Der Fall Ulfhednar und die Folgen

- Ulfhednar als Reiterkrieger des Frühmittelalters in eigenen Rekonstruktionen. (Foto: Ulfhednar / Ausstellung Eine Welt in Bewegung)
Darsteller im Brennpunkt
Was seit einigen Wochen grummelt, wirft Schatten auf die Living-History-Szene. Pessimisten könnten sagen: Sowieso schon vorhandene Gräben werden womöglich noch tiefer. Der vor gut acht Jahren gegründete und heute rund 50 Mitglieder – vornehmlich in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern – umfassenden Living-History-Gruppe Ulfhednar wird die Verbreitung von rechtem Gedankengut vorgeworfen. Sie steht im Brennpunkt der Ereignisse.
Nicht mal heftigste Kritiker streiten den Männern und Frauen um Ulfhednar-Chef Arian Ziliox eine hohe Kunstfertigkeit bei der Produktion von Rekonstruktionen ab. Dieser gute Ruf auf fachlicher Ebene verschlimmere aber die angeblich von Ulfhednar ausgehende Gefahr, finden sie. Mainz, Krefeld, Bonn, Berlin oder Ellwangen – die Liste der Museumsstandorte, die Ulfhednar buchten oder deren Rekonstruktionen verwendeten, ist lang. Ebenso die Zahl der Fernsehproduktionen, bei denen Ulfhednar-Mitglieder mitwirkten. Die Gruppe transportiere „bedenkliche Aussagen“ in die Öffentlichkeit, meint Karl Banghard, Leiter des Freilichtmuseums Oerlinghausen. Und das vor allem bei Auftritten in den großen Vitrinenmuseen, die ein sich immer schneller drehendes Ausstellungskarussell mit Living-History-Programmen bestücken wollen. Die dabei eine „Einkaufsmentalität“ an den Tag legen, die zu wenig auf die Hintergründe der Gruppen achte.
Die Sache mit dem Germanenkult
Ulfhednar ist unter anderem spezialisiert auf die Darstellung von Wikingern und Kelten. Und die Gruppe hegt eine so heftige Vorliebe für germanische Kulturen, dass Kritiker sie für regelrecht missionarisch halten. Besonders merowingerzeitliche Rekonstruktionen weisen oft mehr oder minder klare Darstellungen von Sonnensymbolen auf: als Swastika, Hakenkreuz oder ähnlichen Formen. Mit diesen Darstellungen eckte die Gruppe zunehmend bei Wissenschaftlern, Museumschefs und anderen Reenactors an. Mit der Folge, dass vor allem Freilichtmuseen aus dem europäischen Verband EXARC Ulfhednar nicht mehr für Auftritte buchten.
Hinzu kommen musikalische Ableger von Ulfhednar wie die thüringische Pagan-Metal-Band „Menhir“. Die Musiker werben mit ihrer Reputation als Living-History-Akteure. Ihnen wird Germanenkult und ein Hang zum vorchristlichen Heidentum vorgeworfen. In manchen Kreisen hat Ulfhednar deshalb das Image einer rechtslastigen Vereinigung weg. Da halfen andere Stimmen wenig, wie die eines Keltendarstellers, der die Gruppe von gemeinsamen Auftritten her kennt (Name liegt der Redaktion vor): „Ich habe keine Anzeichen von Rechtsradikalismus feststellen können.“
SS-Tätowierung in Paderborn
Ulfhednar manövrierte sich auch selbst in eine Entwicklungsspirale, die in einen Missgriff seitens der Gruppe und schließlich in die jüngst stattgefundene Podiumsdiskussion mündete: Ulfhednar galten bis zum 28. April dieses Jahres bei vielen deutschen und internationalen Museen als Koryphäen ihrer Zunft. Das Historische Museum Paderborn buchte Ulfhednar just für diesen Tag anlässlich der Eröffnung seiner Ausstellung „Eine Welt in Bewegung“ rund um die Merowingerzeit. Die vorsommerliche Hitze war groß, nach erfolgtem Auftritt zog ein Darsteller sein Hemd aus – und zeigte eine Tätowierung mit dem verbotenen Nazispruch „Meine Ehre heißt Treue“.
Ziliox distanzierte sich später von dem tätowierten Mann. Man habe ihn nicht so gut gekannt, wird er sagen, und auch dies: „Er tritt nicht mehr mit uns auf. Was passiert ist, tut uns leid.“ Für viele, die Ulfhednar ohnehin schon mit Misstrauen begegneten, war damit das Fass übervoll. Der Ur- und Frühgeschichtler Albrecht Jockenhövel von der Universität Münster verbreitete zum Archäologentag Mitte Mai in Mannheim eine schriftliche Warnung vor Ulfhednar. Die Protestnote richtete sich auch an die Verantwortlichen in den großen Museen. Also an jene, die mit Reenactors zusammenarbeiten und jene, die das Budget für Aufträge und Auftritte verwalten.
Jockenhövel verwies auf mit Hakenkreuzen versehene Borten an Tuniken und Satteldecken von Ulfhednar. Und auf die Gruppenstandarte, die ebenfalls ein abgewandeltes Hakenkreuz trage. Das wiederum von Formen und Farben umgeben ist, die einen Historiker (Name liegt der Redaktion vor) an das Zeichen der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ erinnert. „Das Hakenkreuz ist bei Ulfhednar ist omnipräsent, und das ist bedenklich“, sagt er. Darin ist er sich mit Professor Jockenhövel einig, der findet, in dieser „geballten“ Zusammenschau „wird ohne Zweifel eine Botschaft über die Hakenkreuz-Symbolik in die Öffentlichkeit transportiert“. Will heißen: eine ideologisch geprägte Botschaft.
Die Sache mit dem Hakenkreuz
Jockenhövels Mannheimer Erklärung löste eine Diskussionsflut in der Living-History-Szene aus. Davon blieben auch die Wissenschaftler und Museumsleute nicht unberührt, die mit dieser Szene zu tun haben. Es ging um archäologische Belege für oder gegen die angeblichen oder tatsächlichen Hakenkreuzdarstellungen bei Ulfhednar; um die Frage nach Sinn oder Unsinn, ein derart belastetes Symbol überhaupt zu verwenden – und die Frage, ob Darsteller, gleich welcher Couleur, private Glaubensbekenntnisse oder Weltanschauungen in ihre Programme einarbeiten dürfen.
Die „Schuld“ von Arian Ziliox und seiner Gruppe schien für viele erwiesen. Dass Ulfhednar die Verwendung des Sonnensymbols als Geschichtsdarstellung verteidigte, die sachlich nichts mit einer Verherrlichung des Faschismus zu tun habe, mochte ihnen kaum noch jemand abnehmen. In einer, womöglich naiv wirkenden, Trotzigkeit beharrt die Gruppe seit Jahren darauf, Hakenkreuze zu verwenden. Das war Wasser auf den Mühlen der Kritiker.
Aber es gab auch einzelne Stimmen, die von „Rufmord“ sprachen und übertriebenen Vorwürfen. Mit Ulfhednar werde ein Konkurrent um den doch recht kleinen Kuchen, sprich: Museumsaufträge, ausgeschaltet, sagt jemand, der die Szene kennt (Name liegt der Redaktion vor). Und er spricht davon, dass – Indizien hin oder her – auch für Ulfhednar die Klausel gelte: „Im Zweifel für den Angeklagten.“ Die Paderborner zumindest erkundigten sich vor der Auftragserteilung beim Verfassungsschutz über Ulfhednar – ohne Befund.
Ziliox selbst sagte in einer Stellungnahme vom 27. Mai: „Niemand in unserer Gruppe ist Mitglied in einer Rechtspartei, noch in irgendeiner rechten Szene aktiv.“ Zwar behauptet dann auch er, der Fall diene dazu, „Kontrolle über den Living-History-Bereich auszuüben“. Als Zentrum der Kritik machte er aber weniger geschichtsnahe Kreise verantwortlich, sondern vielmehr eine „Kampagne der Antifa“. Ob er damit in den Augen auch gutwilliger Reenactors und Wissenschaftler übers Ziel hinausgeschossen ist, muss sich noch zeigen.
Museumsleute werden hellhörig
Den vorläufigen Höhepunkt markiert die Podiumsdiskussion am 29. Juni in Paderborn. Der große Saal im Bürgerhaus nahe dem Museum ist bis auf den letzten Platz besetzt. Interessierte Laien, Living-History-Darsteller und vor allem Vertreter von Museen quer durch die Bundesrepublik – insgesamt fast 100 Zuhörer – waren angereist. Ziliox ist dabei, Jockenhövel ließ sich aus Termingründen entschuldigen.
Es beginnt: Eine Diskussion, die auf dem Podium und im Publikum kaum jemanden unberührt lässt. Und eine, die seitens der Paderborner Veranstalter durchaus auch eine Gesamtbetrachtung der Living-History-Szene sein soll. „Es geht nicht um Kritik, sondern um Aufklärung“, sagte Museumsleiter Norbert Börste vorab auf chronico-Anfrage. Aufklärung also über die Grenzziehung zwischen „Lebendiger Wissenschaft“ (Living History in Museen) sowie „neuheidnischem Gedankengut und blankem Rechtsradikalismus“, schrieb Börste in seiner Einladung.
Statistisches Material über rechtsextreme Tendenzen in der Living History gibt es mangels Erhebungen nicht. Und so konzentriert sich das Geschehen freilich vor allem auf Ulfhednar. Auch Banghard hat keine „Unterwanderung“ der Szene durch die Rechte ausgemacht. Es gebe vereinzelte Fälle, aber „keine steigende Tendenz“, hatte er zuvor chronico gesagt. Dafür zieht der Museumschef aus Oerlinghausen nun eine Menge Bildmaterial über Ulfhednar-Auftritte heran. Fotos mit Hakenkreuzdarstellungen auf Kleidern, Schwertgriffen oder Schilden. Bilder von einer Kriegerstatue bei einem Menhir-Konzert, die ein Hakenkreuz auf der Stirn trägt. Und er spricht davon, dass sich Ulfhednar-Mitglieder oft über Dinge wie „Ehre“ und „Treue“ auslassen würden. Diese Werte, warnt Banghard, bekämen durch die Reenactment-Auftritte von Ulfhednar „einen seriös anmutenden Charakter“. Ihm gehe es nicht einmal darum, welche „politische Selbsteinschätzung“ die Gruppe hege. Problematischer sei, „dass sie verzerrte Geschichtsbilder transportiert“. Und das zu vermeiden, sei eben die Aufgabe von Museen. Komme es dort zu Auftritten mit fragwürdigen Inhalten, sei das bedenklicher als etwa auf „Mittelaltermärkten“, sagt Banghard.
„Sonnensymbol ist politisch aufgeladen“
Banghard lehnt Hakenkreuzdarstellungen indes nicht grundsätzlich ab. Gegen belegte Sonnensymbole sei nichts einzuwenden. „Nach welchen Qualitätskriterien beurteilen Museen die Gruppen eigentlich?“, fragt Harald Baer, Theologe in der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle in Hamm. Das Hakenkreuz sei „politisch aufgeladen“ und könne nicht mehr „als bloßes Sonnensymbol“ verwendet werden. „Das ist quasi unumkehrbar“, sagt er. Dem stimmt die Bremer Landesarchäologin Uta Halle zu: „Selbst mit Belegen gehört es nicht in Museumsausstellungen.“
Das wiederum will Wilfried Menghin, pensionierter Ex-Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte so nicht im Raume stehen lassen. „In korrektem Rahmen, etwa als Ziersymbol, stört es nicht“, sagt er. Allerdings dürfe die Replik einer Swastika-Darstellung nicht stilisiert werden. „Es muss der archäologische Befund erkennbar sein.“ Banghard hatte Ulfhednar unter anderem vorgeworfen, eine solche Stilisierung des Symbols auf der Vereinsfahne in der Art vorgenommen zu haben, dass das Hakenkreuz stärker zur Geltung komme. Stärker als im Vorbild zu sehen, auf das sich die Gruppe beruft: die Darstellung auf einem Riemenverteiler aus Niederstotzingen (Grab 9). Diese Fahne werde zurzeit neu genäht, sagt Ulfhednar-Chef Ziliox.
Archäologin Halle kommt erneut auf die Ideologie zu sprechen. „Wichtig ist doch die Frage, was steckt bei den Gruppen dahinter?“ Baer legt nach und kreidet „neuheidnischen Gruppen“ eine verquere Geschichtsdarstellung an, wenn sie einschlägige Symbole benutzen. „Da wird oft Konstruktion und nicht Rekonstruktion betrieben.“ Im Publikum werden Stimmen laut, die in ihrer Quintessenz nach „ideologiefreier Living History“ verlangen. Ziliox steht in diesem Moment auf verlorenem Posten. Wiederum betont er, keine „rassischen“ oder „völkischen“ Ansichten zu verbreiten. „Und ich bin kein Christenfeind“, ruft er in Richtung Baer, der Neuheiden pauschal eine „Christentumsfeindlichkeit“ unterstellt. Die Emotionen kochen hoch, eine Frau zeigt sich entsetzt über die „schamlose Verwendung des Hakenkreuzes“ bei Ulfhednar.
Haben Museen versagt?
Wiederum distanziert sich Ziliox nicht von seinem Vorgehen. In anderen Ländern, unter anderem in Osteuropa, gehe man viel unbefangener mit den ursprünglichen Bedeutungen der Sonnensymbole um, sagt er. „Es gibt Funde, also auch die Chance, offen damit umzugehen.“
Menghin pocht auf die Bedeutung der Living History für die Wissenschaft. „Wir sind darauf angewiesen“, sagt er. Für die praktische Umsetzung von Funden in wirklichkeitstreue Nachbildungen hätten die Museumsleute ohnehin kaum Zeit. Eine besondere Vorliebe für Ulfhednar-Rekonstruktionen mit Swastika darf man Menghin keineswegs unterstellen. Auch er verwahrt sich gegen allzu beliebige Nutzung. Er vermisse aber schlicht „das Augenmaß“ bei der Diskussion. Und er würde Ulfhednar nach wie vor engagieren.
Michael Schmauder, Kurator im Rheinischen Landesmuseum Bonn, platzt angesichts vieler Vorwürfe der Kragen. Jockenhövels öffentliche Erklärung bezeichnet er als „undemokratisch.“ Eine Anzeige gegen den Tätowierten von Paderborn wäre der richtige Weg gewesen. „Aber man kann nicht eine ganze Gruppe in Sippenhaft nehmen“, wettert er. Auch er halte nichts von einer Anhäufung von Hakenkreuzen auf der Ausrüstung der Darsteller. Doch mit der nun angebrochenen Diskussion bestehe die Gefahr, dass jeder, der eine Swastika zeige, „gleich als rechts oder völkisch gilt“.
Und Schmauder wirft seiner eigenen Zunft ein gewisses Versagen vor. Die Diskussion hätte – auf fachlicher, und damit sachlicher Ebene – viel früher beginnen müssen. „Wir Wissenschaftler sind gefragt, mit Reenactmentgruppen zu reden.“ Das ist etwas, das sich Michael Theren von Kavalleriegruppe „Timetrotter“ schon lange wünscht. Seit fast 20 Jahren betreibe er historische Darstellung und ist mit seiner Gruppe oft Teil von museumspädagogischen Programmen. „Aber bislang gab es niemals ein qualitatives Feedback von den Museen“, sagt Theren. Auch seine militärhistorischen Darstellungen könnten von manchem Besucher als „kriegsverherrlichend“ gewertet werden, gäbe es nicht die begleitenden Kommentare.
Theren stellt klar: „Ideologiefreies Reenactment gibt es praktisch nicht.“ Und meint damit die fast unausweichliche Vermengung von puren Rekonstruktionen archäologischer Funde mit einer gewissen Interpretation. Denn genau das tun viele Darsteller mehr oder minder ausgeprägt.
Und was wird nun?
Es zeigt sich schnell: Die Podiumsdiskussion kann lediglich der Auftakt zu einer ganz grundsätzlichen Debatte sein. Eine Debatte, die das Gros der Anwesenden indes vornehmlich auf das Verhältnis zwischen Museen und Living History beschränkt. Die praktisch vorhandene Mischzone hin zu weniger musealen Veranstaltungen und Gruppen wird dabei ausgeblendet. Doch selbst für das fokussierte Feld stehen weitere Schritte noch aus. Als einziger Ausblick kommt der Vorschlag einer Museumsmitarbeiterin aus Hamm, per Anschreiben auch die Museumsverbände einzubeziehen.
Das zweite Fazit ist für Ulfhednar eine bittere Pille: Für Ziliox sei klar, dass derzeit kaum ein Museum seine Gruppe noch buchen werde. Wirtschaftlich könnten sie vor dem Aus stehen.
Und da ist noch mehr: Unterschwellig schwingt bei manchem Vertreter der Living-History-Szene nun die Sorge mit, dass eine – seit langem diskutierte – Zertifizierung nach Qualitätsaspekten künftig von einer Überprüfung der privaten Gesinnung überlagert wird. Gibt es dann keine Inszenierung kultischer Handlungen, etwa von römischen Riten, mehr? Gelten dann Darsteller von Ritterorden, die oft auch kirchliche Zeremonien zelebrieren, plötzlich allesamt als religiöse Fanatiker? Und sind esoterisch angehauchte Keltenfans dann gefährliche Heiden, die die Grundfesten unserer Gesellschaft erschüttern wollen?
Diese zugespitzten Fragen illustrieren, welche Sorgen im Raume stehen. Und fraglich bleibt auch, ob es sich Reenactors und Museumsleute leisten können, etwa die Szene der Mittelaltermärkte auszublenden. Auch von dort rücken immer wieder Akteure in die Reihen jener Gruppen nach, die es mit ihrer Ausstattung möglichst historisch exakt nehmen. Und schließlich dürfte die Wahrnehmung des Publikums für tatsächliche oder angebliche Grenzen entscheidend sein. Will heißen: Erleben Menschen beispielsweise auf sogenannten „Wikingermärkten“ rechtsradikale Gesinnungen, könnten sie dies sehr wohl mit Nordmanndarstellungen im musealem Umfeld vergleichen. Der Museumswelt, aber auch anderen Organisatoren historisch geprägter Veranstaltungen, steht ein schweres Stück Arbeit bevor: Sie müssen den Spagat schaffen, ihr Publikum vor extremistischen Darstellern zu schützen – ohne aber zugleich Gefahr zu laufen, aus Zeit- und Kostendruck pauschale Verurteilungen vorzunehmen.
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133 Kommentar(e) zum Thema
1.
Michael Theren
Sehr umfassender Artikel Marcel;
eine Korrektur:
Der Schwerpunkt von Timetrotter liegt derzeit noch bei der Kavallerie – mit unserer zivilen Kulturdarstellung sind wir erfreulicherweise aber auch recht erfolgreich
2.
Ralf Hoppadietz
Zwei Ergänzungen:
1.) Kritisiert wird die Verwendung von Swastiken, für die es keine archäologischen Belege gibt bzw. die so verändert wurden, dass sie mit dem archäologisch nachgewiesenen Objekten nichts mehr zu tun haben (bsp. der 5 Markstück große Riemenverteiler von Niederstotzingen Grab 9, der in stark veränderter Form als Motiv einer Standarte verwendet wird). Da Herr Ziliox vorab über die Fragen informiert war, wäre ein Beleg (wenn es ihn denn gäbe) leicht möglich gewesen.
2.) Inwieweit die Erklärung von Prof . Dr. Jockenhövel “undemokratisch” sein soll, erschließt sich mir ebenso wenig wie der Vorwurf von “Sippenhaft”. Wenn eine Gruppe von einem Museum zu so einer Vorführung gebucht wird, ist diese Gruppe natürlich für das Auftreten ihrer Mitglieder verantwortlich. In diesem Zusammenhang wurde auch zu Recht von einer Teilnehmerin der Podiumsdiskussion darauf hingewiesen, dass weder durch den Verantwortlichen der Gruppe, Herrn Ziliox, noch durch den Veranstalter Herrn Dr. Eggenstein eine Strafanzeige gegen den Träger dieser verbotenen Tätowierung gestellt worden ist.
3.
Wulf Hein
Der Artikel gibt die Stimmung in Paderborn ganz gut wieder, allerdings kamen dort die Sorgen der Living-History-Akteure nur am Rande zur Sprache, dafür war die Zeit leider viel zu kurz.
Die Germanentümelei hat schon einmal Geschichte im Wortsinn „gemacht“, indem sie durch heftigste Geschichtsklitterung arische Kulturhöhe beweisen sollte, die Folgen kennt jeder, dessen IQ größer ist als seine Schuhgröße. Durch das partielle Kokettieren mit Himmler und Co., die “Reichsmuseen Deutscher Vorzeit” samt Ausbildungsstätten für Schüler, bei deren Anblick heutige MuseumspädagogInnen ob der hervorragenden Ausstattung blass würden, wäre da nicht dieser braune Überzug, wurde die (experimentelle) Archäologie so diskreditiert, dass sich nach 1945 jahrzehntelang kein Mensch getraut hat, öffentlich zu experimentieren, geschweige denn LH oder Archäotechnik zu präsentieren, aus Angst, in die braune Ecke gestellt zu werden. Erst Ende der 1980er war in Deutschland so etwas wie lebendige Geschichte überhaupt wieder möglich, das Publikum dankte es deutlich, und kaum 20 Jahre später wird das (inzwischen gar nicht mehr so zarte) Pflänzchen erneut niedergetrampelt. Ich denke, der Flurschaden wird beträchtlich sein, nicht nur bei den „Ulfhednar“, sondern die gesamte “Szene”, all unsere Bemühungen um lebendige ideologiefreie Geschichtsvermittlung, die Spaß macht, sind desavouiert worden, unter anderem durch Versäumnisse und eine gewisse Blauäugigkeit auf Museumsebene, obwohl´s die Raben aus allen Eschen raunten…
Meine Konsequenz seit Längerem: Ich versuche gar nicht mehr, mit Konstruktion zu arbeiten bzw. vermeide sie, wo´s nur irgend geht oder weise sehr deutlich darauf hin, dass alles modellhaft ist, und versuche im Gegenteil mit Dekonstruktion, mit Theater, mit Differenzierung der Blickwinkel den Besuchern klar zu machen, dass Geschichte grundsätzlich eine Konstruktion ist. Illusion erzeugen und dann brechen, das scheint mir ein machbares Rezept zu sein. Wenn wir „die Funde zum Sprechen bringen“ und in metaphysische Bereiche eintreten wollen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die Funde an sich nicht sprechen können, dass manche Geständnisse nur unter Zwang erfolgen und dann das gesagt wird, was der Fragende gerne hören möchte. Die Sprache der Funde ist unsere eigene Sprache und bestenfalls eine passable Übersetzung der Informationen, die das Original uns gibt (oder zu geben scheint), so dass wir gar nicht in der Lage sind, Geschichte authentisch darzustellen, schon gar nicht zu “leben”, sondern bestenfalls nachzuempfinden, wobei die Empfindungen unsere eigenen, heutigen sind. Ich widerspreche aber M. Theren: Es gibt Geschichtspräsentation nicht ohne die persönliche Note des Vorführenden, aber sehr wohl ohne ideologische Einfärbungen, dafür müssen die Protagonisten selbst und ihre Auftraggeber sorgen, in welcher Form auch immer, wenn sie ihrem Bildungsauftrag gerecht werden wollen.
„Ulfhednar“ tanzen offenbar Polka auf ganz dünnem Eise und jonglieren dabei auch noch mit dem Feuer. Wenn mit diesem Feuer die Fackel entzündet wird, die – frei nach Ricarda Huchs Definition von Tradition – weitergegeben werden soll, anstatt die Asche aufzubewahren, dann sollte diese Fackel nur einem Zweck dienen: Licht ins Dunkel zu bringen. Der „Living-History“ und der Reenactmentszene haben „Ulfhednar“ mit ihrem – gelinde gesagt – indifferenten Umgang mit eindeutig besetzten Symbolen einen gewaltigen Bärendienst erwiesen. Es ist in meinen Augen so absolut unnötig wie unmöglich, diese Symbole zu rehabilitieren, im Gegenteil, ich würde ihnen die Funktion einer Wracktonne zuweisen, die ein gefährliches Unterwasserhindernis anzeigt.
4.
Torsten Kreutzfeldt
Zitat: die fast unausweichliche Vermengung von puren Rekonstruktionen archäologischer Funde mit einer gewissen Interpretation.
Ja, und genau weil manchmal diese Freiheit vorhanden ist, muss man ein gewisses Zeichen in Deutschland nicht unbedingt verwenden oder sehr , sehr sensibel damit umgehen. Dieser bewusst vorsichtige Umgang fehlte Ulfhednar und das ist ihnen auf die Füsse gefallen. Gerade wenn man wirtschaftlich auf diese Einnahmen angewiesen ist, sollte man mit sachlich und sensibel in der Darstellung vorgehen. Schon ein Blick auf die Internetseiten der Gruppe reichte mir für einen Eindruck und der war nicht positiv. Dieser Eindruck wird in Halle auch von der Archäologie geteilt. Da hilft nur ein bedauernswertes Mea culpa, aber kein trotziges “Weiter so!”
Und vielleicht sollte man auch ab und zu sein Publikum und die Museumsbesucher fragen, ganz persönlich: Die wollen es nicht sehen, auch wenn ihr es noch so sehr erklärt. Auch wenn es noch so sehr belegt ist.
Deshalb meine Bitte: Laßt es weg, nehmt etwas anderes. Es muß nicht sein. Es schadet nicht nur Ulfhednar, sondern uns allen…
5.
Stefan Deuble
Sollte die aktuelle Diskussion nicht weiter führen als sich nur mit der politischen oder religiösen Gesinnung von Darstellern zu beschäftigen, dann fürchte ich, dass nur an Symptomen herumgedoktert wird.
Meines Erachtens sollte zum einen die Kette “vermutete Publikumserwartung” —> “Hoffnung auf erhöhte Besucherzahlen” —> “Beauftragung durch Veranstalter” beleuchtet werden. Knapp gesagt präsentieren die Ulfhednar sich recht martialisch und sehr fotogen und waren damit sehr erfolgreich, während die Darstellung von Handwerk und Mode nicht so spektakulär scheint.
Das Angebot der Darsteller“szene” entwickelt sich auch entsprechend der Nachfrage durch die Veranstalter.
Zum anderen wäre es eine positive Auswirkung dieser Diskussion, wenn Darstellergruppen vor, aber auch während des Engagements von den meist fachlich hochqualifizierten Auftraggebern genauer wahrgenommen würden und mit Rückmeldungen und konstruktiver Kritik versorgt würden. Sowohl in Bezug auf die Qualität der gezeigten Rekonstruktionen als auch auf die Art der Publikumsansprache.
Bisher ist mein persönlicher EIndruck eher der: “Gebucht —> auf’s Publikum losgelassen —> vergessen.”
Würde das anders gehandhabt, würden sich fragwürdiger Umgang mit ideologiebelasteten Themen genauso wie schlampige Ausstattung sehr schnell verbessern. Gerade auch bei Hobbygruppen, deren Zugang zur Geschichtsdarstellung sich auf dem langen Weg von der Lagerfeuerromantik zur akribischen Rekonstruktion befindet. Hier wäre, auch ohne schweres Geschütz, leicht Besserung zu erzielen.
Deswegen möchte ich darum bitten, den Schwarzen Peter nicht allein den Darstellern zuzuschieben. Wer Darsteller als illustrierende Bereicherung seiner Bildungseinrichtung engagiert, sollte sich dessen bewusst sein, dass aus Publikumssicht das dort gezeigte den Segen des jeweiligen Museums hat und entsprechend bewertet wird. Die Mühe, dem von den Darstellern Gezeigten etwas fachliche Unterstüzung und Rückmeldung zu gewähren, wäre durch die öffentliche Verteilerwirkung der Gruppen sicher gerechtfertigt.