Antike Hafenstadt Beinahe die Hauptstadt der Welt

Als nach dem Tod Alexanders des Großen (323 v.Chr.) die Heerführer sein Erbe teilten, wurde die Basis für eine erstaunliche Stadt-Karriere geschaffen. Antigonos der Einäugige bekam unter anderem den wertvollen Küstenstreifen in der Nähe von Troja an der ägäischen Küste Kleinasiens. Gut zehn Jahre später gründete er die Hafenstadt Alexandria Troas. Hier hinterließen Träume römischer Kaiser ihre Spuren, die seit 1993 von Wissenschaftlern aus Münster ausgegraben werden.

Zankapfel der Diadochen

Auch nach dem Ende der zwölften Grabungskampagne der Universität Münster im vergangenen Jahr hat sich die wechselhafte Geschichte der Stadt den Wissenschaftlern erst unvollkommen erschlossen. Die verlandete Bucht gibt ihre Geheimnisse nur langsam preis. Und so wissen auch die Grabungsleiter von der Forschungsstelle Asia Minor, die Professoren Elmar Schwertheim und Hans Wiegartz, noch nicht, ob Antigonos eine Neugründung befahl oder eine bereits vorhandene Siedlung erweiterte.
Fakt ist aber, dass der „Einäugige“ die Stadt nach sich benannte – Antigoneia.

In den Diadochenkämpfen mit den anderen Feldherren Alexanders verlor Antigonos gegen den Konkurrenten Lysimachos. Der benannte die inzwischen prosperierende Hafenstadt um 300 v.Chr. nach Alexander. Den Beinamen bekam sie durch ihre Lage in der Troas – die Ruinenstätte liegt nur 30 Kilometer südlich des berühmten Troja. In früheren Jahrhunderten glaubten Seeleute, die Siedlungsreste, die vom Meer aus gut zu sehen waren, stammen von Stadt des Priamos. Ein Irrtum, mit dem erst Heinrich Schliemann mit seinen Grabungen in Troja aufräumte.

Wirtschaftszentrum an der Ägäis

Aus hellenistischer Zeit fanden die Forscher keine Inschriften, wohl aber eine Toranlage im Osten der Stadt – ins Landesinnere. Von dort, das weiß man aus anderen Quellen, zogen über Generationen immer wieder Menschen aus benachbarten Gemeinden in die Hafenstadt. Die Römer bauten Alexandria Troas zu einem bedeutenden Handelszentrum aus. Welchen Aufwand sie dabei betrieben erforschen türkische Unterwasserarchäologen mit den deutschen Wissenschaftlern im alten Hafenbecken.

Immer herrschte eine stetig wehender Wind an der Küste. Obwohl die Stadt an einer geschützten Bucht liegt, mussten die damaligen Ingenieure Vorkehrungen gegen Flutwellen treffen. 2006 untersuchten die Archäologen unter Wasser liegende Säulen und Pflastersteine aus Granit. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass es sich dabei um recyceltes Baumaterial handelte. Die Granitelemente entsprachen in Größe und Form denen in den antiken Straßen im Zentrum der Stadt. Die Bewohner verbauten sie im Hafenbecken zu mehreren Wellenbrechern, die gleichzeitig die Einfahrt markierten.

Die Windverhältnisse waren indes wichtig für die Entwicklung. Schon Troja genoss den Vorteil, vor seiner Nase eine der wichtigsten Seehandelsrouten zu haben – die ins Schwarze Meer. In römischer Zeit war auch Byzanz noch nicht mächtig genug, um alle Handelsschiffe, und damit die wichtigen Zolleinnahmen, in den eigenen Hafen zu holen. Alexandria Troas bot den Schiffen aus der Ägäis einen günstig gelegenen Ankerplatz vor dem Sprung ins Schwarze Meer.

Die Stadt wurde reich und mächtig. Die deutschen und türkischen Forscher dokumentierten neben den Unterwasserfunden auch alle am Lande sichtbaren Ruinen. Sie stammen vorwiegend aus römischer Zeit. Die Reste im Umfeld eines Tempels zeugen von der Existenz einer großen Halle aus Marmor. Die Funde entlang der Hauptstraßen lassen zudem auf eine geradezu prächtige Architektur schließen. Die gesamte Hafenanlage bezeichnen die Wissenschaftler als „monumental“. Einige Teile werden restauriert.

Kaiser Konstantin hat große Pläne

Einst hielt sich der Apostel Paulus auf seinen Reisen in Alexandria Troas auf. Hier hatte er eines Nachts eine seiner Visionen. Dabei träumte er, er solle nach Europa übersetzen, um auch dort das Christentum zu verkünden. Paulus ging schließlich nach Rom.

Wären die politischen Verhältnisse ein wenig anders gewesen, und hätte Paulus später gelebt – er hätte die Stadt nicht verlassen müssen, um im Machtzentrum der Antike zu predigen. Kaiser Konstantin der Große (306-337 n.Chr.) soll laut darüber nachgedacht haben, Alexandria Troas zur Hauptstadt des Römischen Reiches zu erheben. Der Rest ist Geschichte: Konstantin entschied sich 326 für Byzanz und benannte es später nach sich: Konstantinopel.

So gesehen war es vielleicht ein Zufall, der die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches auf europäischer Seite des Hellesponts entstehen ließ; und damit womöglich länger dem Zugriff der Türken entzog als es sonst der Fall gewesen wäre. Konstantinopel fiel 1453 an die Osmanen. Zu dieser Zeit war die Bedeutung Alexandrias längst dahin. Ob die Stadt langsam oder auf einen Schlag aufgegeben wurde – etwa durch eines der häufigen Erdbeben –, das wollen die Archäologen in diesem Sommer weiter erforschen.

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1 Kommentare

  1. istanbul ist die hauptstadt der welt…..stadt auf zwei kontinenten, verbindet zwei kulturen , europa und asien bzw naher osten….3 mal namenswechsel….

    15. Januar 2007, 14:01 Uhr • Melden?
    von marcel
    1

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