Archäologie Antikes Santorin explodierte viel früher

Seit längerem schon gibt die Eruption des Vulkans auf der Insel Santorin (Thera) in der Ägäis Archäologen und Naturwissenschaftlern Rätsel auf. Der gewaltige Ausbruch bedeckte ein weites Gebiet im östlichen Mittelmeer mit Asche und schuf so eine universelle Zeitmarke für die Synchronisierung von Kulturen der späten Bronzezeit in dieser Region. Die Datierung dieses Ereignisses ist aber bislang umstritten. Ein unscheinbarer Fund wirft die bisherige Datierung der Katastrophe über den Haufen – und bringt damit auch die Zeitrechnung der Antike durcheinander.

Zweifel an der alten Zeitrechnung

Die verbreitete Tradition einer historischen Datierung über Königslisten und astronomische Konstellationen, insbesondere für Ägypten, grenzen die Eruption auf einen Zeitraum zwischen 1530 und 1500 v.Chr. ein. Dem entgegen stehen naturwissenschaftliche Datierungen, darunter Radiokarbondaten. Sie zweifeln dieses Datum an: Schwefel in Eiskernen aus Grönland und Proben aus Samen von der Insel Santorin lassen eher auf einen Ausbruch im 17. Jahrhundert v.Chr. schließen. Bei der gewaltigen Katastrophe wurde auch eine blühende minoische Ortschaft (heute Akrotiri) verschüttet. Für eine zweifelsfreie Zeitangabe waren die Messungen jedoch nicht zuverlässig genug.

Ein Stück Olivenholz konnte jetzt Klarheit schaffen. Der Fund stammt aus der Gegend von Akrotiri, dem „Pompeji der Bronzezeit“, das vor über 3500 Jahren in Vulkanaschen versank. Gefunden wurde der Baumrest von dem dänischen Geologiestudenten Tom Pfeiffer. Mit neuen Methoden gelang es einem Forscherteam der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Universitäten Heidelberg, Hohenheim und Aarhus/Dänemark, das exakte Alter des gefundenen Olivenbaums zu bestimmen, der beim Ausbruch eingeschlossen wurde. Ergebnis: Die Archäologen haben sich in ihrer Zeitrechnung bislang um 100 Jahre geirrt. Die neuen Forschungsergebnisse werden in der heute erscheinenden Ausgabe der Zeitschrift „Science“ publiziert.

C14-Analyse liefert genaue Daten

Prekär ist der Fund vor allem deshalb, weil der minoische Vulkanausbruch der Insel Santorin ein wichtiges geschichtliches Ereignis mit Auswirkungen bis nach China und Amerika darstellt. Archäologen benutzen diesen Einschnitt in der Menschheitsgeschichte als Fixpunkt in der Historie des östlichen Mittelmeerraumes.

Den Durchbruch brachte eine Kombination neuer Untersuchungsmethoden: „Bei dem Olivenholz handelt es sich um den Ast eines Baumes, der beim Vulkanausbruch lebend verschüttet wurde“, erklärt der Paläobotaniker Michael Friedrich, Mitarbeiter der Heidelberger Akademie der Wissenschaft, der an der Universität Hohenheim im Institut für Botanik arbeitet. Mit einem Computer-Tomographen, ähnlich wie ihn auch Mediziner benutzen, gelang es den Forschern, mehr als 70 Jahresringe in dem über 3500 Jahre alten Holz zu unterschieden.

„Danach konnten wir aus mehreren Ringen Holzproben nehmen und über die Radiokarbon-Methode datieren“, erklärt Friedrich. Dabei wird die Menge an C14, einer natürlichen Variante von Kohlenstoff gemessen, dessen Gehalt sich in der Natur im Laufe der Erdgeschichte immer wieder verändert hat. „Da wir wissen, wann der natürliche C14-Gehalt wie hoch war, können wir theoretisch zurückrechnen, wann der entsprechende Jahrring gewachsen ist“, erklärt Bernd Kromer von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, die ihren Sitz am Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg hat.

Bislang scheiterte die Methode daran, dass der Kohlenstoff-Gehalt in den Jahrhunderten um den Ausbruch mehrfach nach oben und unten schwankte. Das bedeutet, für jedes Messergebnis gibt es mehrere Alter, die in Frage kommen. „In diesem Fall haben wir erstmals mehrere Messergebnisse aus verschiedenen Ringen, von denen wir exakt wissen, wie weit sie auseinander liegen“, sagt Friedrich. Auf diese Weise erhielten die Forscher ein mehrteiliges Puzzle-Stück, für das nur eine kurzfristige Zeitspanne als Alter in Frage kam.

Fazit der Untersuchungen

„Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent können wir das Ende der Siedlung Akrotiri nun auf die Jahre 1627 bis 1600 vor Christus eingrenzen“, bestätigt Kromer. „Damit schließen wir von naturwissenschaftlicher Seite aus, dass der Ausbruch über die bisher etablierten Verknüpfungen mit der historischen ägyptischen Chronologie datiert werden kann.“ Heißt: Nach neuer Lesart wäre demnach nicht mehr der ägyptische Pharao Thutmosis I. (1524-1518 v.Chr.) möglicher Zeitgenosse der Katastrophe, sondern einer seiner Vorgänger: Senachtenre, der um 1630 regierte. Oder doch nicht? Müsste nicht die Regierungszeit der Pharaonendynastien zurückverlegt werden?

Da hilft nur eines, meint Kromer: „Es müssen die historischen und kulturellen Beziehungen der vielfältigen Kulturen der Spätbronzezeit im östlichen Mittelmeer neu untersucht und interpretiert werden.“ (idw/Schwarzenberger)

Artikel aus der Rubrik „Geschichtsszene“

  • Zeitlose Musik am „Sonnentempel“

    Das Schloss Goseck in Sachsen-Anhalt hat schon einiges erlebt: Benediktiner, Pfalzgrafen, Weltkriegsflüchtlinge und Verfall. Seit 1998 wird aber in den mittelalterlichen Mauern am äußerst lebendigen Klang alter Musik gefeilt.

  • Thesen, Antithesen und die Kanzlerin

    Anonyme Anzeige, Betrugsvorwürfe und der ewige Zweifel. Kalkriese trägt schwer an der selbst auferlegten Bürde, der mögliche Ort der Varusschlacht zu sein. Wissenschaftler und Ministerium kommen zu Wort.

  • Ein Jahrestag elektrisiert die historische Szene

    2000 Jahre Varusschlacht im Teutoburger Wald. Die Museumslandschaft hat Pläne; Reenactment-Fans geraten in fiebrige Stimmung. Kommt das große Treffen der Römer- und Germanendarsteller?

  • Fürstlicher Fund in der Donau

    „SR“ steht auf der Klinge eines Schwerts; gefunden bei Linz. Hatte es einen fürstlichen Träger? Fakt ist, der Fund dürfte ein Leckerbissen für Hochmittelalter-Fans sein. Die Huscarl-Redaktion war auf Spurensuche

Ihr Kommentar zum Artikel „Antikes Santorin explodierte viel früher“

Jetzt anmelden mit Facebook Twitter

oder