Kaiser Eine Idee verliert langsam an Kraft

Rom, Weihnachten 800: Papst Leo III. setzt dem Frankenkönig Karl, dem man später den Beinamen "der Große" geben wird, die Kaiserkrone auf. Ein unerhörter Vorgang, so empfinden es viele Zeitgenossen - vor allem in Byzanz, das seit Jahrhunderten den einzig wahren Kaiser stellte. Ein Erbe, das die Byzantiner direkt von den letzten weströmischen Regenten übernommen hatten. Beide Linien berufen sich von nun darauf, ein „römisches“ Kaisertum zu sein. Doch nur das westeuropäische hat Bestand.

Das Abendland betrachtete indes die Byzantiner nicht mehr als die Stütze für Reich und Kirche. Unterschiedliche Glaubenssätze beginnen die beiden großen Kirchen zu trennen. Und an den Grenzen von Byzanz dringen die muslimischen Araber immer weiter vor. Die Karolinger dagegen haben erst kurz zuvor ihre Stärke im Kampf gegen die Moslems bewiesen, die über die Pyrenäen in ihr Reich hinabgestiegen waren. Es wurde also argumentiert, das römische Kaisertum sei auf König Karl übertragen worden. Und „römisch“ musste sie sein, die Herrschaft des Schützers von Reich und Kirche. Denn es war eine grundlegende mittelalterliche Überzeugung, dass das römische Kaiserreich das letzte in einer festgelegten Abfolge von weltgeschichtlichen Reichen sei. So schrieben die Kirchenväter. Danach komme nur noch das Jüngste Gericht.
Verbunden mit diesem Glauben lässt sich die Bedeutung des Kaisertums erklären. Der Titel leitet sich von „Caesar“, dem Namen des Diktators Gaius Julius Cäsar (100-44 v.Chr.) ab, der in der römischen Republik die Alleinherrschaft etablierte. Die Imperatoren nach ihm pflegten diesen Beinamen als Titel zu führen. Und als Kaiser oder Zar ist er bis heute überliefert. Das Machtgefüge, das die Römer errichteten, war durch deren straffes Verwaltungssystem so stark, dass es in Teilen den Zusammenbruch des Reiches überlebte. Die provinziellen Verwaltungen wurden von den germanischen Stammesführern übernommen. Als Erben der Kaiser sahen sich schon die frühen Könige der Völkerwanderungszeit, um ihren Anspruch zu legitimieren. Doch den Titel selbst wagte erst Karl der Große zu führen. Und dies gelang ihm nur durch eine sakrale Ausstattung des Kaisertums, durch eine enge Bindung an den römischen Bischof – den Papst.
Diese Beziehung wurde nach dem Aussterben der Karolinger durch das sächsische Königshaus der Ottonen erneuert. Auch König Otto I. wurde vom Papst gesalbt, und damit zum Kaiser geweiht (962). Im Vatikan wurde daher die These, der Papst sei der Stifter des westlichen Kaisertums, und könne damit allein dieses Amt vergeben, zum Dogma. Papst Innozenz III. (1198-1216) erhob diesen Anspruch als Dauerrecht, was erst durch das Reichsgesetz der Goldenen Bulle (1356) widerlegt wurde, wonach die Königswahl den Kurfürsten oblag.
Der Kaiser als weltliches Oberhaupt aller Christen – und der Papst als Verbindung zu Gott steht über ihm. Seit Otto I. waren die deutschen König für rund tausend Jahre qua Amt zum Anwärter auf den Kaisertitel. Aus diesem Anspruch heraus wurde seit dem Spätmittelalter nur noch vom „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ gesprochen. Als „Verteidiger der Kirche“ (advocatus ecclaesiae) hatte der Kaiser über das Wohlergehen des Christentums und die Integrität des Papstes zu wachen. Daraus wiederum leiteten die Monarchen das Recht ab, sich um die Besetzung des Thrones Petri zu kümmern. Bezeichnend war dafür die Handlung von König Heinrich III., der im Jahr 1046 gleich drei konkurrierende Päpste ab- und einen Mann seiner Wahl einsetzte.
Doch schon mit den Staufern, auch wenn diese noch einmal ein kraftvolles Schauspiel lieferten, ließ die Machtfülle und das Ansehen des Kaisers nach. Engländer und Franzosen wehrten sich nach Kräften gegen eine Oberherrschaft der deutschen Monarchen. Außer Gott wollte keines der gekrönten Häupter jemanden über sich wissen. Das Kaisertum höhlte langsam aus. Mit der Entstehung souveräner und selbstbewusster Nationalstaaten war die Idee eines übergreifenden Kaisertums überholt. Mit Sicherheit hatte auch die politische Zerrissenheit des Deutschen Reiches – zwischen Kernlanden, den italienischen Besitzungen und der Schutzherrschaft über den Kirchenstaat – zu der Demontage beigetragen. Das deutsche Königtum selbst wurde immer schwächer. Indessen – das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ bestand bis 1806 fort, bis die französischen Truppen Napoleons die Macht in Europa neu ordneten, und Napoleon sich selbst zum Kaiser krönte.

Quellen:
Wilhelm Volkert; Adel bis Zunft, Ein Lexikon des Mittelalters; C.H.Beck; München; 1991;
Horst Fuhrmann; Einladung ins Mittelalter; C.H.Beck; München; 2000

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