Geschichtspodcast 20 Troja und die Invasion in der Bronzezeit

Troja-Rekonstruktion 1994 im Antike-Welt-Sonderheft Troja im Zabern-Verlag. © chronico

Xerxes, Alexander der Große, Caesar und die Kreuzfahrer beriefen sich auf Troja. Wissenschaftler streiten heute um das Erbe von Homer, Autoren liefern frische Literatur. Eine Spurensuche.

Barry Strauss und der Mythos

Gab es den Trojanischen Krieg? Schrieb Homer, der erste Schriftsteller der Eisenzeit, tatsächlich bronzezeitliche Wahrheiten? Und lebte Helena wirklich und betörte Paris? Liest man das neue Buch des US-amerikanischen Autors Barry Strauss, könnte man zu diesem Glauben kommen. In dem jetzt im Theiss Verlag erschienenen Buch „Der Trojanische Krieg – Mythos und Wahrheit“ formuliert Strauss bildgewaltige Szenen und liefert Ansichten, die der modernen Boulevardpresse entstammen könnten. Mit Aussagen wie dieser zum trojanischen Prinzen Paris: „Er liebte die Frauen, mit denen er ebenso geschickt umzugehen wusste wie mit seinem berühmten Bogen. Doch in Helena hatte er seine Meisterin gefunden.“ Sie verstrickt ihn, er gibt nach, beide fliehen mit dem Staatsschatz – der Rest ist Mythos.

Wie aber kommt Strauss zu solchen Behauptungen? Oder anders: Wieso muss der Autor unbedingt die Wahrscheinlichkeit eines solchen Frauenraubs beweisen, indem er Liebeskünste aus alten Erzählungen, eine historisch verbürgte starke Stellung von Fürstinnen und die bronzezeitliche Heiratspolitik rund ums östliche Mittelmeer heranzieht? Genau das tut Strauss in seinem Buch und reichert damit seine Beschreibungen an. Er versucht, wie der Untertitel sagt, Mythos und historische Wahrheit unter einen Hut zu bringen. Ein Versuch, den schon viele andere vor ihm gewagt haben, und der Strauss leider nur in Teilen gelingt.

Es geht in dem Werk eigentlich um die bronzezeitlichen Spuren im Mythos. Strauss selbst behauptet keineswegs, dass Achilles, Paris & Co. historische Figuren sind. Also ist eine Untersuchung des Raubes der Helena – um auf unsere Eingangsszene zurück zu kommen – doch vergebliche Liebesmüh. Oder noch anders gesagt: Es ist so, also wolle man die Nibelungensage hernehmen und den heimtückischen Speerwurf des Hagen als authentisch beweisen.

Exkurs: Wahrhaftiges Nibelungenlied?

Der Vergleich mit dem Nibelungenmythos macht noch anderes deutlich. Er ist ja in mehren hochmittelalterlichen Quellen überliefert. Auch bei ihm streiten Wissenschaftler, Schriftsteller und Hobbyforscher praktisch um jeden Absatz. Wie viel historische Wahrheiten liegen der Sage zugrunde? Das ist hier und heute nicht unser Thema. Aber daran lässt sich schön illustrieren, welche Fragen mir bei der Lektüre des Troja-Buches von Strauss kamen.

Was also könnte man mit dem Nibelungenmythos tun? Ihn auf Wahrheiten abklopfen, also Textstellen finden, die auf die wahrscheinliche Epoche verweisen, auf die der Mythos beruht. Hier also die Völkerwanderungszeit. Es geht der Forschung nicht um Siegfried, den sagenhaften Schatz und die Frage, ob Kriemhild wirklich den Hunnenkönig heiratete. Sondern vielmehr darum, was von der Völkerwanderungszeit im kollektiven Gedächtnis der beteiligten Völker hängen geblieben ist – und letztlich rund 600 Jahre später in den drei bekannten Quellen des Nibelungenliedes seinen Niederschlag gefunden hat. Das ist ein Weg. Der zweite Weg zielt mehr auf die Entstehungszeit selbst ab. Was also die hochmittelalterlichen Autoren ihren Zeitgenossen sagen wollten.

Im Sog der Geschichte

Kehren wir zu Homer und dem Trojanischen Krieg zurück. Der ihm zugeschriebene Mythos sagt also viel über Homer und seine Zeit aus – so wie auch spätere Rezeptionen etwas in ihrer Zeit bewirken wollten. Man denke an die Geschichte um den trojanischen Helden Aeneas, wie sie der römische Dichter Vergil aufbereitete. Unter Kaiser Augustus, und damit glasklar mit einem politischen Hintergrund. Immerhin war Augustus der Ziehsohn des Caesar. Und der entstammte der Sippe der Iulier, die ihre sagenhaften Wurzeln auf Aeneas zurückführten. Aeneas gründete demnach nach seiner Flucht aus dem zerstörten Troja in Italien eine Dynastie, aus der Roms Gründer Romulus und Remus hervorgingen.

Was macht nun also Barry Strauss mit seiner Troja-Geschichte? Kapitel für Kapitel nimmt er sich die Ereignisse vor. Er erzählt sie nach, teils lebendig, teils schnoddrig – leider aber immer mit einem großen Abstand zu seinen Helden. Wirkliche Sympathieträger hat er unter ihnen nicht ausgemacht. Paris ist der übervorsichtige Frauenheld, Achilles der übermächtige Kriegsheld mit seltsam zarten Nerven, wenn es um internen Zwist geht; Agamemnon der sture Heerführer. Strauss verpasst also die Chance, seiner Nacherzählung eine wirkliche, erzählerische Tiefe zu geben.

Die Sache ist nun die: Strauss will ja auch gar nicht einfach nur nacherzählen. Es geht nicht um eine Neuübersetzung der Sage. Was er bietet, heißt im journalistischen Fachjargon „Feature“. Ein Bericht also, der mit szenischen Beschreibungen beginnt. Als stünde der Autor mit der Filmkamera tatsächlich auf dem Kriegsschauplatz, lässt Strauss seine Figuren Morgenluft schnuppern, fließende Kleider tragen und sich mordlüstern im Mondschein zum Gegner schleichen. Diesem dichterischen Schwelgen folgen die Berichte zu den jeweiligen Kriegskapiteln in nüchterner Erzählweise, durchsetzt mit Behauptungen und Thesen; angereichert mit zeitgenössischen Zitaten sowie archäologischen und geschichtswissenschaftlichen Belegen – woraus er wieder frei eigene Schlüsse zieht. Schlüsse, die oft einfach Spekulationen sind. Etwa die Behauptung von den „scharfzüngigen, betrügerischen Trojanern“, die Handelsreisende gern und oft übers Ohr hauen. Einfach, weil sie mit ihrem von der Natur überaus begünstigten Hafen zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer am längeren Hebel sitzen. An Spekulationen wie dieser wird ein großes Problem des Buches deutlich: Der Leser weiß nicht immer, wann solche Behauptungen noch dichterische Freiheit sind oder bereits Spiegelungen einer – laut Strauss – realen bronzezeitlichen Welt.

Wie viel Bronzezeit steckt in Homer?

Im Grunde verfolgt der Autor ein durchaus ehrenhaftes Ziel, wenn auch nicht als Erster. Er macht den Versuch, die bronzezeitlichen Spuren des Mythos aufzudecken. Was also konnte Homer, der vermutlich erste Autor zum Thema, noch von der Bronzezeit wissen? Als Mensch des 8. vorchristlichen Jahrhunderts also von einer Zeit, rund 400 Jahre vor seiner Geburt? Strauss geht nun nicht Homers Quellen und seinem Wissen nach, sondern nimmt sich die Szenen des Epos vor und vergleicht sie mit Quellen, die Historiker und Archäologen bislang zu Tage gefördert haben. Das ist ein durchaus legitimer Ansatz.

Strauss zieht Quellen quer durch die Bronzezeit heran: die sogenannten Amarna-Briefe aus der Residenz des ägyptischen Pharao Echnaton aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. zum Beispiel, Berichte und weitere Briefe hethitischer, altägyptischer, mykenischer oder altsyrischer Fürsten. Darin findet er Material, die etwa Aussehen der Waffen, Kleider und Burgen der Kombattanten oder ihre Verhaltensweisen in gewisser Weise widerspiegeln. Überspitzt gesagt: Wenn Potentaten des 14. Jahrhunderts ein Vorgehen beschreiben, das zumindest Ähnlichkeiten mit trojanischen Szenen aufweist, könnte es die Aussagen des Mythos stützen. Interessant zu lesen ist dabei unter anderem die These, die etwa eine realistisch anmutende Zahl der gegnerischen Streitkräfte herleitet. Laut Strauss zogen die Griechen maximal 15 000 Krieger heran. Troja selbst könnte seiner Größe wegen rund 2000 Männer unter Waffen haben – plus seine erwiesenermaßen starken Mauern und verbündete Truppen.

Das Hauptproblem, wie ich es sehe, ist nun Folgendes: Keines der Belege, die Strauss aufführt, beweist den Trojanischen Krieg an sich. Im Grunde will auch Strauss ihn nicht beweisen. Vordergründig geht es ihm um bronzezeitliche Lebenswirklichkeiten in einem altgriechischen Epos. Aber damit erzeugt Strauss leider permanente Widersprüche in seinem Buch. Sie wären zumindest teilweise aufgelöst, hätte er in seinen Kapiteln sauber zwischen Nacherzählung und der Sichtung historischer Belege getrennt. So aber gehen beide Sichtweisen fröhlich ineinander über, die Grenzen sind verwaschen. Hinzu kommt: Strauss ist zwar Professor für Alte Geschichte und klassische Archäologie, aber nicht eben als Kenner der Bronzezeit berühmt. Sein voriges Buch widmete sich der persisch-griechischen Schlacht von Salamis.

Versuch endet als Chimäre

Dennoch, es gibt plausible Ansichten von Strauss zu bronzezeitlichen Lebenswelten. Es ist legitim, Hypothesen zu den politischen Gegebenheiten um 1200 v. Chr. aufzustellen. Das tut der Autor reichlich, und er liefert auch viele Belege, die er interpretiert. Schön ist auch die Vielzahl der Quellen der Troja-Sage, die Strauss heranzieht. Nicht nur Homer hat dazu geschrieben. Diese Quellen führt der Autor auch auf und zeichnet damit ein Stück Überlieferungsgeschichte auf. Belege, Zitate und Quellen sind im Anhang ausführlich beschrieben, angereichert mit einem kleinen Begriffslexikon, Zeittafel und Karte.

Aber was bleibt am Ende? Die Entscheidung muss jeder selbst treffen – entweder ein wissenschaftliches Sachbuch oder eine klassische Nacherzählung. Das Zwitterwesen, das Strauss geschaffen hat, lässt zu vieles offen. Und das beste Buch über den Trojanischen Krieg ist doch immer noch das Original, wenn ich so sagen darf. Also die Homer zugeschriebenen „Ilias“ und „Odyssee“. Und natürlich spätere Quellen der Antike, wie eben Vergils „Aeneis“. Oder alternativ für Einsteiger: Gustav Schwabs mundgerechte Nacherzählung in dessen Sammlung „Die Sagen des klassischen Altertums“. Die waren es angeblich auch, die Heinrich Schliemann zu seinen Ausgrabungen in Troja verführten.

Schliemann und das Troja-Projekt

Was ist nicht alles schon geschrieben und debattiert worden über Troja, Homer, den Krieg und die richtige Interpretation der archäologischen Funde. Das Fass hatte der Autodidakt Heinrich Schliemann aufgemacht, der mit Riesenaufwand, geschickter Diplomatie und viel Public Relations von 1871 an auf dem türkischen Hügel von Hisarlik grub. Einem Ort, den die meisten Forscher als Troja und damit das Zentrum der Troas an den Dardanellen in der Westtürkei identifizieren. Schliemann war nicht einmal der Erste, der diese Theorie aufstellte, aber der berühmteste Vertreter.

Angeblich fand Schliemann sein Troja nur mit den Beschreibungen aus der „Ilias“ und der „Odyssee“. Das ist natürlich selbst schon ein Mythos. Viele Reisende vor ihm verwiesen auf Hisarlik und brachten es mit Troja in Verbindung. Der Ort galt als der wahrscheinlichste. Und die Troas war immerhin lange nach dem angeblichen Trojanischen Krieg eine bewohnte Stätte. Mehrere Tausend Jahre Siedlungsgeschichte haben die modernen Forscher des Troja-Projekts seit der Wiederaufnahme der Grabungen im Jahr 1988 offengelegt. Der 2005 verstorbene Initiator der Kampagnen und langjährige Grabungsleiter, der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann, war stets der Meinung, Troja zu bearbeiten. Und damit auch den hethitischen Vasallenstaat Wilusa, das griechische Ilion und schließlich das römische Ilium.

Bis in die spätrömische Kaiserzeit war Troja zudem ein regelrechter Wallfahrtsort. Trojas Krieg galt immer schon als eine Art Ur-Krieg. Ein Kampf der Welten, zwischen Ost und West. Als berühmteste Trojapilger gelten kriegerische Persönlichkeiten wie der Perserkönig Xerxes, der vor seinem Zug nach Griechenland 480 v. Chr. die Burg von Ilion besuchte und dort opferte. Alexander der Große startete später seinen als Rachefeldzug gegen die Perser deklarierten Marsch durch Asien in Troja. Dort machte er einem Achillesgrab seine Aufwartung. Der Sage nach schlief Alexander sogar mit einem „Ilias“-Exemplar unter dem Kopfkissen. Und schließlich gaben sich römische Machthaber wie Caesar, Augustus, Hadrian und Konstantin der Große in Troja praktisch die Klinke in die Hand. Und noch die Kreuzfahrer des 13. Jahrhunderts nahmen bei ihren Feldzügen gegen den Orient deutlichen Bezug auf Troja. So mancher von ihnen könnte ein Leser des „Eneasromans“ des Heinrich von Veldeke aus dem 12. Jahrhundert gewesen sein – einer Dichtung, die sich unter anderem auf Vergils „Aeneas“ bezieht.

Der moderne Kampf um Hisarlik

Buchstäblich traumhafte Daten: 39 Grad, 57 Minuten Nord / 26 Grad, 14 Minuten Ost – so lauten die GPS-Daten für den Burghügel von Hisarlik an den Dardanellen. Dort hat Schliemann sein Troja identifiziert und ausgegraben. Wie viele Archäologen nach ihm bis in die Gegenwart hinein. Es hat immer wieder Zweifel an dieser Theorie gegeben.

Der Streit unter Wissenschaftlern bekam in den Jahren 2001 / 2002 eine fast schon dramatische Qualität. Der Tübinger Althistoriker Frank Kolb warf Korfmann mit viel Sarkasmus vor, seinem unbedingten Glauben an Homer erlegen zu sein – eben genau wie Schliemann. Will heißen: Korfmann und sein Team hätten sich voller guter Absichten, aber letztlich blauäugig auf Hisarlik gestürzt. Und die Funde so ausgelegt, dass sie tatsächlich zum Bild eines starken bronzezeitlichen Machtzentrums um 1200 v. Chr. passten. Kolbs Angriffe waren für viele Medien ein gefundenes Fressen, manche lehnten aber den Abdruck kategorisch ab, andere sprachen gar von einer puren „Sommerlochdebatte“.

Ein „Däniken der Archäologie“

Und doch: Der Fehdehandschuh war geworfen, und Korfmann griff danach, schon um sich von teils sehr anzüglichen Angriffen durch Kolb zu erwehren. Der hatte seinen Tübinger Uni-Kollegen unter anderem als „Däniken der Archäologie“ bezeichnet. Eine zweifelhafte Ehre für einen Menschen, der sich der empirischen Wissenschaft verschrieb. Korfmann musste unter anderem mit dem Vorwurf leben, die Überreste Trojas absichtlich so zu interpretieren, dass bei Rekonstruktionen das Bild einer gut befestigten Burg samt großer Unterstadt entstand. Kolb, und mit ihm viele andere Wissenschaftler, halten Troja indes allenfalls für ein Provinznest, das kaum das Ziel einer groß angelegten Invasion hätte sein können. Und noch mehr: Während Korfmann zu beweisen sucht, dass Troja zumindest theoretisch Ort einer großen Schlacht hätte sein können, verweisen seine Kritiker den homerischen Krieg komplett ins Reich der Mythen – ohne jeden historischen Kern. Allenfalls Spuren bronzezeitlicher Lebensweisen könnten sich im Epos finden, meint Kolb.

Korfmanns Stellungnahme

Noch 2001 nahm Korfmann ausführlich zu den Vorwürfen Stellung. Sie ist auf der Webseite des Troja-Projekts zu lesen (Link siehe Kasten). Hier einige Ausschnitte: „Die Prähistorische Archäologie beschäftigt sich mit der Frühzeit der Menschheit und hat somit üblicherweise keine Schriftquellen zur Verfügung … Sie muss den Boden zum Sprechen bringen und dabei das Vorgefundene möglichst objektiv schildern und interpretieren … Unser oder mein Problem, so Kolb, sei dasjenige der Interpretation. Troja sei kein auch nur halbwegs bedeutender Handelsplatz gewesen, weswegen unsere Vorstellung einer dicht bebauten Unterstadt ein Fantasiegebilde sei. Wenn dieses Troja ein Siedlungsort wäre, der nicht prominent in der Geschichtswissenschaft auftauchte, also lediglich Hisarlik hieße, würde unser Tun … als völlig adäquat eingestuft werden … Verständlicherweise geht man bei jedem Siedlungsort in der Frage nach seiner Bedeutung davon aus, wo sich ein solcher Ort geographisch befindet. Im Falle Trojas ist dies zweifellos eine geopolitisch sehr wichtige Stelle. Deshalb wurde der Ort in vorgeschichtlicher Zeit rund 2000 Jahre lang kontinuierlich besiedelt. Er wurde aber diese ganze lange Zeitspanne hindurch auch kontinuierlich stark befestigt, und deshalb ist er ein herausragender Platz innerhalb der gesamten Landschaft. Das impliziert die Frage: Wofür? Logischerweise bietet sich die Schifffahrt an, also Handel. Ich selbst kann eine andere Quelle für die in Troja Jahrtausende überdauernde Prosperität des Ortes, das Bestreben, den Ort immer wieder zu befestigen, nicht sehen.“ Soweit also der Archäologe Korfmann selbst.

Schrotts kilikische Theorie

Der Streit blühte freilich auch, weil 2001 das Jahr der Ausstellung „Troja – Traum und Wirklichkeit“ war. In ihrem Gefolge erschien eine Unmenge Literatur zum Thema. 2002 folgte noch ein Symposium in Tübingen, in denen Vertreter beider Seiten, aber auch aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen sachlich zu argumentieren versuchten. Danach ebbte die öffentliche Wirkung des Streits vorerst ab, nicht zuletzt wegen des Todes von Korfmann. 2008 scheint nun das Jahr zu sein, in dem neue Wellen aufkommen. Außer dem Buch von Barry Strauss sei hier noch dieses im März beim Hanser Verlag erschienene Werk erwähnt: „Homers Heimat – Der Kampf um Troja und seine realen Hintergründe“. Geschrieben hat es der österreichische Literaturwissenschaftler Raoul Schrott. Anders als Strauss setzte er aber nicht auf schlichtes Nacherzählen und Beweisführung für einen Trojanischen Krieg. Schrott stellt eine ganz eigene These auf. Und erntet damit herbe Kritik.

Zu Korfmanns Kritikern gehört Schrott insofern, als auch er die Authentizität des Trojanischen Krieges anzweifelt. Er bezweifelt aber auch, dass Hisarlik irgendetwas mit Troja zu tun hat. Und er legt auch Hand an das Bild, das sich viele Forscher von Homer machen. Sie zählen Homer zu den ionischen Griechen in der Region von Smyrna (heute Izmir). Schrott hält den Dichter zwar auch für einen Griechen, aber einen in assyrischen Diensten in Kilikien, also der altorientalischen Lebenswelt zugehörig. Und er sei keineswegs blind gewesen, dafür aber ein Schreiber, der sich auskannte in den Mythen des Orients, die Sage von Gilgamesch etwa. Und mit denen habe Homer, ganz freier Dichter, auch gespielt und sie zu seinem Epos verwoben. Schließlich will Schrott die Stadt identifiziert haben, die Homer als Vorbild für sein „Troja“ gegolten habe: das kilikische Karatepe. Gut 800 Kilometer Luftlinie liegen zwischen dieser Stadt und Troja an den Dardanellen.

Noch vor Erscheinen des Buches, im Januar dieses Jahres, wetterte der Altphilologe und Homer-Kenner Joachim Latacz in der „Süddeutschen Zeitung“ gegen Schrotts Theorien. Der stelle „keineswegs das Homer-Bild der Wissenschaft in Frage“, schrieb Latacz. Er warf Schrott vor, lediglich aus seinen Schriftquellen heraus und ohne wirkliche Kenntnis der Örtlichkeiten zu argumentieren. Und Wissenschaftler wie Latacz mögen auch Schrotts Begeisterung für Vergleiche zwischen homerischen Heldennamen und denen hethitischer und anderer altorientalischer Götternamen nicht so recht folgen. „Der hethitische Ucha-lu zum Beispiel soll der Homerische Achi-lleus sein“, zitierte Latacz. Kurz, er sah die Korfmannsche Theorie in ihren Grundzügen keineswegs wackeln und stellte kategorisch fest: „Troja bleibt dort, wo es seit Heinrich Schliemann … unter einhelliger Zustimmung der Fachwelt lokalisiert ist, nämlich in der Nordwestecke der heutigen Türkei, am südlichen Eingang zu den Dardanellen und damit zum Schwarzen Meer.“

Podsafe Music Network danken wir für unseren Musiktitel zum Abschluss: Das sehr ruhige und meditative Stück “Hvar” von Disparition

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