Tauchfahrten Ägyptens versunkene Schätze

Riesenstatuen, Gold, Alltagsgegenstände: Rund 500 noch nie gezeigte Objekte schmücken die am Sonnabend, 13. Mai, beginnende Ausstellung Ägyptens versunkene Schätze im Berliner Gropius-Bau. Eine Tauchfahrt in Antike und Frühmittelalter.

Atemberaubend

Das Heben der archäologischen Schätze aus dem Golf von Abukir im westlichen Nildelta ist schwere Arbeit. Und sie ist noch längst nicht beendet, obwohl der französische Unterwasserarchäologe Franck Goddio seit über zehn Jahren den Resten dreier ägyptischer Hafenstädte auf der Spur ist: Alexandria, Heraklion und Kanopos.
Die bildgewaltig in Szene gesetzte Ausstellung im Martin-Gropius-Bau versammelt Fundstücke aus über 1500 Jahren.

Etwa im 8. nachchristlichen Jahrhundert sank die Küstenlinie des Nildeltas ab – Heraklion und Kanopos verschwanden komplett und das Wasser schluckte Alexandrias Hafenviertel. Viele damals verlorengegangene Baudenkmäler und Kunstgegenstände hoben Goddio und sein Team – unterstützt von der Liechtensteiner Hilti-Foundation – wieder ans Licht. Es ist mehr als gerecht, es ist geradezu spannend, auch die Tauchabenteuer in der nun beginnenden Ausstellung zu erleben – mit großformatigen Fotos, Stimmen und Videos.

Kolossales

Hingucker der Ausstellung sind freilich die gehobenen Schätze. Und so ist die Ausstellung auch nach den drei Fundorten gegliedert – und jeder Part bietet Meisterwerke der bildenden Kunst, die in diesem Fundzusammenhang noch nie gezeigt wurden.

Am längsten forscht Goddio im versunkenen Teil des antiken Alexandria. Hier fand er unter anderem auch den Königspalast der Ptolemäer, die nach dem Tod Alexanders des Großen die Herrschaft über Ägypten ausübten. Bis die Römer die Macht übernahmen. In der ptolemäischen Zeit trafen altägyptische Bildhauerprogramme auf hellenistische Kunstfertigkeit. In Berlin zu sehen: ein Isis-Priester aus schwarzem Granit und ein Sphinx mit dem mutmaßlichen Gesicht von Ptolemäos XII. (der Vater der Caesar-Geliebten Kleopatra).

Kanopos, eine Küstenstadt 22 Kilometer nordöstlich von Alexandria, war berühmt für ihr Lotterleben und dem Sarapiskult. Sarapis ist eine hellenistische Kunstfigur, die aus der Verschmelzung zweier ägyptischer Fruchtbarkeitsgottheiten – Apis und Osiris – hervorging. Apis wurde von den Griechen als Zeussohn verehrt. Als neuer Übergott des Ptolemäerreiches sollte Sarapis helfen, die griechische und ägyptische Kultur einander näher zu bringen.
Das Experiment gelang: Mehr als 500 Jahre lang strömten Pilger aus dem gesamten Mittelmeeraum nach Kanopos, um in den Heiligtümern Trost und Rat zu empfangen. Als typisch orientalische Hafenstadt entwickelte die umtriebige Bürgerschaft ein Vergnügungsviertel nach dem anderen, um noch mehr von dem Besucherstrom zu profitieren. Selbst aus Alexandria zog es die Lebemänner der Oberschicht in die benachbarte Stadt. Sogar der römische Philosoph Seneca wetterte noch über Kanopos als „Höhle des Lasters“.

Die Ausstellung zeigt auch einen fast 60 Zentimeter großen Marmorkopf des Sarapis aus einem Heiligtum in Kanopos. Mit diesem Stück holte Goddios Team eine ganze Reihe erstaunlich gut erhaltener Kunstgegenstände nach rund 1200 Jahren zurück ans Tageslicht. Aus Heraklion (das ägyptische Thonis) brachte Goddio die gut fünf Meter großen Kolossalstatuen aus rotem Granit eines Königs, einer Königin und des Gottes Hapi (Gott des Überflusses und der Nilflut) nach Berlin. Sie bekamen den wohl spektakulärsten Platz im Gropius-Bau: den Lichthof. Kunstvoll gefertigte Statuen von Göttern und Königen, zahlreiche Bronzestatuetten von Gottheiten sowie zeremonielle Gegenstände runden das Bild ab. Ein monolithischer Schrein aus rotem Granit, der dem Gott Amun-Gereb gewidmet ist, lieferte bei seiner Entdeckung den Beweis dafür, dass es sich bei den Trümmern im Meer tatsächlich um die verschollene Stadt Thonis-Heraklion handelte.

Schmelztiegel

Heraklion wurde erst 2000, und damit als letzte der drei Städte entdeckt. Und obwohl der Schwerpunkt der Schau auf die hellenistische Zeit liegt, sind auch Stücke bis in die Zeit des Untergangs der gesamten Region, also dem 8. Jahrhundert, zu sehen.

In Kanopos entstand in christlicher Zeit ein Kloster. Wohl aus seinem Fundus stammen teils wundervoll erhaltene, teils durch enormen Wasserdruck verdrehte, goldene Kunstwerke. Sie belegen, wie bedeutend die Region bis zur Überflutung war. Im 7. Jahrhundert wurde Ägypten muslimisch – davon zeugen arabische Goldstücke. Die Ausstellung vermittelt ein Bild von der Verschmelzung etlicher Kulturen im Mittelmeerraum.

Artikel aus der Rubrik „Geschichtsszene“

  • Schlacht bei Waterloo

    Waterloo – die sprichwörtliche Niederlage, trotz guter Planungen. Die hatte Napoleon 1815 erlitten. Auch die Planer des Reenactments 2010 waren davor nicht ganz gefeit. Ein Augenzeugenbericht von Holger Rinke.

  • Forschungen zum Göttinger Barfüßeraltar von 1424

    Der größte, ausschließlich gemalte Flügelaltar Norddeutschlans steht im Brennpunkt einer offenen Tagung des Niedersächsischen Landesmuseums und der Göttinger Universität.

  • Zeitlose Musik am „Sonnentempel“

    Das Schloss Goseck in Sachsen-Anhalt hat schon einiges erlebt: Benediktiner, Pfalzgrafen, Weltkriegsflüchtlinge und Verfall. Seit 1998 wird aber in den mittelalterlichen Mauern am äußerst lebendigen Klang alter Musik gefeilt.

  • Heinrichs Mannen zu Wilhaim

    Die Living-History-Karte Süddeutschlands zeigt vor allem Antike, frühes und sehr spätes Mittelalter. Jetzt schicken sich Enthusiasten an, eine Lücke zu schließen. Mit einem ottonischen Lager ab 17. September in Weilheim.

Ihr Kommentar zum Artikel „Ägyptens versunkene Schätze“


Sie sind angemeldet als

abmelden