Keltenbuch

Irreführendes für Rhön-Touristen

Im März dieses Jahres präsentiert der Imhof Verlag das neueste Büchlein von Walter Höhn und wirbt vollmundig: „Dargestellt wird, wie und wo heute die Keltenwelt nacherlebt werden kann.“ Dieser Schuss ging weit daneben.

Details

Das Buch
Walter Höhn; Leben wie die Kelten; Michael Imhof Verlag; Petersberg ; 2008; 96 Seiten; 141 Farbbilder; Broschur; ISBN 978-3-86568-338-0; 7,95 Euro
Die Autorin
SYLVIA CRUMBACH, Jahrgang 1969, kfm./techn. Angestellte im Glaserhandwerk, ist Vorsitzende des Vereins Projekte zur lebendigen Geschichte e.V. sowie Mitglied im Archäotechniker Forum Federseemuseum. Ihre Spezialität sind Rekonstruktionen historischer Textilien sowie die Ernährung in vorgeschichtlicher Zeit. Sie ist für Museen im In- und Ausland tätig.

Ein Keltendorf für die Massen

Der Klappentext der Broschüre „Leben wie die Kelten“ verspricht vollmundig, Keltensiedlungen von Hallein bis zum Taunus zu besuchen, es wird sogar versprochen, am Beispiel des Keltendorfs Sünna zu zeigen, „wie die Kelten sich wohl fühlten“. Nach gewissenhafter Lektüre aller 96 Seiten der Veröffentlichung bin ich dem Wohlfühleffekt leider nicht auf die Schliche gekommen. (Rund 50 Gemeinden beteiligen sich seit 2004 an dem Bau des Keltendorfes Sünna in der thüringischen Rhön – als touristisches Ausflugsziel, aber mit dem Anspruch: „historisch nachempfunden“. Die Initiatoren berufen sich dabei auf keltische Siedlungsspuren in der Region. Anm. d. Red.)

Schlägt man das Büchlein auf, wird man von den „anmutigen Amazonen aus Merkers“ bei ihrem „aufregenden Säbeltanz“ auf einer Hochglanz-Doppelfotoseite begrüßt. So vorbereitet, erfährt der Leser im Vorwort, dass auf den nächsten Seiten in archäologischen Thesen umrissen wird, wer die Kelten waren. Sehr gespannt erwartet man Einblicke, denn ebenfalls im Vorwort ist zu lesen, dass in den nachgebauten Siedlungen und an den Fundstellen noch mehr über die Kelten zu erfahren ist als in Museen.

Es folgen etwas mehr als 16 mit vielen Farbbildern versehene geschichtlich/archäologische Allgemeinplätze mit ins Fragwürdige abgleitende Anlehnungen an die lokale Sagenwelt. Zitat: „Keltische Traditionen leben nur in wenigen Rückzugsgebieten fort, z.B. Irland, Wales …“. Gekrönt wird das ganze durch einen „keltischen Jahreszeitfestkalender“. Der versprochene Überblick über die „Keltendörfer“ zwischen Hallein und Taunus wird auf den nächsten 5 Seiten abgehandelt. Davon stammen gut 2,5 Seiten als Zitat aus dem Ausflugsführer „Wege zu den Kelten“ von Thomas F. Klein aus dem Theiss Verlag.

Wenig Fundiertes im Angebot

Mit den nächsten 30 Seiten gelangt man zum Kernstück der Veröffentlichung: Das Keltendorf Sünna. Ausführlich, und mit vielen Bildern, geht der Autor auf den benachbarten Gasthof „Keltenhotel“ mit seiner rustikalen, das heißt „keltischen“, Gaststube ein. Es folgt ein Bericht über die Bauarbeiten mit den ausführenden Firmen. Im Nebensatz wird abgehandelt, dass andere Freilichtanlagen als Vorbild gedient haben. Von einer wissenschaftlichen Stütze oder fachlicher Betreuung ist nicht die Rede. Auch von den Grundlagen keine Spur – enttäuschend.

Das Statement „So gesehen ist das Keltendorf als archäologisches Experiment zu verstehen“ befremdet schon auf Seite 41. Das Befremden steigert sich auf den nächsten Seiten, auf denen ausgiebig auf das breite Angebot im Keltendorf Sünna eingegangen wird – und wieder darf die örtliche Erlebnisgastronomie nicht zu kurz kommen. Ein fast komplett zitierter Zeitungsartikel aus der Südthüringer Zeitung schildert ausführlich ein internationales Keltenlager – gefolgt von Fotos einer bekannten Darstellergruppe. Die Teilnehmer schaffen es, dass nicht alle Kostümierten aussehen, als wären 100 Jahre Textilforschung völlig ignoriert worden. Mein persönliches „Highlight“ ist der Salzsieder mit dem Hörnerhelm (mehrfach im Bild) und der Auftritt „Druide und Keltenprinzessin“. Ein ausgiebiger Bericht über Wahrsagerin und Kräuterfrauen, sowie Werbeausblicke auf 2008 runden den Bericht ab.

Es folgen einige Beschreibungen reizvoller moderner Wanderungen mit hübschen Landschaftsfotos. Die 6 Seiten zum Keltenhof in Mackenzell bei Hünfeld (Hessen) fallen, auch Dank einiger Zitate, schon fast fundiert aus. Die 3 Seiten zum ebenfalls thüringischen „Keltenbad“ Bad Salzungen konnten mich den Kelten ebenfalls nicht näher bringen – wie auch die Beschreibung von Radwanderungen durch die Bayrische Rhön. Eine Liste von Museen (ohne Bezug zum Büchlein) und von Touristischen Anschriften ergänzt das Angebot.

Fazit: Ich bin schlicht fassungslos. Ein vollmundiger Titel verbirgt ein werbelastiges Machwerk – es fehlt nur das Schild „Vorsicht, Touristenfalle!“ Die Kelten bleiben irgendwo im Nebel der Geschichte. Und wenn ich jemals Kelte gewesen wäre – ich wäre froh darüber!

Sylvia Crumbach  |  Artikel vom 07. Mai 2008

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