Tilleda Eine Kaiserpfalz wird neu belebt

Rom im Jahr 972. Die byzantinische Prinzessin Theophano wird mit Otto II. - schon zu Lebzeiten seines Vaters Otto I. Mitregent und -kaiser - verheiratet. Die prächtige Hochzeitsurkunde verzeichnet unter anderem die Morgengabe für die Kaiserin. Darunter befindet sich ein "kaiserlicher Hof" zu Tilleda, eine Königspfalz. Wenig ist von der einstmals blühenden Pfalz im heutigen Sachsen-Anhalt, direkt an der Grenze zu Thüringen gelegen, übrig geblieben. Dennoch zählt sie zu den Kostbarkeiten der mittelalterlichen Archäologie: Die Kaiserpfalz zu Tilleda ist bundesweit die einzige vollständig ausgegrabene Pfalzburg.

Eine Residenz für wanderlustige Monarchen

Das Wort “Pfalz” kommt aus dem Lateinischen. “Palatium” bezeichnete nicht nur den Palast, sondern im fränkischen Frühmittelalter auch den typischen Herrschersitz. Von den Franken übernahmen die deutschen Könige und Kaiser die Angewohnheit, mit dem gesamten Hofstaat im Reich umherzuziehen. Die Pfalz diente jeweils als Aufenthalts- und Regierungsort zugleich. Eine feste Residenz kannte das so genannte Reisekönigtum nicht.

Strategisch günstig verteilte Herrschersitze sollten dem Monarchen einen festen Zugriff auf das politische Leben seines Reiches erlauben. Entsprechend gut ausgestattet mit Ländereien, Handwerkern und Kriegern musste eine Pfalz zur Versorgung und Schutz des königlichen Hofes sein.

Malerisch ist das Plateau vor der Kulisse des (bereits thüringischen) Kyffhäuser gelegen. Obwohl erst im 9. Jh. erstmals urkundlich erwähnt, ist der Berg schon seit der späten Bronzezeit besiedelt. Die Burganlage ist typischer Ausdruck des ottonischen Machtanspruchs. Waren die Pfalzen der Karolinger noch sehr repräsentativ angelegt und folgten antiken Vorbildern, so zeigte Tilleda bereits einen starken Wehrcharakter. Aber noch im 11. Jh. verliert Tilleda seine militärische Bedeutung. Zwar wird das königliche Tafelgut auf dem Berg weiter betrieben und wirtschaftlich ausgebaut, doch strategisch werden die neuen Burgen auf dem benachbarten Kyffhäuser wichtiger.

Zumindest zwei staufische Kaiser haben auf der Pfalzburg Station gemacht: Friedrich I. Barbarossa sammelte hier vermutlich Teile eines Heeres, mit der 1174 gegen die oberitalienische Stadt Alessandria zog. Und sein Sohn Heinrich VI. zelebrierte 1194 auf dem großartigen Burgberg die Versöhnung mit dem rebellischen Welfenherzog Heinrich der Löwe. Danach erwähnen die Urkunden die Pfalz nicht mehr. Sie versinkt nun auch in wirtschaftliche Unbedeutung und wird irgendwann aufgegeben. Seither wird das Plateau landwirtschaftlich genutzt. Erst 1871 werden kümmerliche Gebäudereste als Überbleibsel der Pfalz gedeutet.

Geschichte der Rekonstruktion

Schon in den dreißiger Jahren des 20. Jhs. werden erste Ausgrabungen vorgenommen. Doch erst ab 1958 erfolgt dies im großen Stil. Bis 1979 ist die Pfalzanlage, bis auf wenige Kontrollflächen, vollständig ausgegraben. Die Idee, hier ein Freilichtmuseum zu errichten, kam sehr früh auf. Erste Rekonstruktionsversuche zeigen vor allem die einfachen Häuser der Bediensteten und Wirtschaftshäuser. Wallaufschüttungen machen die Aufteilung in Ober- und Unterburg deutlich.

Seit einigen Jahren führt der Archäologe Michael Dapper das Ruder auf dem Berg. Eines der wichtigsten Ziele ist die Errichtung eines Rundwegs durch die Pfalz, die den Alltag verdeutlichen soll. Bereits jetzt bieten Projekte wie die Rekonstruktion der Toreinfahrt sowie Teile der ursprünglichen Befestigung einen guten Einblick. Ein Stück Holzpalisade mit davor aufgestellten Hindernissen (spanische Reiter) demonstrieren die Wehrhaftigkeit der Hauptburg.

In der Hauptburg werden zurzeit mit einfachsten Mitteln die repräsentativen Steingebäude teilweise rekonstruiert. “Wir arbeiten gerade an der Kirche”, berichtet Archäologe Dapper. Die alten Fundamente werden dabei versiegelt und deutlich von den neuen Aufbauten getrennt. Nicht der komplette Wiederaufbau der Gebäude ist das Ziel, sondern Steinschichten von gut einem Meter Höhe. “Mehr wäre viel zu spekulativ”, meint Dapper. Das Budget würde solche Experimente auch gar nicht finanzieren. Immerzu stößt der fränkische Wissenschaftler an Grenzen. Zwar unterstützen Tilleda und das Land das Freilichtmuseum. Aber das reicht längst nicht für großspurige Pläne. Überspitzt gesagt, müsse er mit einem Budget arbeiten, das besser gestellte Museen nur für ihre Beleuchtung ausgeben, meint Dapper.

Wie geht es weiter?

Doch so ungewiss die finanzielle Zukunft auch ist: “Wir werden diesen Platz beleben und auch ein gewisses Feeling rüberbringen”, verspricht Dapper. Seit einigen Jahren hat er sich dafür mit Machern der Mittelalterszene zusammengetan. Im Freien Ritterbund Thüringen ist er selbst Mitglied. Und so bietet er “seine” Pfalz regelmäßig für mittelalterliche Spektakel an. “Heerlager gab es damals schließlich auch auf dem Berg”, meint der rührige Archäologe. Wenn nun die Thüringer ihre Zelte aufschlagen, käme dies der Atmosphäre recht nahe. Irgendwo mussten auch die Krieger gelagert haben, wenn der Kaiser da war, so seine Devise. Er selbst schlüpft mit sichtlichem Vergnügen in Panzerhemd und Gambeson. Mit einigen Mitstreitern konstruierte er gar eine mobile Blide, die er probehalber auch mal mit Mehlsäckchen bestückt und publikumswirksam “abfeuert”.

“Mit rein musealer Ausrichtung können wir keinen Blumentopf gewinnen”, weiß Dapper. Lebendig soll die Geschichtsvermittlung sein, nur so lasse sich schließlich auch finanzkräftiges Publikum auf den Berg locken. Denn mit dem Kyffhäuserdenkmal und der Barbarossa-Höhle in hat er zwar einen guten Magneten in der Nähe. Doch die Reisebusse, einmal dort oben angekommen, finden selten den Weg auch nach Tilleda. Zu wenig bekannt ist all das noch. Werbebudget? Dapper winkt ab, gibt es fast nicht. Auch für die noch anstehenden Rekonstruktionsarbeiten muss er sich anders behelfen.

Bisher stehen ihm vor allem ABM-Kräfte zur Verfügung. Nicht gerade die Idealvoraussetzung für originalgetreues Arbeiten. Nun sucht er Unterstützung aus de Mittelalterszene. “Warum nicht hier lagern und gleichzeitig an historischen Projekten arbeiten?”, wirbt er für eine Idee. Irgendwie, da ist er sich ganz sicher, wird er das schon auf die Reihe kriegen.

Öffnungszeiten

Von März bis November jeden Tag; jeweils 10-16 Uhr; April bis Oktober, jeweils 10-18 Uhr.

Angebote

Führungen für Gruppen nach Anmeldung inklusive einer Geschichts-Rallye, Archäologie für Schüler, Kurse in mittelalterlicher Architektur, Musik, Ernährung oder Handwerk.

Kontakt

Freilichtmuseum Königspfalz, Telefon (03 46 51) 29 23; eMail pfalztilleda@ottonenzeit.de

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1 Kommentare

  1. habe bei zwingeüberbau mitgewirkt (kranfahrer) würde gern bild sehen P.S.war schon dunkel bei fertigstellung

    08. Februar 2009, 21:02 Uhr • Melden?
    von koch,georg
    1

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