Das ist auch kein Widerspruch. Der Islam erlaubt durchaus Pluralismus. Schon der Prophet beugte sich den Empfehlungen seiner Ratgeber.

Könnte es im Nahen Osten einen demokratischen Staat geben?

Das wäre ohne weiteres möglich. Aber nicht nach westlicher Prägung, sondern nach islamischer Lesart. Wir brauchen angepasste Systeme. Hier muss der Westen schnellstens umdenken.

Geben Sie den demokratischen Prozessen in Afghanistan und Irak eine Chance?
Ja. Gerade die Iraker werden eine neue Alleinherrschaft nicht dulden. Dieses Land wird sicher zum Pluralismus finden. Die vorläufige Verfassung ist eine Art Versprechen. Aber man muss den Schritt dem Volk überlassen. Das ist eine Frage der Würde und des Vertrauens.

War der Einmarsch der Koalition in den Irak ein Fehler?

Auch wenn die Beseitigung Saddams positiv ist – hier handelte es sich um einen Angriffskrieg laut internationaler Rechtslage. Die Besatzung ist nicht rechtens. Demokratie kann man nicht herbeibomben. Je länger es bis zur wirklichen Machtübergabe dauert, desto heftiger wird der Widerstand. Das irakische Volk muss schnell entscheiden können, wie es regiert werden will.

Ist die Gewalt gegen Zivilisten im Irak Ausdruck eines legitimen Widerstandes?

Der Islam erlaubt keine Geiselnahmen oder die Terrorisierung ziviler Personen, wie es zurzeit geschieht. Allerdings sind die Handlungen einzelner Gruppen schwer zu kontrollieren.

Glauben Sie, dass sich Schiiten und Sunniten im Irak dauerhaft zusammenschließen können?

Sie sind keine Erzfeinde. Auch in unserer Organisation sind beide Richtungen vertreten. Im Irak haben Schiiten und Sunniten schon kurz nach Saddams Sturz Anstöße zur Zusammenarbeit gegeben. Ihr gemeinsames Ziel ist die Beendigung der Besatzung. Das wollen alle Iraker. Je schneller, desto friedlicher.

Verfassungsschützer in Nordrhein-Westfalen haben Sie der Mitgliedschaft bei den radikalen Muslimbrüdern verdächtigt. Warum?

Das frage ich mich auch. Ich wollte ein klärendes Gespräch mit den Beamten. Dazu kam es aber nicht. Jetzt läuft ein juristisches Verfahren gegen die Urheber dieser haltlosen Anschuldigungen.

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1 Kommentare

  1. Kooperation ist eine bessere Lösung als gegenseitiger Angriff. Kooperation bedeutet auch Aufklärung, Wissensvermittlung. Der Westen (Christentum) muss mehr über den Islam erfahren, der Osten (Islam) mehr über das Christentum. Leider vermittelt auch die Presse nur die Vorurteile, hier wie dort.
    Nadeem Elyas hat meinen Respekt, weil er, zumindest bis Februar 2006, versuchte zu kooperieren. Es sollte, auch meiner Ansicht nach,
    jedem überlassen bleiben, an welche Relgion er glaubt.
    Ich gehöre keiner Religion an, denn jegliche “heiligen Schriften”, auch
    Bibel und Koran, wurden von Menschen geschrieben, sind nicht vom Himmel gefallen, der zu jenen Zeiten ja noch Grenze war auf Grund von
    Unwissen.
    Gott , Allah, wie auch immer man es nennen mag, ist eine Sache.
    Allerdings halte ich nichts von den jeweils passend ausgelegten
    angeblich vom “Allmächtigen” vermittelten Worte. Einerseits Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen, selbst heute noch Abtreibungsverbot
    vergewaltigter Frauen (in manchen Ländern) oder andereseits Scharia-Nutzung – die übrigens von den Sunniten nicht unbedingt akzeptiert wird – oder z.B. offiziell anerkannte, wenn auch im Westen nicht akzeptierte, Mehrehe, was , widerum z.B., nicht zu Dr. Elyas Aussage: “Der Islam ehrt die Würde aller Menschen.” passt. Und die
    Sure 4 (38) im Koran auch nicht:“Die Männer sind höherstehend als die Weiber…”
    Wie lang wird es wohl noch dauern, bis die Menschen gelernt haben,
    dass man die Vergangenheit zwar nicht vergessen muss, aber auch nicht mehr wie in der Vergangenheit leben sollte ?

    Mit freundlichen Grüssen

    Norgat Calsin Borda (übrigens weiblich)

    08. März 2006, 18:03 Uhr • Melden?
    von Norgat Calsin
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