Geschichtspodcast 22 Geheimnis antiker Winzer

Wintricher und Bitburger Römerdarsteller wuchten die Amphoren auf das Schiff. © Marcel Schwarzenberger

Unsere Themen: Mit der Römergruppe Vigilia Romana Vindriacum auf der Mosel. Das Internetmagazin „Huscarl“ gewährt Einblicke in Österreichs Mittelalterszene. Und: Das alte Europa neu gesehen.

Das Experiment mit den Amphoren

Auf der Mosel, irgendwo zwischen Wintrich und Neumagen. Es ist Ende Mai, und unter mir schaukelt ein Schiff, dessen Bau an römische Transportschiffe erinnern soll. Die „Stella Noviomagi“, also der Stern von Neumagen, ist einer Abbildung auf dem Grabmal eines römischen Weinhändlers aus dem 3. Jahrhundert nachempfunden. An diesem Maitag also ist das Boot zwischen zwei Weinorten unterwegs und darf getrost als eine Fähre zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelten. Das Ziel ist nicht nur Deutschlands angeblich ältester Weinort. Auf dem Schiff selbst erlebt ein Experiment seinen Höhepunkt, das ein Stück antiker Weinkultur zu neuem Leben erwecken soll. Im Zentrum des Geschehens steht der Wintricher Römerverein Vigilia Romana Vindriacum. Und ihr Projekt „Römer, Wein & Amphoren“.

An Bord des Schiffes sind: Legionäre, römische Bürger mit ihren Frauen, ein Weinhändler und drei Amphoren. Diese sind originalgetreue Nachbauten der fast mannshohen Tonbehälter aus dem nahe gelegenen Archäologiepark Belginum. Für Archäologiefans: Es handelt sich um den sogenannten Typ Dressel 1, eine bis ins 2. Jahrhundert hinein weit verbreitete Amphorenform. In diese Repliken hinein gaben die Wintricher im April dieses Jahres je rund 26 Liter Weißwein. Danach lagerten die befüllten Stücke im Keller des Wintricher Winzers Roman Auler vom Romanushof. Bis zu diesem Morgen im Mai.

Wintricher wagen neuen Anlauf

An dieser Stelle ein kurzer Rückblick ins Jahr 2007: chronico-Leser wissen, dass die Wintricher schon damals ein ähnliches Experiment starteten. Die Gruppe tritt zwar seit Jahren auch mit militärischen Darstellungen in Archäo-Parks wie Xanten in Deutschland oder Carnuntum in Österreich auf. Aber seit jeher widmet sie sich auch dem zivilen Alltag der römischen Zeit. Und weil Wintrich, nahe Trier gelegen, mitten in einem historischen Weinanbaugebiet zu verorten ist, lag das Thema Wein schlicht auf der Hand. Die Gruppe will mit dem Weinfachmann Auler sowie einem Archäologen der befreundeten Römergruppe Milites Bedenses aus Bitburg und eben mit dem Museum Belginum herausfinden, wie die Römer ihren Wein tatsächlich lagerten und transportierten. Der erste Versuch im vorigen Jahr endete mit einem Rückschlag. Die unglasierten Amphoren verloren einen Großteil ihres Inhalts. Und was vom Wein noch übrig war, schmeckte nach Essig.

Der neue Anlauf also soll ein schmackhafteres Ergebnis haben. Die Wintricher finanzierten den Nachbau einer dritten Amphore, um eine Vergleichsanordnung schaffen zu können. Archäologe Achim Schröder von den Bitburgern umschreibt es so: „Wir wollten eine Experimentieranordnung, um überprüfbar zu bleiben.“ Allerdings war der Truppe eines klar: „Wir liefern keinen wissenschaftlichen Nachweis. Was wir sagen ist: So könnte es gewesen sein“, betont Schröder. Die Fundlage schreibt den Wintrichern vor, unglasierte Amphoren zu nehmen. Und für das Problem, in diesen porösen Behältern den Wein wochenlang nicht nur zu erhalten, sondern ihn auch genießbar zu behalten, brauchte es einfache Lösungen, findet der Archäologe. Bislang hat das noch keiner versucht, die Wintricher aber glauben, nun eine Möglichkeit gefunden zu haben.

Alles Essig, oder was?

Was genau nun anders ist, erklärt mir am Morgen Winzer Auler. Er experimentierte lange mit kleinen Modellamphoren. Und verfiel dann auf eine Idee, die ebenfalls archäologischen Funden entspricht. Er rührte eine Tonschlämme an und kleidete zwei der Amphoren damit aus. Zusätzlich bekamen diese Behälter noch eine Art Schürze aus Stroh verpasst – als Verdunstungsschutz und zur Schonung beim Transport. Die dritte Amphore blieb ohne Tönschlämmung und Umhüllung.

Bevor nun also der komplette Römerverein mit Gästen und jede Menge Publikum die Amphoren quer durch den Ort zur Mosel trug, untersuchte Auler die drei Stücke. Die Verluste waren schon mal ein erster Erfolg. Keine Amphore verlor mehr als beim ersten Experiment im Vorjahr. Fünf Liter Schwund berechnete Auler für die ungeschlämmte Amphore, eine verlor 1,7 Liter, die dritte schließlich nur rund 0,3 Liter. Auch der Geruch im Weinkeller ließ das Beste erhoffen – nichts da von intensivem Essigduft, der beim ersten Mal für lange Gesichter sorgte.

Die Probe aufs Exempel

Zurück zum Schiff. Während wir gemächlich über die Mosel nach Neumagen schippern – übrigens nicht von Ruderern, sondern von starken Dieselmotoren angetrieben, was einer von vielen neuzeitlichen Kompromissen des Nachbaus ist – versammeln sich die „Römer“ um den Archäologen Schröder. Auch er ist natürlich in römischer Manier gekleidet. Mit der Replik eines antiken Messers durchsticht Schröder eine Bienenwachsschicht nach der anderen, die die Amphoren verschließen.

Nummer Eins ist die Überraschung des Tages: Es ist die ungeschlämmte Amphore, jene mit den größten Verlusten. Der Wein ist süffig, klar und eindeutig genießbar. Nummer Zwei ist jene mit den zweitgrößtem Schwund. Auch diese Probe geht runter wie Öl, und erscheint meinem laienhaften Weingeschmack noch etwas gehaltvoller als der Erste. Mein absoluter Favorit jedoch ist Nummer Drei: Ein runder, aber unaufdringlicher Geschmack, der sogar die leicht bittere Note des Originalweins vergessen lässt. Ich blicke zu Winzer Roman Auler. Auch er hebt den Daumen und ist ganz eindeutig zufrieden.

Richtig, Nummer Eins hätte doch eigentlich umkippen müssen, es war die gleiche Versuchsanordnung wie im Vorjahr. Ich frage verwirrt den Weinfachmann. „Die Anordnung war nicht ganz die gleiche“, sagt er. Im Vorjahr hatten die Wintricher die Behälter vor dem Befüllen noch gewässert. Genau das habe aber verheerende Auswirkung auf die Dichtigkeit gehabt. Darauf habe man diesmal verzichtet. Die Amphore verlor weniger Wein und ließ den Inhalt auch nicht in Richtung Essig umkippen. Im Grunde weiß der Verein schon jetzt, dass er seine Versuche fortsetzen muss. Auler hat schon eine Idee für neue Amphoren – auch diese soll nach Funden belegbar sein. „Es gibt viele Scherben mit Harzspuren“, sagt er. Das Harz habe sich aber nicht als Bodensatz an die Tonwand abgesetzt, meint er. „Es ist vielmehr dem Ton vor dem Brennen beigemischt worden.“ Genau das will er beim nächsten Mal versuchen. Auch die Strohschürzen sollen auf den Prüfstand.

Römerlager in Neumagen

Ein Ergebnis der Experimente könnte einst eine Dokumentation der Versuchsreihe sein, sowie die Erkenntnis, welche Techniken der antike Weinhändler hätte anwenden können. Und die Wintricher planen auch den Bau einer mobilen Weintaverne für ihre Auftritte. Gründe genug also, um sich auch Zuschüsse von öffentlicher Hand zu erhoffen. Der heutige pompöse Auftritt, samt Neumagener Römerweinschiff und Aufmarsch, hat denn auch Werbezwecke, erzählt mir der Wintricher Vereinschef Wolfgang Friedrich.

Der Neumagener Förderverein Weinschiff stellte die „Stella Noviomagi“ zur Verfügung. Der Transport der Amphoren geschieht in passender Atmosphäre, Wintricher und Bitburger zaubern gemeinsam eine appetitliche Auswahl an römischen Speisen für die Passagiere. Und in Neumagen schließlich baute man ein kleines Lager auf. Mit Kapelle und einem Ehrenplatz für die Amphoren, deren Inhalt auch von den Besuchern getestet wurde.

In Neumagen lerne ich dann noch eine dritte Römergruppe kennen, die Interessengemeinschaft Noviomagus. Acht Mann, die beim Einlaufen des Weinschiffs in voller Montur als römische Soldaten aus der Zeit Konstantins des Großen Parade standen. René Ziltz ist einer von ihnen. Und er hat für das Outfit eine passende und vor allem lokale Erklärung parat: „Konstantin hatte schließlich hier in Neumagen ein Kastell errichten lassen.“ Eines von einer ganzen Reihe an Wehranlagen rund um die alte Residenzstadt Trier. Es lag also nahe, die langen Schwerter, runden Schilde und bunten Speere des frühen 4. Jahrhunderts nachzubauen. Für René Ziltz ist die „Römerei“ übrigens nur eine von mehreren Epochen, für die er sich interessiert. Auch das Spätmittelalter und das Preußen des 18. Jahrhunderts haben es ihm angetan. Und immer gilt: Die Kleidung muss so authentisch wie möglich nachempfunden sein. Ein Anspruch, der sich auch mit dem der Wintricher und Bitburger deckt. Und so erleben die Besucher ein Nebeneinander von frühkaiserzeitlichen und spätantiken Darstellungen auf hohem Niveau. Dieser Tag ist den Wintrichern gründlich gelungen und er macht Appetit auf mehr.

Huscarl.at beleuchtet Österreichs Mittelalter

Einjähriges für ein österreichisches Szenemagazin: Seit Mai 2007 gibt der Linzer Florian Machl „Huscarl“ heraus, ein Magazin für die Mittelalterszene im Alpenland. Im Podcast gibt es das Interview mit dem Gründer. Wir sprechen über Österreichs Darstellerszene, und darüber, wie auch dort seit einigen Jahren ein Boom historischer und historisierender Veranstaltungen zu verzeichnen ist.

Der Name „Huscarl“ verweist zum einen auf frühmittelalterliche Profikrieger. Zum anderen trägt ein in der Szene verbreiteter Freikampfstil diesen Namen. Machl selbst war einst Mitglied eines Mittelaltervereins und war oft mit der Kamera bei historischen Veranstaltungen unterwegs. Das sind einige Wurzeln des Magazins – in dem Leser übrigens kostenfrei recherchieren können. Das Medium bietet kritische Berichterstattung und stellt Musiker und Darstellergruppen vor. Und im Fokus stehen zuweilen auch alarmierende Entwicklungen: Florian Machl berichtet unter anderem über lasche Sicherheitsvorkehrungen bei Veranstaltern, die während einer nachgestellten Kampfszene in einer Katastrophe mündeten. Auch dazu mehr im Interview.

Das alte Europa neu entdecken

Zum Schluss dieser Episode haben wir noch ein etymologischen Leckerbissen. Im Lübecker Kleinverlag Kalimedia sind jetzt ganz frisch zwei Karten erschienen. Im Grunde geht es darin um Europa zum einen und um die Welt in der anderen Karte. Prima, und was ist darin besonders? Auf dem ersten Blick sind dies zwei ganz gewöhnliche Faltpläne im Hosentaschenformat. Das Kuriose offenbart sich beim genaueren Hinschauen.

Blicken wir einmal auf Europa. Wir sehen: kein Berlin, kein Paris, keine Alpen, keine iberische Halbinsel. Jedenfalls nicht den uns geläufigen Namen nach. Sie sehen so aus, aber sie heißen anders. Ich darf an dieser Stelle mal meine gute alte Heimatstadt Erfurt in Thüringen hernehmen und kurz demonstrieren, was die Herausgeber Stephan Hormes und Silke Peust da eigentlich gemacht haben. Erfurt, erstmals 742 vom Missionar Bonifatius erwähnt. Diese Stadt nun liegt an den alten Furten der Gera. Womit die Furt im Stadtnamen erklärt wäre. Das Präfix indes, so meinen die Historiker, kommt vom althochdeutschen Namen der Gera, der in etwa Erph, Erphesa oder Erpha lautete. Gemeinsam ist diesen Begriffen ihr moderne Entsprechung im heutigen Deutsch: braunes oder dunkles Wasser. Das Mit der Furt in Verbindung gebracht ergibt den Namen „Dunkelfurt“. Und genau das ist der Name, den der „Atlas der wahren Namen“, so heißt das Kartenwerk, meiner Stadt Erfurt verpasst.

Die Autoren gehen also strikt der gesicherten oder zumindest wahrscheinlichen Herkunft jedes einzelnen Ortsnamens nach. Sie machen nicht vor Bergen, Flüssen und Ozeanen halt. Und ist die sprachliche Bedeutung jedes geografischen Begriffes einmal geklärt, übersetzen ihn die Autoren strikt ins Deutsche. Das französische Troyes etwa heißt in der Europa-Karte „Dreizöpf“. Das soll auf die Übersetzung des Namens eines gallischen Stammes zurückzuführen sein. Die Tricasser, als jene Menschen mit den drei Zöpfen, lebten einst in römischer Zeit in der Gegend um Troyes.

Man mag manchmal an der Richtigkeit der Übersetzung zweifeln, aber meist trifft sie doch einen wahren Kern. Freilich bleiben viele Namen auf der Strecke – die Karten bieten nur einen mäßigen Maßstab. Der „Atlas der wahren Namen“ ist nicht unbedingt auf Praxis ausgelegt. Die Überlegung lohnt sich auch, ob man nicht besser tatsächlich einen üppigen Atlas mit detailliertem Anhang hätte verfassen können. Und leider bieten die Rückseiten zwar Register mit den uns geläufigen Klarnamen, aber leider keinen Verweis auf die exakten Punkte auf der Karte. Geschenkt. Die beiden Karten versprühen einen gewissen Charme, verweisen auf historisch gewachsene Ortsbezeichnungen und nicht von ungefähr spielen die Autoren auch auf die legendären Karten aus „Der Herr der Ringe“ an. An was würden Sie bei Namen denken, die in dem Atlas so klingen: Land der zehn Stämme, Weltenstrom am Berg der Berge, Stadt der Bootsleute oder dem Land der kleinen Quellen?

Atlas der Wahren Namen, Faltkarte 40 × 55 cm mit Index und Bibliographie; Kalimedia Verlag, 2008

  • Europa: 6 Euro, ISBN 978-3-9810301-4-3
  • Welt: 6 Euro, ISBN 978-3-9810301-5-0

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1 Kommentare

  1. Konnte gerade noch eine sehr schöne Herbstfahrt am Rhein entlang genießen. Jetzt ist der Wein langsam reif und das Laub rot. Sehr zu empfehlen.

    19. Oktober 2008, 17:10 Uhr • Melden?
    von Tom
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