Essay Abendland und Nahost - Im Mittelalter erstarrt?

Eindringlich sprach der muslimische Führer zu seinen Anhängern. Aus den christlichen Ländern war zu dieser Zeit bereits ein deutliches Säbelrasseln zu vernehmen, eine Invasion der abendländischen Horden in das von Allah gesegnete Land schien unausweichlich. "Kreuzzügler" werden kommen, so sprach der asketisch aussehende Mann, und sie werden kommen unter dem "Banner des Kreuzes". Der Führer rief den Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen aus und ging in den Untergrund, als die feindlichen Truppen dann tatsächlich anrückten. Die Ansprache wurde am 24. September 2001 gehalten. Der Sprecher war Osama bin Laden, der im Afghanistan der Taliban den Rachefeldzug der Amerikaner für den 11. September erwartete. Seine später veröffentlichte Erklärung enthielt nicht weniger als fünf Verweise auf die Kreuzzugsbewegung und bezeichnete US-Präsident George W. Bush als "obersten Kreuzzügler des neuen jüdisch-christlichen Feldzugs".

“Der Westen ist das Kreuz”

Bis heute fordert bin Laden seine islamischen Glaubensbrüder auf, die westlichen Eindringlinge an allen Fronten anzugreifen – auch in deren Heimat. In selbstzerstörerischer Wut perfektionierten die Terroristen von Al-Qaida und den ihr nahe stehenden Organisationen die “Technik des Selbstmordattentats”. Schon zu Zeiten der Kreuzfahrerstaaten waren die Assassinen des “Alten vom Berge” – Führer einer schiitischen Geheimsekte – als Attentäter gefürchtet.

Ihre Messer erreichten den feindlichen Christen wie den vermeintlich abtrünnigen muslimischen Führer mit gleicher Präzision. Der Unterschied zu heute scheint “lediglich” in der verheerenden Wirkung der modernen Waffen zu liegen. Und der Rückgriff auf die emotional schwer belastete Erinnerung an die Kreuzzüge in den Nahen Osten gelingt eigentlich immer. Noch immer sitzt der kollektive Schock tief in der muslimischen Seele, sagt der prominente Muslimführer Nadeem Elyas im MS-Interview (das ganze Gespräch siehe Beitrag “Das Trauma der Kreuzzüge ist noch präsent”).

Sind dies nun mittelalterliche Denkweisen oder stehen wir am Beginn einer Entwicklung, die einen wahren Frieden zwischen den Religionen bringen kann? Einer Entwicklung, die freilich im Mittelalter nicht abzusehen war. Der Wunsch danach ist zwar in allen Lagern gewachsen, aber praktisch getan hat sich seit dem Fall der letzten Kreuzfahrerfestung Akkon nur wenig. Aktuellstes Kapitel dieser düsteren Beziehungskiste: Im Irak rufen schiitische und sunnitische Aufständische gleichermaßen zum bewaffneten Widerstand und folgen begeistert dem Schiitenführer Muktada al-Sadr, der zum Heiligen Krieg gegen die Amerikaner bläst und die strikte Befolgung des islamischen Rechts durchsetzen will.

Kurz vor den Osterfeierlichkeiten in diesem Jahr schien der Vatikan selbst im Visier islamischer Fundamentalisten zu sein. Auf einschlägigen Internetseiten wurde zur “Eroberung Roms mit dem Schwert” aufgerufen. So wie der Islam Konstantinopel erobert habe, hieß es da, werde er auch den “Ungläubigen” die zweite Metropole entreißen. Zur Begründung war zu lesen: “Rom, das ist das Kreuz. Das Kreuz, das sind die Kreuzzüge. Der Westen ist das Kreuz.”

“Angriff auf Europa”

Und das Abendland, Musterknabe demokratischer Gesinnung? Anwälte reden von “mittelalterlichen Verhältnissen”, wenn sie von den Haftbedingungen der rund 600 Inhaftierten der US-Basis Guantanamo Bay auf Kuba sprechen. Dort warten mutmaßliche Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer teils seit zwei Jahren auf ihren Prozess.

Von Bush weiß man, dass er sich gern mit den großen Führern der Kreuzzugsbewegung vergleichen lässt. In geradezu mittelalterlicher Manier kürzt er das islamische Lager auf einen gemeinsamen Nenner zusammen, der dem scholastischen Grundsatz “wer nicht für Gott ist, ist gegen Gott” entspricht. Die viel zitierte “Achse des Bösen” spaltete die Muslime radikal in Gut und Böse. Trotz Lippenbekenntnisse der Politiker geriet der Islam in einen Generalverdacht, terroristische Umtriebe zu unterstützen.

Was schon im Mittelalter den christlichen Kontinent einte, der eben erst Nationalstaaten hervorzubringen begann, scheint auch heute wieder zu einer Art Schulterschluss des Abendlands zu führen. “Der Angriff auf Madrid (am 11. März 2004) war ein Angriff auf Europa”, sagte Hans-Gert Pöttering, Fraktionschef der Christdemokraten im Europaparlament. Also doch der “Kampf der Kulturen”, wie ihn der Politologe Samuel Huntington prophezeit?
“Europa” fühlte sich angegriffen, als mit Konstantinopel 1453 die große christliche Bastion im östlichen Mittelmeer fiel und es fühlte sich angegriffen, als die Türken 1683 zum zweiten Mal vor Wien standen. Doch schon früher sahen die Christen zu, dass sie bei der Aufteilung der Macht – und darum ging es schließlich beiden Seiten – nicht zu kurz kamen.

Als erste große Gelegenheit, bei der sich christliche Streitmächte gegen einen gemeinsamen muslimischen Feind verbündeten, ging eine gemeinsame Expedition der Pisaner und Genuesen in die Geschichte ein. Mit dem Segen von Papst Benedikt VIII. ausgestattet, kehrten die Flotten der Seestädte zwischen 1015 und 1021 siegreich aus einem Krieg gegen Mudschahid, Emir von Denia in Spanien zurück. Mudschahid hatte zuvor versucht, den Einfluss der Araber weit über die Balearen hinaus auszudehnen – womit er den Handelsinteressen der Italiener in die Quere kam.

Religiosität und wirtschaftliche Interessen gingen seit jeher Hand in Hand – auf beiden Seiten (muss man das immer wieder betonen?). Eine ganz neue Qualität bekamen die militärischen Auseinandersetzungen schließlich mit der Papstbulle von Alexander II. In ihr gewährte der Papst allen Teilnehmern des Feldzugs von 1063/1064 gegen die maurische Stadt Barbastros in al-Andalus den vollständigen Sündenerlass. Die Bulle wurde zum Vorbild für alle späteren päpstlichen Verlautbarungen zur geistlichen Absicherung der Kreuzzüge.

Die Frage sei also gestattet: Leben wir wieder oder noch im Mittelalter?

Quellen

- Bernard Lewis: Der Atem Allahs – Die islamische Welt und der Westen, Kampf der Kulturen?; Europa Verlag; Wien; 1994 – Franco Cardini: Europa und der Islam – Geschichte eines Missverständnisses; C.H. Beck; München; 2000 – Norman Housley: Die Kreuzritter; Theiss Verlag; Stuttgart; 2004

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1 Kommentare

  1. Ich finde es gut, dass du über das Mittelalter schreibst, weil das sehr hilfreich bei Referaten, also kann man dann hier nachgucken. Mach weiter so!
    Deine Lisa

    10. November 2005, 20:11 Uhr • Melden?
    von Lisa
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