Ketzer Die Kirche im Krieg gegen Abtrünnige

Der Mailänder Bischof Aribert von Intimiano (um 975-1045) war entsetzt, als er auf einer Reise durch seine Diözese auf der Burg Monforte ankam. Von der Gräfin bis zum letzten Stallburschen saßen hier die Bewohner gemeinsam zu Tische, teilten brüderlich miteinander – und legten in ganz eigenem Sinne die Bibel aus, die sie zusammen studierten. Askese und urchristliche Lebensweise traf in dieser Gemeinde aufeinander und verschmolz zu einer Art Gegenbewegung zur amtierenden katholischen Kirche und ihren Dogmen. „Abtrünnige, Ketzer“, nannte der Bischof sie, und ließ die kleine Gemeinde in Ketten abführen. Während einige zum katholischen Glauben zurückkehrten gingen die meisten den Weg zum Scheiterhaufen.

Ketzer hat es zu jeder Zeit und in jeder Religion gegeben. Auch das Christentum mit seinen teils starren Dogmen, mit denen die Kirchenführer ein enges Glaubenssystem errichteten, kennt eine lange Geschichte ketzerischer Bewegungen. Das Wort leitet sich vom griechischen „haeretikos“ (ketzerisch) her. Ein Häretiker im christlichen Sinne ist demnach zwar ein Gläubiger, aber einer, der einer vom kirchlichen Dogma abweichenden Lehre (Häresie) anhängt (griech. „hairesis“: Denkweise, Irrlehre). Ketzerbewegungen waren für die Kirche demnach stets ein Warnsignal, das mögliche Kirchenspaltungen vorhersagte. Für die Dogmatiker und letztlich für die Kirchenführer, die um ihre Macht fürchten mussten, ein unvorstellbares Erlebnis, das es mit allen Mitteln zu verhindern galt. Das Ketzertum war mit mithin von Beginn an nicht nur ein religiöses Problem, sondern schlicht ein politisches. So reagierte die Kirche beispielsweise stets empfindlich, wenn Ketzerbewegungen (so die Waldenser, später die Hussiten) die Gültigkeit der so genannten Konstantinischen Schenkung ablehnten. Tatsächlich handelte es sich dabei um eine zwischen 751 und 806 verfasste gefälschte Urkunde, die die weltliche Herrschaft des Papstes in Italien begründen sollte. Sie war also eine der tragenden Säulen für das materielle Überleben des Vatikans. Ketzer war mithin schon, wer Inhalt und Gültigkeit des Dokuments in Frage stellte.
Zum Teil rief die Amtskirche durch Organisation und Lebenswandel ihrer Würdenträger selbst eine Reihe von Häresien hervor. Rufe nach einer Reform der Kirche wurden schon an der Schwelle zum 11. Jh. laut. Waren es anfangs Einsiedler, die etwa in Italien durch asketisches Leben in irdischer Armut mit gutem Beispiel vorangehen wollten, schlossen sich andere Mönche bald zu Bruderschaften zusammen. Selbst hochrangige Würdenträger wandten sich gegen das eigene System. Etwa Bischof Arnold von Brescia (gest. 1155), der im 12. Jh. predigte, nur eine radikale Befolgung des evangelischen Armutsideals könne die Kirche retten. Papst Innozenz II. setzte ihn 1139 ab. Meist handelte es sich um religiösen Protest gegen den korrupten Klerus, dessen verweltlichter Lebensstil sich vor allem in der Simonie und dem Priesterkonkubinat zeigte. Mit Simonie wird der Ämterschacher bezeichnet, d.h. Aufstieg in der Hierarchie durch Bezahlung.
Es gärte also immer wieder innerhalb der Christenheit. Die Kirche selbst unternahm eigene Versuche, Reformen von oben durchzudrücken, um die Spaltungen in den Griff zu bekommen. Das Wormser Konkordat (1122) strukturierte die Amtskirche um und legte unregelmäßige Bischofstreffen (Konzilien) fest, um kirchliche Regeln aufzustellen. Das erste Lateranische Konzil (1123) verdammte Simonie und Priesterehe sowie jede weltliche Einmischung in die Bischofswahl. War das Besetzen eines Bischofstuhls für den jeweiligen Landesherrn schließlich oft eine willkommene Geldquelle gewesen. Das dritte Konzil (1179) verdammte die Ketzerbewegungen der Katharer, Albigenser und Waldenser.
Deren Entstehen lag eine tiefe Religiosität in jener Zeit zu Grunde. Während die entstehenden Bruderorden (Benediktiner, Zisterzienser etc.) einen Großteil dieses Bedürfnisses innerhalb der katholischen Kirche hielt, bündelten die Häresien religiös-radikale Kräfte. Absolute Keuschheit, irdische Armut, eine direkte Interpretation des Evangeliums und Ablehnung des Rechts auf Predigt allein für katholische Priester kamen hierbei zusammen. Große Bedeutung erlangten die Anhänger des Manichäismus, einer dualistischen Glaubenslehre, die so alt wie das Christentum selbst ist, und den ewigen Kampf zwischen dem Königreich des Lichts (Himmel) und der Finsternis (Erde) predigt. Erlösung von den Kräften der Finsternis können demnach nur die „Reinen“ haben (griech. „katharós“: rein). Die Lehre der Katharer breitete sich vor allem im relativ toleranten Süden Frankreichs aus, im Hochmittelalter Sitz vom französischen Königtum recht unabhängiger Grundherrschaften. Einflüsse lassen sich jedoch bis Oberitalien und Deutschland verfolgen. Seit dem 12. Jh. wies diese Bewegung fest umrissene theologische Grundlagen auf.
Die Waldenser gingen auf den Kaufmann Petrus Waldes aus Lyon zurück, der eine Laienbewegung ins Leben rief, die sich vor allem gegen die verkommene Moral des Klerus richtete. Die Anhänger predigten eine arme Kirche, die den spirituellen Dingen vor den weltlichen den Vorrang geben sollte. Die Predigt jedoch war ein Vorrecht des Klerus, 1215 erklärte der vierte Lateranische Konzil die Waldenser zu Ketzern. Beide Bewegungen wurden mit Gewalt unterdrückt, Anfang des 13. Jhs. waren die Katharer gar Ziel eines regulären Kreuzzugs.
Den Kämpfen gegen Ketzer war damit längst kein Ende gesetzt. Doch es begannen sich systematische Vorgehensweisen seitens der Kirche durchzusetzen. Das Hochmittelalter war nicht nur Schauplatz religiösen Wahns. Sondern hier hatte auch die Einrichtung der Inquisition ihren Ursprung (siehe dort).

Quellen:
Horst Fuhrmann; Einladung ins Mittelalter; C.H.Beck; München; 2000;
Reinhard Elze und Konrad Repgen (Hrsg.); Studienbuch Geschichte, Band I; Klett-Cotta; Stuttgart; 1994;
Elisabetta Bovo, Paolo Golinelli, Giovanni Zuanazzi; Kaiser Kalifen und Kaufleute – Das frühe und hohe Mittelalter; ADAC Verlag, München; 1999

Artikel aus der Rubrik „Chronik“

  • Politik und Kriegführung im 15. Jahrhundert

    Vor 600 Jahren begann ein Jahrhundert der Wandlungen: Entdeckungen, die Geburt neuer Reiche – und die Rückkehr der Infanterie. Marcel Bieger geht dem 15. auf den Grund.

  • Roland - ein europäischer Mythos

    Das größte Heiligtum Dubrovniks, des ehemaligen Stadtstaates an der Ostadria, war die Freiheit. Non bene pro toto libertas venditur auro, „Freiheit kann um kein Gold dieser Welt verkauft werden“, steht an der Mauer der Festung Lovrjenac.…

  • Auf den Spuren des Decimus Iunius Brutus

    Unterwegs in Sachen „lebendige Geschichte“: Torsten Kreutzfeldt, der sich als Darsteller den frühmittelalterlichen Stadtbewohnern in Zentralspanien widmet, reiste nach Iberien.

  • Plaudereien eines balneators

    Wie sah er wohl aus, der typische Tag im Leben eines römischen Bademeisters? Über Langeweile kann Cornelius, unser fiktiver balneator in den antiken Trierer Thermen nicht klagen. Dies ist seine Geschichte.

2 Kommentare

  1. Das Wort “Ketzer” leitet sich natürlich nicht von griech. “hairesis” ab, sondern von den Katharern des 12. Jh. (griech. “katharos” für “rein”) .

    08. Juni 2005, 16:06 Uhr • Melden?
    von Dirk
    1
  2. Auch Konstantin der Grosse muss als Ketzer anerkannt werden, da er sich auf seinen Sterbebett (337) gegen die Lehre des Konzils zu Nicaea (325) Arianisch taufen lies.

    30. Juli 2010, 18:07 Uhr • Melden?
    von Herman
    2

Ihr Kommentar zum Artikel „Die Kirche im Krieg gegen Abtrünnige“


Sie sind angemeldet als

abmelden