Geschichtsvermittlung

Neue Tore zur Museumswelt?

Reden Museen und Living-History-Szene eigentlich noch miteinander? Die Debatten um Ideologien, Gütesiegel und Qualität haben einige Grabenkämpfe ausgelöst. Aber es gibt Ansätze für eine Annäherung.

Legionärsdarsteller im Archäologischen Park Xanten. (Foto: Marcel Schwarzenberger)
Legionärsdarsteller im Archäologischen Park Xanten. (Foto: Marcel Schwarzenberger)

Details

Tagung Waldkirch
2. Waldkircher Museumsgespräch: „Qualitätsmanagement im Museumstheater" am Sonntag, 26. April 2009, 11 bis 16 Uhr im Elztalmuseum Waldkirch; Kirchplatz 14; 79183 Waldkirch, Internet: www.elztalmuseum.de. Anmeldung bis zum 17. April 2009 an: Carolyn Oesterle via E-Mail carolyn.oesterle@anglistik.uni-freiburg.de.
Tagung Bonn
„Vermittlung von Vergangenheit – Gelebte Geschichte als Dialog von Wissenschaft, Darstellung und Rezeption“ vom 3. bis 5. Juli 2009 im LVR-Landesmuseum Bonn; Colmantstraße 14 – 16; 53115 Bonn. www.landesmuseum-bonn.de Anmeldung bis zum 5. Juni 2009. Anmeldeformular unter www.dasv-ev.org.

Rad dreht sich weiter

Die Qualitätsdebatte rund um Living History nimmt an Fahrt auf. Auf die deutsche Szenerie sind in jüngerer Vergangenheit bereits etliche Schlaglichter geworfen worden (dazu „Gütesiegel-Dossier“; siehe Linkliste). Es gab Tagungen, in denen die Beziehungen der wissenschaftlich orientierten Museumswelt und der Living-History-Szene untersucht wurden, darunter jene im Freilichtmuseum Kiekeberg bei Hamburg im Frühjahr 2008. Dort trat auch der Freiburger Professor Wolfgang Hochbruck auf, dessen Forschergruppe derzeit eine Typologie erarbeitet. Allzu oft gerieten Begriffe wie Living History, Reenactment oder Geschichtstheater in den Fokus energischer Debatten.

Viele Gemüter erhitzten sich jüngst an zwei Vorgängen: zum einen am Vorschlag Hochbrucks, langfristig eine Art „Gütesiegel“ einzuführen, um Qualitätsstandards für Darsteller festzulegen. Zum anderen riss im Juni 2008 eine Podiumsdiskussion in Paderborn vermeintliche Abgründe auf: Was bedeuten angebliche oder tatsächliche ideologische Hintergründe einzelner Darsteller für die Vermittlungsarbeit in Museen? Diese Frage kochte nach der Paderborner Veranstaltung hoch.

Beide Themen haben im Grunde einen gemeinsamen Kern: Was macht eigentlich die Kommunikation zwischen Museen und externen Living-History-Darstellern aus? Wo gibt es Probleme, wohin muss die Reise gehen? Aber auch: Wo läuft es richtig gut? Zwei Tagungen könnten 2009 einige Antworten liefern. Im Unterschied zu vergangenen Runden wird hier der Teilnehmerkreis bewusst geöffnet: Sowohl beim „2. Waldkircher Museumsgespräch“ im April als auch bei der Tagung „Vermittlung von Vergangenheit – gelebte Geschichte als Dialog von Wissenschaft, Darstellung und Rezeption“ im Juli in Bonn sollen Darsteller zu Wort kommen.

Waldkirch: Fragen zur Qualität

Natürlich ist nicht die gesamte Living-History-Szene nur in Museen präsent. Auch Reenactment, historische Feste oder Mittelaltermärkte bleiben meist außerhalb. Für Hochbruck hat das Fokussieren auf die Museumsebene aber einen logischen Hintergrund: „Schon allein wegen des Volksbildungsauftrages muss man bei Museen die Qualität extra betrachten“, sagt der Wissenschaftler. Mit anderen Worten: Gelingt es, für Auftritte von Darstellern in Museen allgemeingültige Definitionen, Anforderungsprofile und Qualitätskriterien festzulegen, gäbe es erstmals einen Rahmen, der für eine bestimmte Darstellergruppe verbindlich wäre. Ob sich daran auch alle anderen Akteure orientieren, stünde wiederum auf einem anderen Papier.

Was Hochbrucks Forschergruppe tut, ist eine wissenschaftliche Untersuchung des „Geschichtstheaters“ – so der Übersetzungsvorschlag der Freiburger für den Begriff Living History. Und den grenzen die Forscher nochmals auf „Museumstheater“ ein. Für die entsprechenden Formen historischer Inszenierungen als Theater, Führungen oder dem Vorführen von Rekonstruktionen soll im nächsten Jahr eine Typologie erscheinen. Mittelfristig wollen die Wissenschaftler auch Lehrmaterialien entwickeln, die unter anderem didaktische oder gar schauspielerische Aspekte für Darsteller und Museumspädagogen aufbereiten.

„Jetzt geht es uns vorerst nicht um ein allgemein gültiges Gütesiegel“, betont Hochbruck. Die Freiburger Forschergruppe hat das „2. Waldkircher Museumsgespräch“ initiiert. Der Untertitel macht den Schwerpunkt deutlich: „Qualitätsmanagement im Museumstheater“. „Die Museen werden irgendwann mit einem Qualitätskanon kommen. Da läuft schon einiges und wir wollen eine möglichst breite Beteiligung“, sagt Hochbruck. Im baden-württembergischen Elztalmuseum in Waldkirch sollen Wissenschaftler und Praktiker an einem Tisch zusammenfinden.

Ein gewisse Grundlage dafür hat die schon erwähnte Tagung in Kiekeberg geschaffen. Dort traf Frank Andraschko, Archäologe und Gründer der Agentur für angewandte Archäologie AGIL in Norddeutschland, diese Aussage: Was fehle, seien „exakte Qualitätsmerkmale, mit denen etwa Reenactmentgruppen und Living-History-Darsteller ihre Arbeit bewerten und verbessern können.“ Diese Merkmale zu entwickeln, sei Aufgabe von Wissenschaft und Museen. Die museale Nutzung von Living History, sagt Andraschko weiter, erfordere Standards – wenn auch nicht zwingend eine Zertifizierung.

Bonn: Dialog mit der Szene

Auf das, was in Waldkirch auf den Tisch kommen wird, könnte die Tagung im Landesmuseum Bonn aufbauen. Dort gehe es „vorrangig darum, gleichberechtigten Dialog zwischen Darstellergruppen und Fachwissenschaftlern zu eröffnen“, sagt Anja Lemcke vom Dachverband Archäologischer Studierendenvertretungen (DASV). Dieser Verband hat gemeinsam mit anderen archäologischen Institutionen die Tagung ins Leben gerufen. Vordergründig waren die schon vor einem Jahr – also unmittelbar vor der Paderborner Podiumsdiskussion – spürbaren Erschütterungen im Gefüge zwischen Darstellerszene und Fachwelt der Auslöser. „Das Verhältnis ist leider auf beiden Seiten von Vorurteilen geprägt“, sagt Lemcke.

Schon ein Blick auf jüngste Debatten im Internet zeigt: Bei Museen herrscht oft Misstrauen auf die Fähigkeiten und Konzepte der Akteure. Und bekommen selbst wiederum realitätsfernes Anspruchsdenken, aber auch eine fatale „Einkaufsmentalität“ vorgeworfen. Wie also können Darsteller publikumswirksam und trotzdem inhaltlich, pädagogisch sowie wissenschaftlich auf hohem Niveau in die Museumsarbeit einbezogen werden? Darum soll es in Bonn vor allem gehen.

Museumsbund mit grobem Regelwerk

Mit zwei Fachtagungen werden kaum alle Antworten gefunden. Doch die Chance ist da, dass Museumsexperten und Darsteller auf Augenhöhe zumindest die wichtigsten Fragestellungen umschreiben – und dauerhafte Formen des Austauschs finden.

Ob Freilichtmuseum oder klassisches Ausstellungshaus – für beide Formen steht die Qualität von Vermittlungsarbeit im Vordergrund. Soweit die lange gebräuchliche Theorie. Noch ziemlich jung ist ein Ansatz, um dieser Vermittlungsarbeit einen praxisorientierten Rahmen zu verleihen. Im vorigen Jahr gab der Deutsche Museumsbund den Leitfaden „Qualitätskriterien für Museen: Bildungs- und Vermittlungsarbeit“ heraus. An dem Werk haben auch die Verbände der Museumspädagogen und Kulturvermittler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mitgeschrieben.

Der Leitfaden erhebt einen sehr umfassenden Anspruch auf Umsetzung in der Museumsszene. Auch wenn nicht speziell nur Geschichtsmuseen gemeint sind, erlauben die dort aufgestellten Qualitätskriterien für museumspädagogische Angebote doch einige Rückschlüsse.

Zunächst eine banal anmutende Feststellung der Autoren: immer den Besucher und dessen Wünsche im Blick haben. Oft genug scheinen die Belange des Publikums bei den Debatten über den Nutzen der Living History zwischen die Räder zu geraten. Und immerhin sind die Vorteile der historischen Inszenierung – oder auch des Geschichtstheaters, wie es die Freiburger Forschergruppe formuliert – auch beim Museumsdachverband angekommen. Im Leitfaden tauchen unter den empfohlenen Vermittlungsmethoden auch Dinge wie „Historisches Spiel“, „Living History“, „Reenactment“, schauspielerische Umsetzungen sowie experimentelle Archäologie auf.

Schon hier tut sich aber eine begriffliche Engstelle auf. Während der Museumsbund also Reenactment ausdrücklich erwähnt, sind Wissenschaftler wie Wolfgang Hochbruck strikt dagegen. Für ihn sei „klassisches Reenactment“ eine Form des Geschichtstheaters, „deren Militär- und Schlachtenlastigkeit aus dem Museum verbannt bleiben sollte“, schrieb er in seinem Beitrag für die Tagung in Kiekeberg. Die Vermutung liegt nahe, dass die trennscharfe Unterscheidung , die der praxisnah arbeitende Hochbruck vornimmt, nicht die gleiche ist, wie sie die Leitfaden-Autoren übernommen haben. Es gibt sie eben noch nicht, die allgemeingültige Typologie, die Ross und Reiter eindeutig benennt.

Exkurs: Kulturvermittler in Museen

Der österreichische Verband der Kulturvermittler beschreibt das Berufsfeld seiner Mitglieder so: „Ein Kulturvermittler initiiert und gestaltet professionell eigeninitiativ und/oder auftragsorientiert Kommunikationsprozesse mit Besuchern über Objekte in Museen und Ausstellungen.“ Seit einigen Jahren bietet der Verband auch ein Gütesiegel an. Eine Kommission aus Verbandsmitgliedern entscheidet über die Zertifizierung. Alle fünf Jahre muss das Gütesiegel „verteidigt“, also der Nachweis sämtlicher Kriterien erbracht werden. Dazu gehört, dass die Vermittlungsarbeit als Beruf ausgeübt werden muss, außerdem ist eine vermittlungsspezifische Ausbildung erwünscht; und es werden mindestens ein Jahr belegte Praxisarbeit sowie die Vorlage eines Vermittlungskonzeptes verlangt.

Der Kölner Museumsdienst hat einen regelrechten Leitfaden für seine externen – also freiberuflichen – Mitarbeiter erstellt. Wer Besucher durch eines der Kölner Häuser führen oder museumspädagogische Kurse leiten will, braucht eine entsprechende Ausbildung, zum Beispiel in Kunstgeschichte, Geschichte oder Archäologie. Und hier tauchen sie wieder auf: die pädagogischen Fähigkeiten, die auch in Köln verlangt werden.

Der Museumsdienst macht deutliche Ansagen: „Bei der Auswahl unserer freiberuflichen Mitarbeiter spielen wissenschaftliche Ausbildung und pädagogische Fähigkeiten eine wichtige Rolle. Wir achten darauf, dass eine permanente Weiterbildung erfolgt und schaffen dafür auch die entsprechenden Angebote.“

Wer viel verlangt, muss auch etwas geben. Freiberufliche Kollegen sollten „adäquat honoriert“ werden, verlangt der Kriterienkatalog des Deutschen Museumsbundes. Mediamus, der schweizerische Verband der Kulturvermittler in Museen, hat Honorarempfehlungen aufgestellt, die österreichischen Kollegen haben ihre (ebenfalls empfohlenen) Honorarsätze gleich ins Internet gestellt: Je nach Aufwand und Leistung sollen die Vermittler 30 bis 60 Euro je Stunde verlangen können.

Das liebe Geld

Müssen nun alle Living-History-Akteure die Anforderungen erfüllen, die professionelle Vermittler oder Museumspädagogen bringen sollen? Und was dürften sie als Gegenleistung von ihren Auftraggebern verlangen? Diese Fragen werden in Waldkirch oder Bonn, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Dort passiert zunächst noch Grundlagenarbeit.

Doch zur Frage „Was ist eine gute und museumstaugliche Living-History-Darstellung?“ gehört langfristig auch ein Vergütungssystem. Eine schwierige Aufgabe für chronisch klamme Museen, aber auch eine Herausforderung für die Living-History-Szene selbst. Denn dort sind die meisten Darsteller lediglich in ihrer Freizeit in Sachen Geschichte unterwegs. Die meisten sind es seit jeher gewohnt, für ihre Auftritte allenfalls eine Fahrtpauschale zu bekommen oder gar völlig auf eigene Kosten anzureisen. Darauf sind freilich auch viele Museen inzwischen eingestellt – und buchen mit entsprechenden Modalitäten.

Eine Folge: professionell arbeitende Darsteller oder Gruppen, die besonders großen Aufwand für eine exakte Ausrüstung betreiben müssen, kämpfen bei Honorarverhandlungen oft gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. Manchmal auch innerhalb der Szene, in der regelmäßig Debatten um „Hobbyisten“ einerseits und „Professionellen“ andererseits ausbrechen.

Nun gibt es eine Reihe von Museen – und hier sind die Freilichtmuseen naturgemäß Pioniere –, die einzelne Veranstaltungen nicht nur mit einer Handvoll Akteuren besetzen, sondern gleich mehrere hundert Menschen auf ihr Gelände holen. Würde man die Kriterien des Museumsbundes ansetzen, dann müsste jeder Darsteller dem Publikum als Kulturvermittler gelten. Aber kein Museum hat das Budget, um ein solches Aufgebot beispielsweise für zweitägige Einsätze angemessen zu bezahlen. Daran wird sich kaum etwas ändern. Aber auch dieses Dilemma zeigt, dass Kommunikation zwischen Museen und Living-History-Akteuren keine Einbahnstraße sein kann. Beide müssen ihre Bedürfnisse und Ziele deutlich machen. Ganz gleich, ob mit der Darstellung „nur“ ein Hobby gepflegt oder der Lebensunterhalt verdient wird. Denn das wiederum dürfte auch dem Publikum schnuppe sein.

Marcel Schwarzenberger  |  Artikel vom 02. April 2009

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