Geschichtspodcast 17 Streifzüge zu den Kelten

Kelten-DVD: Rekonstruktion eines Dürrnberger Streitwagens. © Michael Klein / 7reasons

Jenseits von Artus und Druiden taucht der Geschichtspodcast in inszenierte Keltenwelten ein: schmackhaft; lebendig; handwerklich geschickt; museumsreif oder voll digital. Auf Überraschungstour in die andere Anderswelt.

Die Thüringer Bratwurst vorweg

So viel Zeit muss sein: Als Thüringer muss ich mich freilich als Fan der Rostbratwurst outen. Und komme damit gar nicht an der E-Mail vom Arnstädter Verleger und Historiker Michael Kirchschlager vorbei. In seinem gleichnamigen Verlag ist jetzt erschienen: das „Thüringer Weihnachtsbüchlein“. Mit Geschichten rund um das Weihnachtsbrauchtum. Ja, daran darf man langsam mal wieder denken. Und mit Anekdoten und Kuriositäten wie eben der von mir kurz angerissenen Story vom „Reinheitsgebot“ für Brat- und Leberwürste der spätmittelalterlichen Fleischhauer in Weißensee. Stammt aus dem Jahr 1432, gefunden hat es der Thüringer Hobbyhistoriker Hubert Erzmann in einem Weimarer Archiv. Weißensee? Richtig, dort ist die Runneburg, samt Runneburgverein, dessen Vorstand Kirchschlager angehört. So schließt sich der Kreis – und damit geht’s nun wirklich zu den Kelten.

Verlag Michael Kirchschlager

Und noch ein kleines Vorwort

Kelten: Der ein oder andere mag da an Artussagen, Druiden, geheimnisvolle Feste und keltische Harfen denken. Wir gehen im Podcast aber nicht auf einen Esoteriktripp und lassen auch Asterix & Co. beiseite. Dafür nehmen wir Sie aber mit auf einer Art Rundreise zu keltischen Lebenswelten, die auf historischen Fakten basieren. Oder besser gesagt: Wir zeigen Projekte, Objekte und Menschen, die sich dieser Inszenierung widmen. Wenn es um die darstellende Szene (also Living history) geht, dann stellt sicher die Keltenkultur eines der meistumstrittenen Themen dar. Verklärung, modisch-religiöse Trends und Klischeebilder spielen oft in eine breite Grauzone hinein. Ich halte diese Abgrenzung für diese Sendung wichtig. Aber natürlich greifen wir sonst auch gern einschlägige Musik oder Feste auf, bei denen pure Folklore zu erleben ist. Nur eben nicht diesmal.

Krieg und Frieden: Kelten, Römer, Germanen

„Was sind wir Rheinländer? Kelten, Römer, Germanen?“ Diese Frage spricht ein Werbefilm auf der Internetseite des Rheinischen Landesmuseums Bonn an. Dort läuft noch bis 6. Januar 2008 die Ausstellung „Krieg und Frieden“. Sie zeigt die Region als einen Schmelztiegel der Kulturen. Roms Truppen, geführt von Julius Caesar, erobern in nur sieben Jahren ganz Gallien. Der Raum zwischen dem Mittelrhein und den südlichen Niederlanden rückt mit dem Gallischen Krieg in das Blickfeld der römischen, antiken Welt. Die Römer stoßen auf unterschiedlichste Völker: Treuerer, Sunucer, Eburonen, Ubier, Tenkterer und viele andere. Manche weisen keltische und andere germanische Wurzeln auf, wieder andere kennzeichnen sich durch beiderlei: keltische und germanische Einflüsse. Im Grunde kein Wunder: die keltische Zivilisation reichte von den Treverern um Trier herum bis zum Reich der Galater in der heutigen Türkei. Die Wissenschaft bietet eine Zweiteilung der Keltenepoche: die Hallstattzeit, 800 – 450 v.Chr. und Latène-Zeit, 480 – 150 v.Chr. Unter anderem in diese Zeiten hinein interpretieren die Bonner Ausstellungsmacher ihre Fundstücke, rücken den römischen Einfluss zurecht und stellen freilich auch den germanischen Part heraus. All das mündet in die eigentliche Fragestellung: Wie entwickelt sich das Leben unter römischer Herrschaft, und wie funktionierte die Romanisierung? Die Schau zieht auch einige Parallelen zur Gegenwart.

Webseite zur Ausstellung in Bonn

Futtern wie die Kelten

Im August erschienen ist das Büchlein „Keltische Kochbarkeiten“ vom Archäologen und Hobbykoch Achim Werner. Also quasi noch frisch aus dem Ofen. Achim Werner befasst schon lange mit prähistorischen Ernährungsgewohnheiten und hat dafür schon den Beinamen „5-Steine-Koch“ weg.

Was also aßen die Kelten, was hatten sie zur Verfügung – und wie lässt sich das in der modernen Küche mit Genuss umsetzen? Diesen beiden Fragen geht Werner ausgiebig auf den Grund seines Kochtopfes. Allerdings hatte Werner keine antiken Rezeptbücher zur Verfügung, auf die etwa Freunde der römischen Küche zurückgreifen können (und was Marcus Junkelmann unter anderem für sein bei Zabern verlegtes Buch „Panis militaris“ genutzt hat). Unser Autor orientiert sich bei archäologisch nachgewiesenen Pflanzen- und Tierresten. Und greift das auf, was die unterschiedlichen Regionen an Feldfrüchten oder Tierbestand hergaben.

Insgesamt 60 Rezepte hat Werner zusammengestellt. Das Menü reicht von Suppen, Broten und Salaten als leichte Vorspeise über Hauptgänge wie Gemüsegerichte und Fleisch- oder Fischmahlzeiten bis zu süßen Desserts. Eine kleine Getränkekunde beschließt den kulinarischen Rundumschlag. Jeder Beitrag mit Zutatenliste und zum Nachkochen aufbereitet.

Ja, der Autor hat experimentiert, hat sich auf Spurensuche begeben und gewisse Lücken mit Phantasie und gesundem Menschenverstand gefüllt. Und natürlich sein Talent als Hobbykoch ausgespielt. Mit experimenteller Archäologie hat die Zusammenstellung nichts zu tun, das stellt Werner klar. Realitätsnah, aber nicht zwingend authentisch, so könnte man die Rezepte auch umschreiben. Wer mag, kann diese am offenen Feuer, mit dem Holzkohlegrill oder in der Einbauküche nachkochen. Jedes Rezept hat der Autor mehrfach selbst geprüft. Tja, dann steht dem Hochgenuss mit feiner Bärlauchsuppe, Thymianbrot, Wildkräuterrührei mit Speck, keltischer Wurstpfanne oder Hähnchenschenkeln in Waldmeister-Met-Sauce ja nichts mehr im Wege. Insgesamt 96 leckere Seiten für genießbare 12,90 Euro.

Werkschau der Keltenszene

Über 2500 Jahre alt sind die Überreste, die Archäologen aus der alten keltischen Höhensiedlung Heuneburg in Baden-Württemberg ausgruben. Exakt in die Hallstattzeit führt denn auch das Freilichtmuseum. An dieser Stelle geht es uns um den Begleitband zur bereits 2006 abgehaltenen Sonderschau „Bunte Tuche und gleißendes Metall – frühe Kelten der Hallstattzeit“. Die Ausstellung ist leider vorbei, aber jetzt ist das Buch dazu im Verlag VS-Books erschienen. Der Herner Verlag genießt in der Living-history-Szene einen guten Ruf. Und nicht von ungefähr ist das Buch auch dort verlegt worden.

Das Heuneburgmuseum hat den Band herausgegeben. Bis auf dessen Leiterin, die Archäologin Sabine Hagmann, sowie den Chef des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen, Karl Banghard, kommen alle Autoren aus der Archäotechnikszene oder befassen sich seit Jahren mit den handwerklichen Aspekten der keltischen Kultur. Und sie waren die Lieferanten der wichtigsten Ausstellungsstücke auf der Heuneburg. Mit dabei unter anderem Gewebearbeiten von Sylvia Crumbach und Chris Wenzel vom Verein „Projekte zur lebendigen Geschichte“. Eines davon ist auch das Projekt Hallstatt mit Stefan Jaroschinski, der einen Großteil der Metallstücke beisteuerte. In der Szene bekannt ist er vor allem mit seinen Repliken hallstattzeitlicher Waffen und Ausrüstungsgegenstände. Für alle Beteiligten gilt: Sorgfältige Recherche und daran anschließende Rekonstruktionen brachten Stücke hervor, die einen buchstäblich lebendigen und farbenfrohen Eindruck der frühen Keltenzeit liefern.

Konsequent also, wenn auch diese Akteure ihre Vorgehensweisen selbst beschreiben. Das Buch ist damit gewissermaßen ein gut zu lesender historischer Exkurs und eine Art Werkschau der modernen Living-history-Szene in Sachen Kelten gleichermaßen. Auf 128 Seiten, im Zusammenspiel mit detailreichen Fotos, gibt es das: Den knappen wissenschaftlich-historischen Überblick über die keltischen Kulturen, die Abgrenzung zu eher folkloristischen Überlieferungen und Geschichtsbildern und schließlich die ganz pragmatische Einordnung von Fundstücken und deren Repliken in das keltische Alltagsleben. Von Grablegen und Kleidung als gesellschaftliches Spiegelbild ist da die Rede. Von Schmuckstücken und Webtechniken, von Wehr und Waffen bis hin zu den Erläuterungen, wie aus Funden realitätsnahe Repliken geschaffen werden. Davon bieten die im Buch versammelten Aufsätze einiges. „Seriöse Living history“, schreibt der Wissenschaftler Banghard in seinem Beitrag, müsse „fundiert und selbstkritisch“ betrieben werden. Quellenarbeit, Diskussion und Interpretation von Funden muss also zu einem stimmigen Ganzen wachsen. Das Ergebnis steht immer auf dem Prüfstand – und genau das wollen auch die hier versammelten Autoren nicht anders verstanden wissen. Neue Erkenntnisse werfen manchmal komplette Rekonstruktionen wieder über den Haufen. Ob das mit einem der im Buch vorgestellten Stücke passiert, sei einmal dahingestellt: Im Augenblick ist die dort präsentierte Keltendarstellung auf der Höhe der Zeit. Das Ganze gibt es für 19,80 Euro bei VS-Books.

Digitale Keltenwelt

Von der Salzburger Medienagentur 7reasons kommt die DVD „Kelten – Dürrnberg/Hallein“. Insgesamt 50 Minuten Film, Hintergrundtexte und gut 300 Bilder in einer extra Datenbank sind auf der Scheibe versammelt. Die DVD ist in Zusammenarbeit mit dem Keltenmuseum Hallein entstanden. Herzstück sind 3D-Animationen zu dem, was der Besucher im Museum zu sehen bekommt: Eine per Computer wieder erstandende Keltensiedlung auf dem Hochtal des Dürrnberg bei Hallein. Vor 2500 Jahren erlebte der Ort eine Blütezeit, die er seinen Salzlagerstätten verdankt. Und in seiner Bedeutung den Fundstätten von Hallstatt in nichts nachstand.

Salzgewinnung, die Kunst der keltischen Wagenbauer und Eisenschmiede und das Alltagsleben werden im Keltenmuseum präsentiert. Mit der DVD von den Pixelexperten von 7reasons wird die Geschichte auch vom heimischen Sessel aus zum Genuss. Mit gut einem Dutzend Filmsequenzen lässt sich am PC, auf dem Mac oder ganz schlicht am DVD-Spieler die Jahrmillionen dauernde Entwicklung der Salzlagerstätten, der Einsatz von technisch hoch entwickelten Kriegswagen oder eine Rundreise durch das Museum verfolgen. Rekonstruktionen des Fürstengrabs, der berühmten Schnabelkanne vom Dürrnberg sowie von Schmuck und Textilien vervollständigen das Bild. Die digitalen Bilderwelten sind flüssig umgesetzt und mit gefälliger Hintergrundmusik sowie sparsamen, aber verständlichen Kommentaren gewürzt. Auch das ist eine fantasievolle, aber stimmige Art der Geschichtsinszenierung. Systemvoraussetzungen: Windows XP, 512 MB Arbeitsspeicher und eine 64 MB Grafikkarte. Die Scheibe gibt’s mit einer Preisempfehlung von 19,90 Euro.

Keltisches Kaleidoskop

Unsere Kelten-Episode schließen wir mit einigen Surftipps ab. Mit Empfehlungen aus der Museumslandschaft und der Living-history-Szene. Beginnen wir mit Hallstatt in Oberösterreich. Von der Bronzezeit bis in die frühe Keltenzeit der Hallstattkultur reicht die Periode der Salzgewinnung. Regelrechte „Salzfürsten“ haben die Siedlung zu hoher Blüte gebracht. Prähistorische, keltische und römische Funde zeigt das Hallstatt-Museum in seinen 2002 frisch sanierten Räumen.

Das Keltenmuseum Hochdorf liegt in Baden-Württemberg. Im Zentrum der Dauerausstellung steht ein keltisches Fürstengrab aus der Zeit um 540 v.Chr. Nach Bayern führt das Keltendorf Gabreta in Lichtenau. Das Passauer Berufliche Fortbildungszentrum (bfz) ließ dort mit überlieferten Handwerksmethoden sechs Häuser nachbauen und spürt so der antiken Geschichte des bayerisch-böhmischen Grenzgebiets nach. Im Archäologiepark im österreichischen Schwarzenbach entsteht nach und nach eine keltische Siedlung, ein Oppidum. Mehr zu diesem Projekt, und dem dazugehörigen jährlichen Keltenfestival, haben wir bereits im Geschichtspodcast 12 berichtet.

1999 gründeten Archäologen und interessierte Laien in Tübingen die Keltengruppe „Carnyx“. Benannt nach dem Carnyx, der keltischen Kriegstrompete, kümmert sich die Gruppe um die Darstellung keltischen Alltags vom 3. bis zum 1. vorchristlichen Jahrhundert. Das 5. Jahrhundert v.Chr., und damit der Übergang von Hallstattkultur zur Latènezeit, ist die Epoche der Gruppe „Hassia Celtica“. Sie widmet sich ganz besonders den regionalen Bedingungen im hessischen Wetterau. Nicht ohne Grund: Auch dort ist mit dem Grab des „Glaubergfürsten“ ein wichtiger Fund gemacht wurden. Passend dazu gibt es auch dort übrigens einen Archäologischen Park.

Die „Taranis-Kelten“ haben sich gleich auf die frühe Laténzeit eingelassen. Nach eigenen Bekunden betreiben sie Reenactment aus der Zeit um 470 bis 370 v.Chr. Wie für die anderen gilt auch hier: Handwerkliche Arbeiten stehen im Vordergrund der Projektarbeit. Auch „Taranis“, die sich keltische Funde aus dem Saarland zum Vorbild nehmen, bespielen seit ihrer Gründung 2002 passende Museumsveranstaltungen. Aus Bayern kommt der Verein „Kelten und Römer – Geschichte zum Anfassen“. Seit 2000 ist die Gruppe in der Szene dabei. Auch sie hat sich einen bewegenden Moment der Geschichte herausgepickt: Vom 2. vorchristlichen Jahrhundert bis zum 5. Jahrhundert n.Chr. reicht die Spanne, um die sich der Verein kümmert. Vor allem die mittlere und späte Kaiserzeit hat es der Truppe angetan. In jener Zeit prallte nördlich des Chiemsees römische, keltische und germanische Kultur aufeinander – in friedlicher wie militärischer Weise.

Und noch ein kurzer Blick nach Österreich und in die Schweiz: Aus Letzterer stammt die Keltengruppe „Nantaror“. Die Gruppe bemüht sich um die Helvetier aus der Zeit um 250 v.Chr. Noch einmal nach Dürrnberg führen die Projekte vom „Stamm Alauni“. Praktisch direkt neben den keltischen Salzbergwerken und den Resten der alten Siedlungen agiert die Gruppe seit zwei Jahren. Auch sie betreibt Reenactment im Stil der Latèneperiode.

Artikel aus der Rubrik „Geschichtspodcast“

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3 Kommentare

  1. Hi,
    ich finde, ihr habt wieder mal eine super Podcast erstellt. Trotz der Versprecher. ;o)
    Schöne Grüße, Simon

    15. November 2007, 19:11 Uhr • Melden?
    von Simon
    1
  2. Besten Dank fürs Lob, Simon! Das tut doch auch mal gut. Und: wer möchte denn immer nur aalglatte Stimmen hören… :-)

    15. November 2007, 22:11 Uhr • Melden?
  3. Hallo,

    nachdem ich iPod-technisch jetzt wieder gerüstet bin wollte ich Euch einfach mal sagen daß Ihr einen Superpodcast habt. Zutiefst bedauere ich was man uns im Geschichtsunterricht angetan hat. “Wer?” “Wann?” aber nicht “warum?” und “wie?” das waren die Fragen. Da hebt sich Euer Podcast wohltuend ab und spät, aber nicht zu spät beginnt man einiges zu begreifen. Wie dem auch sei, danke nochmals aus der ältesten Stadt des russischen Reiches, Kiew.

    Werner

    P.S. ist noch sehr viel Platz auf meinem iPod für neue Podcasts von Euch

    23. November 2007, 23:11 Uhr • Melden?
    von Werner
    3

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