Motte Burgneubau stößt auf Skepsis

Es ist noch keine zwei Jahre her, da öffnete in der Nähe der schwäbischen Gemeinde Kanzach ein Freilichtmuseum der besonderen Art seine Pforten: eine Bachritterburg. Getreu den Vorbildern aus dem 13. Jh. bauten die Initiatoren eine so genannte Motte nach, eine hölzerne Burg, wie sie in jener Zeit der niedere Adel vor allem besaß. Denn Stein war rar und teuer. Die Motte, errichtet für rund 345.000 Euro - teils mit EU-Mitteln finanziert - entstand an einer Stelle, an der es tatsächlich eine ähnliche Burg gegeben hatte. Zurzeit wird die Anlage weiter ausgebaut - das rege Interesse zahlreicher Besucher macht es möglich. Auch in den nördlichen Breiten Deutschlands soll es bald eine solche Anlage geben. In Bad Wünnenberg - nur wenige Autominuten südlich der Universitätsstadt Paderborn (Nordrhein-Westfalen) - plant das regionale Touristikunternehmen eine "mittelalterliche Erlebniswelt". Das Projekt ist nicht unumstritten.

Der Kurort liegt keineswegs außerhalb historischer Begebenheiten. Auch wenn der nahe Teutoburger Wald mehr Legenden als Wahrheiten über die Legionen des Varus birgt: Die Region wird seit mehr als 4000 Jahren besiedelt. Und tatsächlich verweist der Ursprung des Ortes Wünnenberg auf die Zeit um 1300, als die Herren von Büren eine Burg errichteten. Von ihr ist kaum noch etwas übrig, wie überhaupt die Stadt sehr unter Feuersbrünsten litt. Doch diese Einschnitte machen die Einwohner durch andere Reize wett. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Stadt der Fremdenverkehr gefördert, 1972 wurde Wünnenberg offiziell zum Luftkurort und seit 2000 darf sich die Stadt mit dem Beinamen “Bad” schmücken – was auf das Kneipp-Heilbad verweist.
Die touristische Entwicklung haben denn auch die Initiatoren des Projektes im Blick. Schon vor einem Jahr sollten die Bauarbeiten für eine hochmittelalterliche Burganlage mit angegliederter Burgmannssiedlung beginnen. Als Stelle wählten die Planer der beteiligten Bad Wünnenberg Touristik GmbH (die wiederum die Wünnenberg GmbH als künftigen Betreiber der Anlage initiierte) einen Steinbruch am Ortsrand aus. Ein Gebiet von rund fünf Hektar Größe. Hier hat zwar nie eine Burg gestanden, doch sei dies durchaus historischer Grund, erklärt Rainer Dörr, Geschäftsführer des Touristikunternehmens. “Was wir anstreben ist eine historische Kulisse.” Eine Kulisse für Märkte, Ritterspiele, Konzerte und vor allem für die Bemannung der Burg mit Darstellern des Mittelaltervereins Ars Militia. “Die werden eine Präsentation des damaligen Lebens bieten”, erklärt Dörr.
Dem Projekt, das rund zwei Millionen Euro kosten soll – teils aus Spenden lokaler Unternehmen, vor allem aber wiederum aus dem EU-Fördertopf gespeist – stehen indes auch Zweifler gegenüber. So fürchten vor allem Naturschützer einen Schaden für die Umwelt. Zudem befürchten sie eine Nutzung des ökologisch bedeutenden Geländes als Campingplatz, sollte das Projekt wirtschaftlich scheitern, wie eine Lokalzeitung schreibt. Tatsächlich ist der Gebietsentwicklungsplan noch nicht wasserfest. “Er ist sehr aufwändig und die Entscheidungen wurden immer wieder verzögert”, bestätigt Dörr. Für ihn ist das Gezerre um das Projekt wie ein “Verfahren für einen Großflughafen”. Doch er gibt sich optimistisch. Auch wenn noch nicht alle Anträge durch sind, sollen die Arbeiten noch in diesem Jahr beginnen. 2005 sollen die ersten Aktionen stattfinden können. Doch sei eine solche Anlage letztlich nie richtig fertig, fügt Dörr hinzu. Der stete Ausbau – etwa mit einer Mönchszelle – gehöre zum Schaukonzept.
Die Historiker in Paderborn indessen schauen mit Skepsis auf die Anlage. So bezweifelt Matthias Wemhoff, Leiter des Museums in der Kaiserpfalz und Direktoriumsmitglied am Institut zur Interdisziplinären Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens (IEMAN), die “historische Konsistenz des Vorhabens”, wie die Lokalpresse schreibt. Eine hochmittelalterliche Ansiedlung in dieser geplanten Form als Motte habe es am Bauplatz nie gegeben. Zwar habe es vor rund einem Jahr einen Termin gegeben, auf dem Rainer Hildebrandt, Vorsitzender des Vereins Ars Militia, das Projekt im IEMAN vorstellte. “Doch danach kam nichts mehr”, sagt Ansgar Köb, Koordinator innerhalb des interdisziplinär arbeitenden Instituts, das der Universität Paderborn angegliedert ist.
Dabei hätten die Macher hier durchaus kompetente und willige Berater gefunden. Mitarbeiter des IEMAN werden regelmäßig in die Konzeption musealer Ausstellungen einbezogen – etwa für die Ausstellung “Gang nach Canossa”, die 2006 in Paderborn gezeigt wird. “Die Beteiligung von Historikern bei einem solchen Projekt wie in Bad Wünnenberg wäre wünschenswert”, meint Köb. Es wäre schade, wenn nicht versucht würde, so “authentisch wie möglich zu arbeiten”. Das Mittelalterbild in der Gesellschaft sei sehr durch Massenmedien geprägt, wonach Burgen stets mit Zinnen und aufwändigen Türmen dargestellt würden. Diesen “Neuschwanstein-Effekt” gelte es zu vermeiden. “Ich denke, ein solches Projekt macht nur Sinn, wenn es historisch korrekt ausgeführt wird”, so Ansgar Köb.
Nun soll die Anlage bei Bad Wünnenberg alles andere als eine steinerne Herrschaftsanlage für märchenhafte Prinzen oder Könige werden. Bodenständig wird hier mit Holz gearbeitet. Und der Verein Ars Militia selbst hat sich ein festes historisches Handlungskonzept gegeben, mit dem die Mitglieder seit 1994 auf zahlreichen Veranstaltungen – auch selbst organisierten – auftreten. Vorsitzender Hildebrandt übernimmt dabei die Rolle des Grafen Ranes Haduwolff von Wollmar im Dienste des Stauferkaisers Friedrich II. Die Gruppe hat sich selbst den Anspruch auferlegt “im musealen Umfeld bestehen zu können”. Zeitrahmen der Gruppe und des Burgprojektes passen durchaus zusammen. Zudem sich Ars Militia auch der Erlebnispädagogik verschrieben hat. Ihre Aufgabe wird es einmal sein, Leben und Arbeit in jener Zeit sowie die militärischen Aspekte innerhalb einer solchen Anlage so realistisch wie möglich nachzuempfinden werden, verspricht die Gruppe.
“Eine solche Burg hätte hier stehen können”, bekräftigt Touristikchef Dörr. Und obwohl man moderne Arbeitsmittel einsetzen werde – alles andere würde zu lange dauern und zu teuer – sollen die Aufbauten originalgetreu den Vorbildern entsprechen. Doch Kompromisse an die Bedingungen der Gegenwart müssten gemacht werden. Dazu gehöre auch eine betonierte Grundplatte, so Dörr. Dies und Sicherungsmaßnahmen wie Feuerschutzanlagen oder Sanitäreinrichtungen seien zwingend nötig. Dies würden Historiker zu wenig beachten, heißt es von Seiten der Initiatoren.
Diese Kompromisse seien allerdings unumgänglich, meint auch IEMAN-Mitarbeiter Köb. “Es gibt aber Unternehmen, die mit historischen Baustoffen arbeiten, natürlich wird es damit teurer.” Auch wenn das Interesse an einer schnellstmöglichen Eröffnung einer solchen Anlage groß sei – alle Möglichkeiten der Umsetzung sollten ausgeschöpft werden, wenn sie diese historisch korrekter machen. “Wir wollen gar keine museale Burg”, erklärt dagegen Dörr, “sondern unser Ziel ist ein Eventpark.” Eine Anlage, die zum Touristenmagnet werden soll. Dafür habe man in Ars Militia einen durchaus “professionellen Partner” gefunden, meint der Unternehmer.
Selbst Historiker Köb gibt zu, dass die Erlebnisatmosphäre bei derartigen Projekten im Vordergrund stehe. “Reine Mittelalterdarstellungen wären vermutlich recht langweilig. Ritterturniere beleben das Ganze.” Doch für ihn bleibe die Frage nach dem letztlich verwirklichten Konzept, wenn es einmal dazu komme. Die Frage nach einer möglichen “Verwässerung” der Geschichte. Inzwischen beobachte man seitens des IEMAN sehr interessiert das Projekt. Köb: “Man muss ihm einfach eine Chance geben.”

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