Chronik Die Geschichte der Zeitalter

Die mittelalterliche Geschichtsschreibung kennt mehrere literarische Gattungen, die teils aus der Antike übernommen und weiterentwickelt wurden. Neben den Lebensbeschreibungen (vitae) und den Annalen (jahrweise Aufzeichnungen besonderer Ereignisse) haben vor allem die Chroniken an Bedeutung gewonnen. Da Chroniken als historiografische Literatur Zeugnis von Vergangenem abgeben sollten, ist für ihre Bewertung stets interessant, welche Absicht der Verfasser mit seinem Werk verfolgte. Gleich ist den Chroniken, dass sie Ereignisse in einer konkreten zeitlichen Abfolge darstellten (Chronos = Zeit).

Chroniken gab es schon in der Antike. Der Bibliothekar von Alexandria und Geograf Eratosthenes von Kyrene (um 282-um 202 vor Christus) gilt als Begründer dieser literarischen Gattung. Das Christentum übernahm diese Form, da sie sich hervorragend für ihre Zwecke eignete. Die Religion trat von Beginn an als Geschichtslehre auf. Sie sieht die Weltgeschichte und damit die Geschichte der Menschen als Heilsgeschichte, die zu Gott führt.

Die christliche Lehre wurde von vielen Chronisten in ihren Werken aufgenommen und verteidigt. Julius Africanus etwa (gest. um 240) stellte die erste christliche Chronologie zusammen. Kirchenvater Hieronymus (342-420) schuf nicht nur mit der Vulgata eine Jahrhunderte lang gültige Bibelübersetzung, sondern kombinierte in seiner Chronik „De viris illustribus“ tatsächliche Geschehnisse mit der Heilslehre. Er prägte die Geschichtsschreibung formal. Für die Ausgestaltung der Inhalte über einen langen Zeitraum hinweg sorgte ein anderer Kirchenvater – Augustinus (354-430). Bis in die Neuzeit hinein wurde er zur theologischen Autorität für die meisten Chronisten. Seine „Confessiones“ (Bekenntnisse) wirkten auf die Lebensbeschreibungen und die 24-bändige Weltchronik „De civitate Dei“ (Der Gottesstaat) bestimmte die Form der Geschichtsschreibungen. Entgegen der antiken Lehre vom Kreislauf entwarf Augustinus darin eine stetige Entwicklungsgeschichte in sechs Epochen – entsprechend den sechs Werktagen Gottes.

Ihren Höhepunkt erreichte die mittelalterliche Geschichtsschreibung mit dem Werk des Freisinger Bischofs Otto (1112-1158), der „Chronica sive historia de duabus civitatibus“ (Chronik oder Geschichte der zwei Staaten). Darin befasst sich Otto ebenfalls mit den zwei Staatenvorstellungen des Augustinus, doch mehr als Historiker, der echte Ereignisse vor dem Hintergrund dieser Lehre beleuchtete und geschichtsphilosophisch betrachtete. Das erste Geschichtswerk in deutscher Sprache war die „Sächsische Weltchronik“ des Eike von Repgow (um 1180-1233), der auch den „Sachsenspiegel“ verfasste. Weltberühmt wurde auch die Weltchronik von 1493 des Nürnberger Humanisten Hartmann Schedel (1440-1514). Das Werk folgt dem üblichen Schema der Weltzeitalter von Adam bis zum Jüngsten Gericht. Doch Schedel hielt auch die Zeit Kaiser Maximilians I. (1459-1519) eindrücklich fest. Vom 14. Jh. an sind auch regional begrenzte Chroniken einzelner Städte überliefert.

Literatur: Wilhelm Volkert; Adel bis Zunft, Ein Lexikon des Mittelalters; C.H.Beck; München; 1991;
Diether Krywalski, Die Welt des Mittelalters; Aschendorff Verlag; Münster; 1990

Artikel aus der Rubrik „Chronik“

  • Auf Kreuzfahrerspuren in Israel

    Eine Reise, die 2009 durch Israel und Jordanien führte. Hinein in die Geschichte, zu touristischen Juwelen und aktuellen Themen des Nahen Ostens. Dieser Bericht folgt den Spuren eines gewissen Friedrichs II.

  • Die älteste Stadt

    „Vor Rom stand Trier eintausend und dreihundert Jahre“ behauptet eine mittelalterliche Handschrift am Roten Haus am Trierer Hauptmarkt. Die These ist gewagt, doch das damit verbundene Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Konstantin…

  • Roland - ein europäischer Mythos

    Das größte Heiligtum Dubrovniks, des ehemaligen Stadtstaates an der Ostadria, war die Freiheit. Non bene pro toto libertas venditur auro, „Freiheit kann um kein Gold dieser Welt verkauft werden“, steht an der Mauer der Festung Lovrjenac.…

  • Politik und Kriegführung im 15. Jahrhundert

    Vor 600 Jahren begann ein Jahrhundert der Wandlungen: Entdeckungen, die Geburt neuer Reiche – und die Rückkehr der Infanterie. Marcel Bieger geht dem 15. auf den Grund.

Ihr Kommentar zum Artikel „Die Geschichte der Zeitalter“


Sie sind angemeldet als

abmelden