Hastings 2006

Reifeprüfung für ein Kontingent

Manche hatten Tränen in den Augen, andere ließen buchstäblich ihre „Seelen auf der Insel“ zurück: Das Franco-flämische Kontingent is back from „The Battle of Hastings“ in England. Das vergangene Wochenende hinterließ bleibende Eindrücke von einem sagenhaften Event.

Eine Fahne des FFC spiegelt sich im Helm eines Akteurs. (Foto: Schwarzenberger)
Eine Fahne des FFC spiegelt sich im Helm eines Akteurs. (Foto: Schwarzenberger)

Fotos zum Thema

  • Maik Elliger (Mitte) und Detlef Fischbuch (rechts) in den Reihen des FFC. <span class="copy">(Foto: Schwarzenberger)</span>
  • Die grün-roten Schilde sind ein Markenzeichen des Kontingents. <span class="copy">(Foto: Schwarzenberger)</span>
  • Die Bogner des FFC spielten in Hastings eine wesentliche Rolle. <span class="copy">(Foto: Schwarzenberger)</span>
  • Spangen und Nasenschutz: Bis ins Detail sollte die Ausrüstung stimmen. <span class="copy">(Foto: Schwarzenberger)</span>
  • Ohne sie läuft nichts: Die Frauen im Tross sorgten für Truppenbetreuung. <span class="copy">(Foto: Schwarzenberger)</span>
  • In der Hitze des Gefechts ist jeder über einen kühlen Schluck froh. <span class="copy">(Foto: Schwarzenberger)</span>

Details

Fotohinweis
Bei den hier gezeigten Fotos des FFC handelt es sich um Szenen von der Kaiserpfalz Werla (2005), Kaiserlager Tilleda 2006 und Abenteuer Mittelalter in Goslar 2006.

Prolog: Wilhelm erobert ein Reich

Vor exakt 940 Jahren, am 14. Oktober 1066, schrieb Herzog Wilhelm von der Normandie – er bekam später den Beinamen „der Eroberer“ – Geschichte im angelsächsischen England. Dessen König Eduard war im Januar kinderlos gestorben. Ihm folgte Harold II., ein nicht unumstrittener Thronerbe. In die anhebenden Erbfolgekriege der Angelsachsen mischte sich auch Herzog Wilhelm ein. Er erhob ebenfalls Ansprüche auf den Thron und berief sich dabei auf einen angeblichen Treueid von Harold, der sich eine zeitlang an Wilhelms Hof aufgehalten hatte.

Am 13. Oktober bezog Harold mit seinen Kriegern Stellung auf dem Senlac-Hügel nordwestlich von Hastings. Gut 7000 Kämpfer boten die Angelsachsen auf, um die normannischen Kontingente und deren Verbündete zu erwarten. Wilhelm erschien in den frühen Morgenstunden des 14. Oktober 1066 auf dem Kampfplatz – vermutlich mit rund 9000 Kriegern, darunter Kavallerie und Bogenschützen. Über solche Einheiten verfügte Harold nicht. Der normannischen Kampfkraft waren die Angelsachsen nicht gewachsen. In einer kurzen, aber heftigen Schlacht bezwangen Wilhelms Truppen König Harold, der die Schlacht nicht überlebte. Herzog Wilhelm ließ sich zum König von England krönen. Das war das Ende der angelsächsischen Eigenständigkeit.

Detailversessene Vorbereitung

Die Schlacht hinterließ viele Spuren. Ein Kirchenbau in der Gemeinde Battle – nach dem Kampfplatz benannt – ist direkt auf den Sieg Wilhelms zurückzuführen. Der berühmte Teppich von Bayeux zeichnet das Geschehen aus normannischer Sicht beinahe minutiös auf. Und schließlich fanden Archäologen in England aber auch anderswo Überreste von Waffen und Ausrüstung der zeitgenössischen Krieger. All dies bot ausreichend Quellenmaterial für die internationale Reenactmentszene, um die Schlacht von Hastings nachzustellen.

Seit vielen Jahren schon veranstaltet das English Heritage, das die historischen Stätten in England verwaltet und vermarktet, regelmäßig die „Battle of Hastings“. In diesem Jahr allerdings war vieles anders. Der 14. Oktober fiel auf ein Wochenende, das Event hatte sich längst in der Szene herumgesprochen, der Jahrestag tat ein Übriges. Fast 2000 Akteure aus ganz Europa erwarteten die Organisatoren vom English Heritage und den Mitgliedern der Vereinigung Vikings diesmal. So viele wie noch nie in der Geschichte der Reenactmentveranstaltung.

Und: In Deutschland bereitete sich mit dem Franko-flämischen Kontingent (FFC) seit zwei Jahren eine geschlossene Formation vor, wie es sie bislang hier zu Lande noch nie gab. Rund 270 Männer und Frauen aus der gesamten Bundesrepublik, dazu einige Niederländer, brachte der Organisationsstab FFC um den Kölner Gawan Dringenberg zusammen. „Es ist zudem das erste Mal, dass ein geschlossenes Kontingent aus Deutschland nach Hastings fährt“, sagte Detlef Fischbuch, Presseoffizier des FFC und selbst unter dem Namen Ariweyet als Kriegerdarsteller dabei.

Seit gut acht Jahren ist der gelernte Kaufmann Fischbuch in der hessischen Hochmittelalter-Gruppierung „Die Dorrenberger“ in der Szene dabei. Dringenberg gehört den Freien Wikingern zu Köln an – und liegt damit zeitlich den Ereignissen näher. Das 11. Jahrhundert war aber auch für die meisten anderen Teilnehmer weitgehend Neuland. Viele Einzelakteure, aber auch rund 30 Vereine und Gruppen schlossen sich dem FFC an. Darunter auch der Thüringer Ritterbund – vorher ebenfalls im Hochmittelalter „zu Hause“. Irgendwann lief Maik Elliger, der Vorsitzende des Thüringer Vereins, Gawan Dringenberg über den Weg. Und war von dessen Idee, eine geschlossene Einheit nach Südengland zu bringen, fasziniert. „Ich habe meinem Verein gesagt, dass ich da mitgehe“, sagte Elliger. Nach anfänglicher Skepsis hätten die Thüringer geschlossen mitgemacht, sagte er. Die Anforderungen der Hastings-Organisatoren seien eine Herausforderung gewesen, berichtete Elliger. Tatsächlich legt das English Heritage großen Wert auf möglichst gut gemachte Ausrüstungen. „Wir haben Ideen für unsere Ausstattung gesammelt und dann einfach Workshops gemacht“, sagte der Chef der Thüringer. So entstanden etwa Schuhe und Helme in Eigenarbeit. „Wir haben unsere Fertigkeiten in der Gruppe zusammengeworfen“, sagte Elliger.

In etwa so fand die Vorbereitung des in den vergangenen zwei Jahren langsam anwachsenden Kontingents statt. Einen Leitfaden (Kitguide) für Kleidung und Ausrüstung gab das English Heritage heraus. „Die Messlatte für die Darsteller war hoch angelegt“, meinte Fischbuch. Der FFC-Stab setzte aber noch einen drauf. „Wir haben den Kitguide noch strenger ausgelegt als die Organisatoren es verlangen“, sagte Dringenberg. Die englische Reenactmentszene gilt als äußerst fortgeschritten in Sachen authentischer Darstellung, die historischen Quellen nachempfunden ist. Und die „Kontinentaleuropäer“ vom FFC wollten zeigen, wozu sie in der Lage sind.

In detaillierter Kleinarbeit recherchierten die FFC-Leute noch weitere Quellen und legten ihrem Kitguide neben Fotos von archäologischen Funden auch exakte Hinweise zur Herstellung bei. So waren etwa Abmessungen und Aussehen der Ringe für die Kettenpanzer genau vorgegeben. Jeweils am 14. und am 15. Oktober boten die über 2000 nach Hastings gekommenen Akteure Kampfvorführungen. Doch auch das Lagerleben nach den offiziellen Programmpunkten sollte möglichst stimmig gestaltet werden. Hieß: Keine Gummistiefel oder anderer modischer Schnickschnack während der „Freizeit“. Solche Nachlässigkeiten habe es aber in anderen Kontingenten gegeben, berichteten einige FFC-Mitglieder nach ihrer Rückkehr. „Die Engländer kochen auch nur mit Wasser“, fasste einer der deutschen Akteure seine Eindrücke zusammen.

Besser als Kino

Zwei Kampftage, an denen Tausende hoch gerüstete Menschen in einer inszenierten Choreografie vor zahlreichem Publikum aufeinander trafen – das erforderte viel Training. Das FFC nutzte etliche Veranstaltungen in Deutschland dafür, unter anderem das Kaiserlager in Tilleda und die Veranstaltung „Abenteuer Mittelalter“ in Goslar. Das Ergebnis, befanden die Rückkehrer, habe sich sehen lassen können.

Für manchen Akteur lief ein regelrechter historischer Film ab. Nahe der Battle Abbey, auf dem historischen Schlachtfeld, traten die Darsteller „englischer“ und „normannischer“ Truppen in langen Reihen gegeneinander an. Bogenschützen – darunter auch Mitglieder des FFC – und Reiter komplettierten das Bild. Wehende Fahnen, bunte Standarten und Schildwälle, der Geruch von schwitzenden Männern und dampfenden Pferden und all das vor der Kulisse des Senlac-Hügels. „Fett und stimmungsvoll“, kommentierte ein Heimkehrer.

Gibt es ein Leben nach Hastings?

Kein FFC-Mitglied dürfte die Fahrt nach Südengland bereut haben. Seinen Ursprung hat das Kontingent im Jahr 2000. Damals fuhr Gawan Dringenberg erstmals nach Hastings. Von der Atmosphäre hingerissen formte sich nach der Heimkehr die Idee von einer großen, geschlossen auftretenden Einheit. Mit Detlef Fischbuch und anderen Gleichgesinnten formte Dringenberg seit 2004 das FFC. „Immer mehr Leute machten mit, aus der Idee wurde ganz schnell Ernst“, erzählte er. Klar sei von Beginn an auch gewesen, dass nur eine quasi-militärische Hierarchie das Ganze zusammenhalten konnte. Schon aus Sicherheitsgründen im Kampfgetümmel.

Männer und Frauen aller Berufsgruppen, aber auch Historiker und Archäologen machten mit. Darunter Oliver Schlegel, Kreisarchäologe aus Quedlinburg in Sachsen-Anhalt, der als Bogenschütze in die FFC-Reihen eintrat. „Alles in allem eine hochkarätige Besetzung“, befand Dringenberg. Die intensive Vorbereitung tat ein Übriges. „Wir sind eine richtig große Gemeinschaft geworden“, sagte der Kölner.

Was wird nun aus dieser Gemeinschaft? Vermutlich im Jahr 2012 wird erstmals wieder ein Hastings-Reenactment in ähnlichem Umfang wie am vergangenen Wochenende stattfinden. Dies könnte ein Ziel sein, um die Truppe zusammenzuhalten. Aber Dringenberg hat noch andere Ideen. „Ich hoffe, dass eine möglichst große Kerntruppe dem FFC treu bleibt“, sagte er. Die Entwicklung des Kontingents habe schließlich für einen enormen „Qualitätsschub“ in der deutschen Frühmittelalterszene gesorgt. Bedauerlich also, wenn sich die Teilnehmer nun wieder in alle Winde zerstreuten. „Wir haben noch für gut 50 Jahre zu tun“, meinte Dringenberg augenzwinkernd. „Wir“ – damit seien die Normannen des 11. Jahrhunderts gemeint, die in jener Zeit noch andere Unternehmungen voran brachten. Etwa die Eroberung Siziliens. All dies könne gut und gern das Thema weiterer Veranstaltungen werden, zu denen das FFC beiträgt. Oder selbst organisiert. Es klingt, als sei den Akteuren des Kontingents nach der „Reifeprüfung Hastings“ kaum etwas unmöglich.

Marcel Schwarzenberger  |  Artikel vom 18. Oktober 2006

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